Bundeskanzler Merz warnt in Davos vor neuer Großmächteordnung

Bundeskanzler Friedrich Merz hat beim Weltwirtschaftsforum in Davos eine grundlegende Neubewertung der internationalen Ordnung vorgenommen. In seiner Rede am 22. Januar 2026 beschrieb Merz den Übergang in eine neue Ära der Großmächtepolitik, in der Macht, Stärke und notfalls auch Gewalt zunehmend an die Stelle regelbasierter internationaler Zusammenarbeit treten. Deutschland und Europa seien dieser Entwicklung jedoch nicht ausgeliefert, sondern könnten und müssten aktiv gegensteuern.

Der Kanzler stellte klar, dass Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine nur der sichtbarste Ausdruck eines tiefergehenden globalen Wandels sei. China habe sich strategisch in den Kreis der Großmächte vorgearbeitet, während die globale Führungsrolle der Vereinigten Staaten zunehmend herausgefordert werde. Die internationale Ordnung der vergangenen Jahrzehnte, die auf internationalem Recht beruhte, sei dadurch in ihren Grundfesten erschüttert.

Großmächtepolitik als neue Realität

Merz betonte, dass sich die Welt bereits in einer Phase offener Großmächtekonkurrenz befinde. Diese Entwicklung sei gefährlich, insbesondere für kleine und mittlere Staaten, letztlich aber auch für die Großmächte selbst. Er verwies dabei ausdrücklich auf die historische Verantwortung Deutschlands und die katastrophalen Folgen einer Politik, die im 20. Jahrhundert auf Macht und Gewalt gesetzt habe.

Vor diesem Hintergrund unterstrich der Kanzler die Bedeutung von Partnerschaften und Allianzen unter Gleichen. Die Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen und zu bewahren, bleibe die zentrale Stärke demokratischer Staaten. Diese Logik habe nach 1945 zur Entstehung von Bündnissen wie der NATO geführt, die Merz als erfolgreichstes Militärbündnis der Geschichte bezeichnete.

Drei Säulen europäischer Macht

Der Bundeskanzler definierte drei zentrale Säulen, auf denen Europas Handlungsmacht beruhe: Sicherheit, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und politische Einheit. Deutschland und Europa hätten begonnen, in allen drei Bereichen entschlossen zu handeln.

Im Bereich der Sicherheit kündigte Merz massive Investitionen an. Deutschland habe sich zu Beginn seiner Amtszeit entschieden, die Verteidigungsausgaben auf bis zu fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben. Diese Entscheidung diene nicht nur der militärischen Abschreckung, sondern auch der Reduzierung wirtschaftlicher und technologischer Abhängigkeiten.

Zugleich betonte Merz, dass Europa seine Verteidigungsfähigkeit eigenständig stärken müsse, ohne das transatlantische Bündnis infrage zu stellen. Vertrauen innerhalb der Allianz müsse erneuert und gefestigt werden. Demokratien, so Merz, hätten keine Untertanen, sondern Partner, Verbündete und verlässliche Freunde.

Transatlantische Spannungen und der Hohe Norden

Mit Blick auf aktuelle Spannungen innerhalb der transatlantischen Beziehungen sprach Merz die jüngsten Forderungen der Vereinigten Staaten nach größerem Einfluss auf Grönland an. Deutschland teile die Einschätzung, dass Russland im Hohen Norden eine sicherheitspolitische Bedrohung darstelle. Diese Bedrohung richte sich gleichermaßen gegen Europa und Nordamerika und zeige sich unter anderem in hybriden Angriffen im Ostseeraum sowie im Krieg gegen die Ukraine.

Deutschland unterstütze daher eine stärkere sicherheitspolitische Rolle der NATO im arktischen Raum. Gleichzeitig stellte Merz klar, dass Souveränität und territoriale Integrität nicht verhandelbar seien. Gespräche zwischen Dänemark, Grönland und den Vereinigten Staaten müssten auf diesen Prinzipien beruhen. Eine gewaltsame Aneignung europäischen Territoriums sei inakzeptabel.

