Die Auflösung der US-Entwicklungsbehörde USAID hat die Verbreitung von Desinformation über Entwicklungszusammenarbeit im deutschsprachigen Raum deutlich verstärkt. Zwischen Januar und März 2025 nahmen entsprechende Debatten in verschwörungsideologischen, rechtsextremen und pro-russischen Telegram-Kanälen spürbar zu. CeMAS beschreibt dabei ein Muster, in dem frühere Angriffe auf USAID auf deutsche und europäische Entwicklungsprojekte übertragen wurden.
Im Zentrum der Erzählungen stehen nach der Analyse unbelegte Vorwürfe, Entwicklungszusammenarbeit sei vor allem korrupt, verschwenderisch und ideologisch motiviert. Deutsche Projekte würden in diesen Beiträgen häufig als „Geldgeschenke ins Ausland“ dargestellt. Zugleich werde der Eindruck erzeugt, politische Eliten stellten ausländische Interessen über die der Bevölkerung in Deutschland.
Telegram als zentrale Drehscheibe
Für die Untersuchung wertete CeMAS 36.420 Telegram-Nachrichten aus, die zwischen dem 1. Oktober 2024 und dem 20. November 2025 in rund 3.000 Kanälen und 2.000 Gruppen erfasst wurden. Der größte Teil der Beiträge bezog sich auf USAID, doch eines der größten Themenfelder betraf bereits direkt die deutsche Entwicklungszusammenarbeit. Auch Parallelen zur EU spielten in den ausgewerteten Inhalten eine wichtige Rolle.

Besonders auffällig ist laut CeMAS die Struktur der Verbreitung. In Telegram-Gruppen stamme ein großer Teil der einschlägigen Weiterleitungen von einer kleinen Zahl sehr aktiver Accounts. Die zehn aktivsten Accounts waren demnach für knapp ein Viertel aller weitergeleiteten Nachrichten in Gruppen verantwortlich. Zwei besonders aktive Konten griffen fast ausschließlich auf dieselben Quellen zurück, darunter öffentliche Kanäle aus dem verschwörungsideologischen Milieu sowie pro-russische Propagandakanäle.
Wie aus USAID ein deutsches Reizthema wurde
Die ausgewerteten Posts zeichneten USAID nach CeMAS als angebliches Zentrum eines „Deep State“, als Werkzeug von Geheimdiensten oder als Geldgeber für Terrorismus und Migration. Solche Behauptungen seien vielfach falsch, irreführend oder aus dem Zusammenhang gerissen.

Einige dieser Narrative wurden anschließend auf Deutschland und die EU übertragen. Entwicklungsprojekte seien dabei pauschal als fragwürdige Ausgaben dargestellt worden, ohne ihre tatsächlichen Ziele oder Strukturen abzubilden.
Für Deutschland beschreibt die Analyse ein klares Framing. Beiträge stellten Ausgaben im Ausland gezielt der sozialen und wirtschaftlichen Lage in Deutschland gegenüber. Entwicklungszusammenarbeit mit Ländern oder Regionen wie Afrika, Syrien, Afghanistan oder Gaza wurde dabei nicht als außen- und entwicklungspolitisches Instrument beschrieben, sondern als Belastung für deutsche Steuerzahler. Auch Klima- und Migrationsdebatten wurden mit dem Thema eng verknüpft.
Ein Beispiel nennt CeMAS bei der Debatte über China. In den untersuchten Beiträgen sei deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit China als Beleg für absurde Mittelverwendung dargestellt worden. Zugleich verweist die Analyse darauf, dass die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit zwischen Deutschland und China bereits 2010 beendet wurde und die heutige Arbeit der GIZ dort andere Formen des fachlichen Austauschs betrifft.
Russische Fallbeispiele mit Millionenreichweite
CeMAS sieht zudem eine gezielte russische und pro-russische Nutzung des Themas. Ein Fallbeispiel betrifft die Kampagne „Operation Overload/Matryoshka“. Dabei wurde im Februar 2025 ein Video verbreitet, das fälschlich behauptete, USAID habe bekannten US-Schauspielern Reisen in die Ukraine bezahlt. Nachdem prominente englischsprachige Accounts den Inhalt verstärkt hatten, erreichte der Post auf X laut CeMAS 4,3 Millionen Aufrufe. Reposts und wortgleiche Wiederholungen kamen demnach auf insgesamt 266 Millionen Views.
Auch auf Deutsch gewann diese Falschbehauptung laut der Untersuchung erhebliche Reichweite. Deutschsprachige Posts mit entsprechenden Schlagworten kamen im Zeitraum vom 1. Februar bis 31. Dezember 2025 demnach auf 6,6 Millionen Views. Unter den reichweitenstärksten deutschsprachigen Beiträgen fehlte laut CeMAS eine sichtbare Korrektur durch Community Notes.

Ein zweites Beispiel betrifft die erfundene Behauptung, Deutschland habe ein Fußballstadion in Brasilien mit 1,4 Milliarden Euro finanziert. Der entsprechende Inhalt wurde über die brasilianische Organisation Nova Resistência verbreitet, die CeMAS in ein pro-russisches Umfeld einordnet.
Deutschsprachige Posts mit dieser Erzählung erreichten laut der Analyse 3,3 Millionen Aufrufe. Ziel solcher Kampagnen sei nicht nur die Diskreditierung internationaler Zusammenarbeit, sondern auch die gezielte Beschädigung der Bundesregierung.
Entwicklungspolitik als Projektionsfläche
Die Studie beschreibt Entwicklungszusammenarbeit damit nicht nur als politisches Streitthema, sondern auch als besonders anfälliges Feld für irreführende Zuspitzungen. Gerade weil das Politikfeld komplex ist, lassen sich Einzelprojekte leicht verkürzt darstellen und emotional aufladen. CeMAS kommt zu dem Befund, dass verschwörungsideologische Communitys bei der Verbreitung solcher Inhalte eine führende Rolle spielen und ihre Narrative bis in andere Milieus hinein tragen.

