Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat ausländischen Botschafterinnen und Botschaftern im Saarland ein deutsches Modell grenzüberschreitender Zusammenarbeit vorgestellt. Gemeinsam mit dem Diplomatischen Korps besuchte Steinmeier Unternehmen, Forschungseinrichtungen und die Völklinger Hütte. In seiner Ansprache verband er die Transformation des Saarlands mit einem Plädoyer für Europa, offene Märkte und internationale Regeln.
Diplomatie trifft Bundesland
Die Reise führte die in Deutschland tätigen Botschafterinnen und Botschafter sowie hochrangige Vertreterinnen und Vertreter internationaler Organisationen zunächst zum Elektrotechnikunternehmen Hager in Blieskastel. Anschließend besuchte die Delegation Forschungsinstitutionen auf dem Campus der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. In der Völklinger Hütte lud Steinmeier zu einem Mittagessen. Am Nachmittag stand das Porzellanunternehmen Villeroy und Boch in Mettlach auf dem Programm.
Steinmeier nutzte die Reise, um das Saarland als Beispiel für wirtschaftliche Erneuerung und europäische Verflechtung zu präsentieren. Das Bundesland profitiere vom europäischen Binnenmarkt, von grenzüberschreitender Kooperation und von Innovation in der Wirtschaft, sagte der Bundespräsident in Völklingen.
Beim Unternehmen Hager verwies Steinmeier auf internationale Exportbeziehungen und die Zusammenarbeit mit Frankreich. Auf dem Campus der Universität des Saarlandes nannte er Forschung zu bioaktiven Materialien, künstlicher Intelligenz gegen Deepfakes und neuen Wirkstoffen gegen resistente Keime. Die Völklinger Hütte beschrieb er als Ort, an dem industrielle Vergangenheit und kulturelle Gegenwart sichtbar zusammentreffen.
Saarland als europäische Grenzregion
Der Bundespräsident stellte das Saarland als Region dar, in der regionale Identität, deutsche Zugehörigkeit und europäisches Selbstverständnis zusammenfinden. „Hier im Saarland weiß man eben: Man kann aus vollem Herzen für das Saarland jubeln, Deutschland die Daumen drücken und dabei gleichzeitig ein glühender Europäer sein“, sagte Steinmeier.
Er erinnerte an die besondere Geschichte des Saarlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Saarland war zunächst ein eigenständiges Protektorat unter französischem Einfluss, mit eigener Verfassung, eigener Währung und eigenem Außenhandel. 1955 stimmten die Saarländerinnen und Saarländer in einem Referendum über ihre Zukunft ab. 1957 trat das Saarland der Bundesrepublik Deutschland bei.
Steinmeier griff diese Geschichte auf, um die heutige Bedeutung grenzüberschreitender Zusammenarbeit zu betonen. Die Region trage Europa nicht als abstraktes Projekt, sondern im Alltag, an der Grenze und im Austausch mit Frankreich.
Warnung vor Protektionismus
In seiner Ansprache verband Steinmeier die saarländische Erfahrung mit der internationalen Lage. Er sprach von einem „doppelten Epochenbruch“. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine habe mit Grundprinzipien europäischer Sicherheit gebrochen. Zugleich seien im transatlantischen Verhältnis Gewissheiten weggefallen, auf die Deutschland und Europa lange vertraut hätten.
Der Bundespräsident sprach sich für militärische Stärke, aber auch für Partner, Regeln und Diplomatie aus. Sicherheit, Freiheit und Wohlstand seien keine Selbstverständlichkeit mehr.

Steinmeier wandte sich deutlich gegen protektionistische Tendenzen. „Protektionismus, wie er jetzt wieder modern wird, ist keine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit. Im Gegenteil: Er ist Teil des Problems“, sagte er. Gerade das exportabhängige Saarland habe erfahren, was geschlossene Märkte, steigende Zölle und Rivalität zwischen Nachbarn bedeuten können.
Deutschland setzt auf Partner und Regeln
Der Bundespräsident stellte Offenheit und Vernetzung als politische Antwort auf eine Lage dar, in der Machtpolitik wieder stärker hervortritt. In einer Welt, in der Regeln missachtet und Grenzen verschoben würden, brauche es verlässliche Partner, Zusammenarbeit, Völkerrecht und die Achtung der Souveränität jedes Landes.
Die Rede fiel auf denselben Tag wie die Abstimmung der Vereinten Nationen über die nichtständigen Mitglieder des Sicherheitsrats für die Periode 2027/2028. Steinmeier sagte dazu in Völklingen: „Wie immer die Abstimmung heute in den Vereinten Nationen in New York ausgeht, diese Erfahrung wollen wir weiter einbringen in die Beziehungen zwischen unseren Staaten.“ Kurz nach der Ansprache steht fest: Deutschland verliert die Abstimmung in der Generalversammlung.
Die Reise des Diplomatischen Korps in die Bundesländer ist ein Format, mit dem der Bundespräsident ausländischen Vertreterinnen und Vertretern politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland näherbringt. In den vergangenen Jahren führten solche Reisen unter anderem nach Bayern, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern.
Völklinger Hütte als Symbol des Wandels
Die Völklinger Hütte bildete den politischen und symbolischen Mittelpunkt der Reise. Das ehemalige Eisenwerk gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe und steht heute für den Wandel eines früheren Industriestandorts zu einem Kulturort.
Steinmeier beschrieb die Entwicklung des Saarlands als Weg „vom Kohleland zum Innovationsland“. Der Strukturwandel habe sich nicht laut, sondern still und beharrlich vollzogen. Auch das Motto des Saarlands griff er auf: „Großes entsteht immer im Kleinen.“
Zum Abschluss seiner Ansprache nannte Steinmeier die Begegnungsreisen mit dem Diplomatischen Korps „gelebten Austausch“ und sprach von der Erkenntnis, „dass Offenheit auch im Umgang miteinander uns alle stärker macht als Abschottung“.

