Wadephul in Rabat – Deutschland setzt in Afrika stärker auf Marokko

Berlin und Rabat rücken enger zusammen: Beim strategischen Dialog setzt Deutschland auf Marokko als Wirtschaftsstandort, Sicherheitspartner und Brücke zwischen Europa, Afrika und dem Nahen Osten.

Deutschland und Marokko wollen ihre Partnerschaft in Wirtschaft, Sicherheit, Migration und Außenpolitik deutlich ausbauen. Außenminister Johann Wadephul traf dafür in Rabat seinen marokkanischen Amtskollegen Nasser Bourita zum zweiten multidimensionalen strategischen Dialog. Beide Länder begehen in diesem Jahr 70 Jahre diplomatische Beziehungen. In der gemeinsamen Erklärung rückt Marokko für Deutschland als Partner in Afrika, im Mittelmeerraum, im Sahel und im Nahen Osten weiter nach vorn.

Rabat wird zur Bühne für eine engere Partnerschaft

Wadephul reiste mit Bundestagsabgeordneten und einer Wirtschaftsdelegation nach Marokko. Schon vor seiner Abreise hatte er das Königreich als „wichtige Brücke zwischen dem europäischen und dem afrikanischen Kontinent“ und als „Schlüsselpartner“ für Deutschland bezeichnet.

In Rabat ging es nicht nur um diplomatische Routinen. Beide Regierungen wollen aus dem regelmäßigen Dialog eine breitere strategische Partnerschaft machen. Bourita sprach von einer Beziehung, die auf Vertrauen, gegenseitigem Nutzen und enger Abstimmung in regionalen und internationalen Fragen beruhe.

Der Zeitpunkt verleiht dem Besuch zusätzliches Gewicht. Deutschland sucht in einer von Kriegen, Energiefragen und Migrationsdruck geprägten Lage verlässliche Partner im südlichen Mittelmeerraum. Marokko wiederum will seine Rolle als politischer, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Anker zwischen Europa und Afrika ausbauen.

Mehr Handel, mehr Industrie, mehr Wasserstoff

Die wirtschaftlichen Beziehungen stehen im Zentrum des neuen deutsch-marokkanischen Anlaufs. Marokko ist bereits Deutschlands zweitgrößter Handelspartner auf dem afrikanischen Kontinent. In Marokko sind mehr als 300 deutsche Unternehmen aktiv, vor allem in der Automobilindustrie, der Luftfahrt, der Pharmawirtschaft und im digitalen Sektor.

Wadephul sprach vor Ort von einem „großen Potenzial“. Deutschland sieht Chancen bei erneuerbaren Energien, grünem Wasserstoff, kritischen Rohstoffen, Maschinenbau, Landwirtschaft und Wasserwirtschaft. Marokko positioniert sich dabei als Industriestandort mit junger Bevölkerung, wachsender Infrastruktur und Zugang zu afrikanischen Märkten.

Die gemeinsame Erklärung nennt regelmäßige deutsch-marokkanische Wirtschaftsforen als Plattform für neue Projekte. Dabei sollen Unternehmen, öffentliche Stellen und Investoren enger zusammenkommen. Im Blick stehen integrierte Wertschöpfungsketten, Wasserstoff, Digitalisierung und künstliche Intelligenz.

Marokkanische Fachkräfte rücken stärker in den Fokus

Auch die Fachkräfteeinwanderung gehört zu den sichtbaren Themen des Besuchs. Wadephul hob die Rolle marokkanischer Fachkräfte in Deutschland hervor, besonders im Gesundheits- und Pflegebereich. 2025 erhielten mehr als 3.000 Marokkanerinnen und Marokkaner ein Arbeitsvisum für Deutschland.

Beide Regierungen wollen legale Mobilität ausbauen und zugleich irreguläre Migration reduzieren. Dafür soll die Ständige Gemischte Migrationsgruppe weiterarbeiten. Das nächste Treffen ist für 2026 in Deutschland geplant.

Die Zusammenarbeit umfasst auch Rückkehr, Wiedereingliederung, Berufsbildung und EU-Talentpartnerschaften. Damit verbindet Berlin migrationspolitische Steuerung mit Arbeitsmarktinteressen. Rabat setzt zugleich auf geordnete Verfahren und eine stärkere Anerkennung marokkanischer Qualifikationen.

Sicherheit vom Sahel bis zur WM 2030

Der strategische Dialog griff mehrere Krisenräume auf, die Marokko und Deutschland zugleich betreffen. Dazu gehören der Sahel, Libyen, der Nahe Osten, Iran, die Golfregion, Europa und der Krieg in der Ukraine.

