Deutschland will nach der gescheiterten Bewerbung um einen nichtständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen seine Präsenz in internationalen Organisationen und europäischen Institutionen ausbauen. Außenminister Johann Wadephul sprach in Berlin von einer „herben Enttäuschung“, stellte aber zugleich klar, dass Deutschland an seinem multilateralen Kurs festhalten werde. Vor rund 600 deutschen Beschäftigten internationaler Organisationen warb er für ein stärkeres „Team Deutschland“ in den Institutionen, in denen internationale Entscheidungen vorbereitet und getroffen werden.
Die Rede hielt Wadephul am 8. Juni bei der 14. Konferenz für deutsche Beschäftigte internationaler Organisationen und europäischer Institutionen in Berlin. Es war das erste Präsenztreffen dieser Art seit acht Jahren. Im Zentrum standen die Folgen der deutschen Niederlage in New York, die Reform internationaler Institutionen und die Frage, wie Deutschland seine personelle Vertretung in multilateralen Strukturen stärken kann.
Deutschland hält an „Respect. Justice. Peace“ fest
Wadephul verband die Niederlage bei der Sicherheitsratswahl mit einem Bekenntnis zur internationalen Zusammenarbeit. Deutschland habe sich aus Überzeugung um den nichtständigen Sitz im Sicherheitsrat beworben, sagte der Außenminister. Als einer der größten Unterstützer der Vereinten Nationen wolle die Bundesrepublik weiter Verantwortung für Frieden und Sicherheit übernehmen.
Das Kampagnenmotto „Respect. Justice. Peace“ beschrieb Wadephul als Teil des deutschen außenpolitischen Markenkerns. Deutschland bleibe ein verlässlicher Partner und werde weltweit Verantwortung übernehmen. Die Aussage war auch eine politische Reaktion auf das Scheitern der Kandidatur, das in Berlin als Rückschlag für die deutsche Außenpolitik wahrgenommen wurde.
Der Sicherheitsrat ist das wichtigste Gremium der Vereinten Nationen für Fragen von Frieden und internationaler Sicherheit. Deutschland strebt seit Jahren eine stärkere Rolle in den Vereinten Nationen an und gehört zu den wichtigsten Beitragszahlern des Systems.
Deutsche Fachkräfte als strategische Ressource
Vor den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Konferenz rückte Wadephul die Rolle deutscher Beschäftigter in internationalen Organisationen in den Vordergrund. Sie arbeiteten unter anderem bei den Vereinten Nationen, der Nato, der Europäischen Union, an internationalen Gerichtshöfen, in Entwicklungsprogrammen, Sicherheitsorganisationen und in der humanitären Hilfe.
Der Außenminister bezeichnete diese Fachkräfte als „strategische Ressource“ für Deutschland. Ihre Erfahrung aus internationalen Institutionen solle stärker in nationale Entscheidungsprozesse einfließen. Zugleich solle deutsche Expertise dort vertreten sein, wo internationale Entscheidungen vorbereitet würden.
Nach Angaben Wadephuls arbeiten derzeit rund 9.500 Deutsche in knapp 300 internationalen Organisationen und europäischen Institutionen. Diese Zahl sei beachtlich, gemessen am politischen und finanziellen Gewicht Deutschlands gebe es aber „noch Luft nach oben“.
Mehr Nachwuchs für EU, Nato und Vereinte Nationen
Wadephul warb dafür, mehr Bewerberinnen und Bewerber aus Deutschland für Auswahlverfahren internationaler Organisationen zu gewinnen. Das gelte für die Europäische Union ebenso wie für die Nato, das Sekretariat der Vereinten Nationen und andere Organisationen.
Auch innerhalb der Bundesregierung setze er sich regelmäßig für die Unterstützung deutscher Kandidaturen ein, sagte Wadephul. Das Auswärtige Amt wolle zudem Tätigkeiten in internationalen Organisationen für eigenes Personal attraktiver und leichter zugänglich machen.
Der Außenminister räumte ein, dass es für eine Institution nicht einfach sei, gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zeitweise abzugeben. Zugleich brächten sie bei einer Rückkehr wertvolle Erfahrungen mit, die für die deutsche Außenpolitik von großem Nutzen seien.
Multilateralismus unter Reformdruck
Wadephul stellte die Personalfrage in einen größeren Zusammenhang. Internationale Krisen wie der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, der Krieg im Iran und die humanitäre Krise in Sudan zeigten, dass globale Probleme nicht von einzelnen Staaten gelöst werden könnten. Konflikte, Migration, Energiepreise, Lieferketten und Klimafolgen machten internationale Zusammenarbeit notwendig.

Gleichzeitig räumte der Außenminister Reformbedarf ein. Viele internationale Organisationen, darunter die Vereinten Nationen und die Europäische Union, müssten sich an neue geopolitische Realitäten anpassen. Reformen könnten auch Personalkürzungen mit sich bringen. Entscheidend sei, dass deutsche Beschäftigte davon nicht überproportional betroffen seien.
Wadephul verwies auch auf die Strukturreform des Auswärtigen Amts, die unmittelbar vor der Konferenz umgesetzt wurde. Das Ministerium solle die Anforderungen des heutigen strategischen Umfelds klarer abbilden. Eine ähnliche Anpassung sei auch für internationale und europäische Organisationen nötig.
Berlin will Netzwerke enger nutzen
Die Konferenz in Berlin sollte deutsche Beschäftigte aus internationalen Organisationen stärker miteinander und mit der Bundesregierung verbinden. Wadephul rief die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf, die zwei Tage für Austausch, Kontakte und Zusammenarbeit zu nutzen.
Der Begriff „Team Deutschland“ stand dabei für ein Netzwerk, das nicht nur über Dienststellen und Institutionen funktioniert, sondern über persönlichen Austausch, Vertrauen und gegenseitige Unterstützung. Für die Bundesregierung ist dieses Netzwerk auch ein Instrument, um deutsche Interessen und Erfahrungen in internationalen Strukturen sichtbarer zu machen.
Der außenpolitische Rückschlag in New York verändert damit nicht den deutschen Kurs, sondern verstärkt den Blick auf Personal, Netzwerke und Einfluss in multilateralen Institutionen. Wadephuls Botschaft in Berlin lautete: Deutschland will den Multilateralismus nicht nur verteidigen, sondern personell stärker mitgestalten.

