Deutschland baut Algerien-Geschäft aus – und setzt Frankreich unter Druck

Wasserstoffkorridor, Opel-Werk, Pharma und Gas: Deutsche Unternehmen bauen ihre Präsenz in Algerien aus. Gleichzeitig sinkt der französisch-algerische Handel deutlich – doch die Zahlen zeigen auch, wie weit Deutschland wirtschaftlich noch hinter Frankreich liegt.

Eine deutsche Unternehmensdelegation ist zu einer fünftägigen Projekterkundungsreise nach Algerien und Tunesien gestartet, um neue Geschäfte rund um Wasserstoff, Energiespeicher und Infrastruktur entlang des SoutH2-Korridors vorzubereiten. Die Reise läuft vom 21. bis 25. September 2026. Sie folgt zwei Monate nach dem Berlin-Besuch des algerischen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune, bei dem Deutschland und Algerien ihre wirtschaftliche und energiepolitische Zusammenarbeit deutlich ausgeweitet haben. Gleichzeitig nehmen deutsche Industrieprojekte in Algerien Gestalt an, während der Warenhandel zwischen Frankreich und Algerien weiter zurückgeht.

Organisiert wird die Reise von den deutschen Auslandshandelskammern in Algerien und Tunesien im Rahmen der Exportinitiative Energie. Im Mittelpunkt stehen Gespräche mit Unternehmen und staatlichen Stellen, die an Wasserstoffproduktion, Power-to-X-Anlagen, Speichertechnik und der künftigen Transportinfrastruktur beteiligt sind. Die AHK verweist auf rund zehn projektbezogene Absichtserklärungen entlang des geplanten Korridors.

SoutH2 soll Nordafrika direkt mit Deutschland verbinden

Das größte gemeinsame Energieprojekt ist der SoutH2-Korridor. Die geplante Wasserstoffroute soll Nordafrika über Italien und Österreich mit Süddeutschland verbinden. Die beteiligten Fernleitungsnetzbetreiber beziffern die Länge auf rund 3.300 Kilometer. Mehr als 65 Prozent der Infrastruktur sollen aus umgerüsteten bestehenden Leitungen bestehen.

Die Transportkapazität wird mit mehr als vier Millionen Tonnen erneuerbarem Wasserstoff pro Jahr angegeben. Dabei handelt es sich um das gesamte Importpotenzial aus Nordafrika und nicht, wie teilweise dargestellt, um vier Millionen Tonnen allein aus Algerien. Die Europäische Kommission führt Algerien und Tunesien als nordafrikanische Partner des Vorhabens. Deutschland, Algerien, Italien, Österreich und Tunesien hatten bereits im Januar 2025 eine gemeinsame politische Absichtserklärung zur Entwicklung des Korridors unterzeichnet.

Die Bundesregierung misst dem Projekt auch energiepolitisch Gewicht bei. In der im Juli mit Algerien vereinbarten strategischen Agenda bezeichneten beide Seiten den südlichen Wasserstoffkorridor als wichtige Verbindung zwischen den beiden Ländern. Zugleich hielten sie fest, dass weitere algerische Gaslieferungen im Interesse beider Staaten liegen.

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte beim Treffen mit Tebboune erklärt: „Wir sind uns darin einig, dass wir unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit weiter stärken wollen.“ Neben Energie stehen dabei unter anderem Rohstoffe, Verkehr, Pharmaindustrie, Technologie und industrielle Produktion auf der bilateralen Agenda.

31 Vereinbarungen beim Wirtschaftsforum in Berlin

Der Berlin-Besuch Tebboune im Juli hat die wirtschaftlichen Kontakte beschleunigt. Beim deutsch-algerischen Wirtschaftsforum am 17. Juli wurden 31 Vereinbarungen und Absichtserklärungen zwischen Unternehmen und Institutionen beider Länder unterzeichnet. Sie betreffen unter anderem Energie, Industrie, Gesundheit, Verkehr, Digitalisierung und die grüne Wirtschaft.

Sonatrach vereinbarte mit dem deutschen Energieunternehmen VNG weitere Gespräche über Gaslieferungen. Mit Bosch wurde zudem eine Zusammenarbeit zur lokalen Herstellung von Elektrolyseuren für die Wasserstoffproduktion vereinbart. Die Bundesregierung und Algerien verständigten sich außerdem darauf, die seit 2011 bestehende gemeinsame Wirtschaftskommission wiederzubeleben und die Einrichtung eines bilateralen Wirtschaftsrats zu prüfen.

Auch die deutsche Pharmaindustrie verstärkt ihre Aktivitäten. Der algerische Staatskonzern Saidal und Boehringer Ingelheim vereinbarten 2026 eine Partnerschaft zur lokalen Herstellung eines Medikaments gegen Lungenfibrose. Germany Trade & Invest führt das Projekt als eines der neuen deutsch-algerischen Vorhaben im Pharmasektor auf.