Beim Sahel wollen beide Länder enger zusammenarbeiten. Bourita sprach in Rabat über Stabilität, Entwicklung und den Kampf gegen Terrorismus. Er verwies zugleich auf eine Verbindung zwischen Terrorismus und Separatismus in der Region. Wadephul nannte die jüngsten Terrorangriffe in Mali als Zeichen einer Lage, die Deutschland strategisch betreffe.

Auch die Sicherheitskooperation soll ausgebaut werden. Beide Seiten wollen die militärische Zusammenarbeit sowie Rüstungs- und Verteidigungskooperation stärken. Zudem laufen Verhandlungen über ein bilaterales Sicherheitsabkommen und einen Sicherheitsdialog. Dabei geht es um Terrorismusbekämpfung, organisierte Kriminalität, Drogenschmuggel, Informationsaustausch und die Sicherheit großer Veranstaltungen.

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2030, die Marokko gemeinsam mit Spanien und Portugal ausrichtet, bekommt damit eine sicherheitspolitische und wirtschaftliche Dimension. Deutschland bietet Erfahrungen bei der Organisation sicherer Sportereignisse an. Deutsche Unternehmen sollen zudem beim Ausbau von Infrastruktur und Stadien eine Rolle spielen können.

Deutschland rückt bei der Westsahara-Frage näher an Rabat

In der Westsahara-Frage bekräftigt Deutschland seine Unterstützung für den Prozess der Vereinten Nationen. Zugleich verweist die gemeinsame Erklärung auf die Resolution 2797 des UN-Sicherheitsrats aus dem Jahr 2025, die Verhandlungen auf Grundlage des marokkanischen Autonomieplans vorsieht.

Berlin bezeichnet den Autonomieplan Marokkos als ernsthafte und glaubwürdige Grundlage für Verhandlungen. Deutschland begrüßt zudem die Bereitschaft Marokkos, die Ausgestaltung einer Autonomie unter marokkanischer Souveränität mit allen betroffenen Parteien zu klären.

Damit erhält Rabat in einem zentralen außenpolitischen Dossier zusätzliche diplomatische Rückendeckung aus Berlin. Deutschland erklärt zugleich seine Bereitschaft, Konsultationen im Rahmen der Vereinten Nationen zu unterstützen.

Gaza, Iran und Ukraine auf gemeinsamer Agenda

Im Nahen Osten betonten Wadephul und Bourita die Unterstützung für eine verhandelte Zwei-Staaten-Lösung. Deutschland würdigte Marokkos Rolle in der Region und das Engagement im Zusammenhang mit Jerusalem. Marokko wiederum hob die deutsche Hilfe für die Palästinensische Autonomiebehörde und die humanitäre Unterstützung für Palästinenser hervor.

Wadephul verwies zudem auf Marokkos Bereitschaft, an der Umsetzung eines 20-Punkte-Plans für Gaza und an einer internationalen Sicherheitstruppe mitzuwirken. Für Berlin fügt sich das in das Bild eines Partners ein, der in regionalen Krisen diplomatisch und sicherheitspolitisch einbezogen werden kann.

Auch Iran und die Sicherheit der Seewege waren Thema. Beide Seiten forderten die Achtung der Waffenruhe in der Region, ein Ende militärischer Operationen und freie Schifffahrt durch die Straße von Hormus. In der Ukraine-Frage bekräftigten Deutschland und Marokko die Unterstützung für die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine.

Kultur, Bildung und Sport als Brücken

Neben Sicherheit und Wirtschaft setzt der Dialog auch auf Bildung, Kultur und persönliche Verbindungen. Beide Länder wollen die Hochschulkooperation stärken, den Austausch zwischen Schulen ausbauen und den Deutsch- und Arabischunterricht fördern. Die PASCH-Initiative soll im marokkanischen Schulsystem erweitert werden.

Eine neue Partnerschaft zwischen der Nationalen Museumsstiftung Marokkos und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz soll die kulturelle Zusammenarbeit vertiefen. Auch die deutschen politischen Stiftungen bleiben Teil der bilateralen Beziehungen. Im September 2025 wurde in New York eine Änderung des Abkommens zur technischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit von 1966 unterzeichnet, die ihre Arbeit in Marokko betrifft.

Zum Besuch gehörte auch ein sportlicher Akzent. Wadephul besuchte mit dem früheren Fußballnationalspieler Karim Bellarabi ein Trainingszentrum zur Nachwuchsförderung. Der deutsch-marokkanische Sportler steht dabei für eine Verbindung, die über Diplomatie hinausgeht: Handel, Migration, Bildung, Kultur und Fußball greifen in dieser Partnerschaft immer stärker ineinander.

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