Auch mögliche neue Zölle bezeichnete Merz als Risiko für die transatlantischen Beziehungen. Sollte es zu solchen Maßnahmen kommen, werde Europa geschlossen, ruhig, maßvoll und zugleich entschlossen reagieren.

Wettbewerbsfähigkeit, Handel und Reformagenda

Einen zentralen Teil seiner Rede widmete Merz der wirtschaftlichen Erneuerung Europas. Geopolitischer Einfluss und wirtschaftliche Stärke seien untrennbar miteinander verbunden. Deutschland könne nur dann eine Führungsrolle in Europa übernehmen, wenn es selbst wirtschaftlich stark sei.

Merz sprach sich entschieden gegen Protektionismus und Isolationismus aus. Europa solle sich als Allianz offener Märkte positionieren und für fairen Wettbewerb sowie verbindliche Handelsregeln eintreten. In diesem Zusammenhang verteidigte er das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Mercosur, das er als notwendig für künftiges Wachstum bezeichnete.

Darüber hinaus verwies der Kanzler auf laufende und geplante Handelsinitiativen mit Indien, Mexiko und Indonesien. Diese Partnerschaften seien Teil einer Strategie, Abhängigkeiten zu reduzieren und neue wirtschaftliche Spielräume zu erschließen.

Bürokratieabbau und Investitionen

Im Inneren kündigte Merz tiefgreifende Reformen an. Deutschland und Europa hätten in den vergangenen Jahren erhebliches Wachstumspotenzial durch übermäßige Regulierung verspielt. Sicherheit und Planbarkeit müssten künftig Vorrang vor Detailregulierung haben.

Der Kanzler warb für einen umfassenden Bürokratieabbau, eine Stärkung des europäischen Binnenmarktes und Fortschritte bei der Kapitalmarktunion. Europäische Unternehmen sollten Zugang zu Finanzierung innerhalb Europas haben und nicht auf außereuropäische Kapitalmärkte angewiesen sein.

Für Deutschland stellte Merz umfangreiche Investitionen in Infrastruktur, Energieversorgung und Digitalisierung in Aussicht. Insgesamt stünden 500 Milliarden Euro für den Ausbau und die Modernisierung von Infrastruktur bereit. Im Energiesektor setze die Bundesregierung auf erneuerbare Energien, Speichertechnologien und moderne Gaskraftwerke.

Digitalisierung und technologische Souveränität

Ein weiterer Schwerpunkt der Rede lag auf der digitalen Transformation. Merz bezeichnete künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie, die industrielle Skalierung erfordere. Deutschland verfüge über einen der weltweit größten industriellen Datenbestände und wolle diesen Vorteil durch Investitionen in KI-Gigafactories, Rechenzentren und digitale Infrastruktur nutzen.

Forschung und Innovation sollen durch eine neue Hightech-Agenda stärker in marktfähige Anwendungen überführt werden. Deutschland wolle sich als verlässlicher Investitionsstandort für globales Kapital positionieren, insbesondere in den Bereichen Infrastruktur, Hochtechnologie und industrielle Transformation.

Europäische Einheit als strategische Voraussetzung

Abschließend betonte Merz, dass all diese Vorhaben nur im Rahmen einer geschlossenen Europäischen Union erfolgreich sein könnten. Deutschland sehe sich in einer besonderen Verantwortung, diesen Prozess aktiv mitzugestalten.

Die Welt befinde sich in einem tiefgreifenden Umbruch, dessen Richtung Anlass zur Sorge gebe. Dennoch liege es in der Verantwortung demokratischer Staaten, diesen Wandel aktiv zu gestalten. Deutschland wolle dabei eine zentrale Rolle übernehmen und gemeinsam mit seinen Partnern an Sicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und europäischer Geschlossenheit arbeiten.

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