Opel bereitet Produktion in Algerien vor

Besonders weitreichend sind die Pläne in der Automobilindustrie. Opel bestätigte beim Wirtschaftsforum im Juli sein bereits im Januar angekündigtes Vorhaben, Fahrzeuge künftig in Algerien zu produzieren. Zugleich unterzeichneten Opel Automobile und die algerische AGM Holding eine Absichtserklärung über die Lokalisierung einer Motorenproduktion.

Damit würde Algerien zum ersten Produktionsstandort der deutschen Stellantis-Marke außerhalb Europas. Ein endgültiger Produktionsbeginn, die Größe des Werks und der Standort wurden bislang nicht veröffentlicht. Bereits bei der Ankündigung im Januar hatte Stellantis das Vorhaben als Teil einer langfristigen regionalen Industrialisierungsstrategie präsentiert.

In Algerien traf sich in den vergangenen Tagen zudem eine deutsche Delegation mit Vertretern des algerischen Opel-Partners Halil Groupe. Dazu gehörte Karoline Kampermann vom Verband der Automobilindustrie. Halil-Chef Nassim Benguergoura erklärte nach den Gesprächen, beide Seiten hätten über den schrittweisen Aufbau einer automobilen Wertschöpfungskette und die wachsende Rolle algerischer Unternehmen bei der industriellen Integration gesprochen.

Die Pläne passen zur Wirtschaftspolitik Algiers, die bei ausländischen Investitionen stärker auf lokale Produktion, Zulieferer und Technologietransfer setzt. Neben Opel produziert Stellantis mit Fiat bereits Fahrzeuge in Algerien.

Deutscher Handel wächst deutlich langsamer als in Algerien angegeben

Bei den Handelszahlen ergibt sich allerdings ein differenzierteres Bild als in einigen algerischen Berichten. Der algerische Außenhandelsminister Kamel Rezig hatte das bilaterale Handelsvolumen für 2025 mit knapp drei Milliarden US-Dollar angegeben, nach 1,74 Milliarden Dollar im Jahr zuvor.

Deutsche Außenhandelsdaten weisen dagegen für 2025 Warenexporte nach Algerien von rund 2,1 Milliarden Euro und Importe von etwa 1,4 Milliarden Euro aus. Das entspricht einem Warenhandel von rund 3,5 Milliarden Euro. Für 2024 ergeben dieselben deutschen Statistiken etwa 3,3 Milliarden Euro. Nach dieser Datenreihe ist der Handel gewachsen, hat sich aber nicht annähernd verdoppelt.

Deutschland liefert vor allem Maschinen, Fahrzeuge und Fahrzeugteile, chemische Produkte und weitere Industriegüter nach Algerien. Die deutschen Importe bestehen hauptsächlich aus Erdöl, Erdgas und petrochemischen Produkten. Die Deutsch-Algerische Industrie- und Handelskammer zählt nach Angaben des Auswärtigen Amts mehr als 450 Mitglieder.

Frankreichs Handel mit Algerien fällt weiter

Parallel dazu verliert der französisch-algerische Warenhandel an Volumen. Nach Daten der französischen Zollverwaltung erreichten Frankreichs Ausfuhren nach Algerien in den zwölf Monaten von August 2025 bis Juli 2026 rund 4,0 Milliarden Euro. Die Importe lagen bei knapp 4,7 Milliarden Euro. Insgesamt ergibt sich damit ein Warenhandel von rund 8,7 Milliarden Euro.

2025 hatte der französisch-algerische Handel noch rund 9,3 Milliarden Euro erreicht, nach gut elf Milliarden Euro im Jahr 2024. Das französische Außenministerium bezifferte den Rückgang 2025 gegenüber dem Vorjahr auf 14,8 Prozent. Frankreich bleibt damit trotz des Rückgangs ein bedeutenderer Handelspartner Algeriens als Deutschland.

Der Rückgang fällt in eine Phase schwerer politischer Spannungen zwischen Paris und Algier, zugleich hat Algerien seine Importpolitik verschärft und setzt stärker auf heimische Produktion und die Diversifizierung seiner Lieferländer. Seit Anfang 2026 haben beide Regierungen ihre politischen Kontakte wieder intensiviert.

Auch die wachsende Zahl deutscher Projekte bedeutet bislang noch keinen vergleichbaren Sprung bei den Direktinvestitionen. Der Bestand deutscher Direktinvestitionen in Algerien sank nach Daten der Deutschen Bundesbank von 724 Millionen Euro im Jahr 2022 auf 479 Millionen Euro 2024. Für 2025 weist die Statistik deutsche Nettoinvestitionen von 23 Millionen Euro aus.

Verwandte Beiträge
Total
0
Share