Äthiopiens Armee erobert Mekelle – Regionalmächte beraten über Eskalation am Horn von Afrika

Äthiopiens Armee kontrolliert wieder Mekelle, während sich die regionale Krise ausweitet. In Ägypten beraten Eritrea, Somalia, Sudan und Ägypten über die Lage – Washington sucht zugleich die Annäherung an Asmara.

Äthiopische Regierungstruppen haben die Kontrolle über Mekelle, die Hauptstadt der Region Tigray, übernommen, während mehrere regionale Rivalen Äthiopiens zu Gesprächen in Ägypten zusammenkommen. Am Wochenende des 3. und 4. Oktober rückten föderale Kräfte in die Stadt ein, nachdem sich Einheiten der Tigray People’s Liberation Front zurückgezogen hatten. Die militärische Verschiebung fällt mit einer schweren diplomatischen Krise zwischen Äthiopien und Eritrea sowie wachsenden Spannungen mit Ägypten zusammen. In New Alamein beraten Ägypten, Eritrea, Somalia und Sudan über die regionale Lage.

Nach Berichten von AFP und BBC kontrollierten äthiopische Regierungstruppen am Sonntag zentrale Einrichtungen in Mekelle und patrouillierten in der Stadt. Die TPLF erklärte, sie habe ihre Kräfte vorübergehend zurückgezogen, um Risiken für die Zivilbevölkerung zu verringern. Bewohner berichteten zugleich von wiederhergestellten Mobilfunkverbindungen in Teilen der Regionalhauptstadt.

Mekelle fällt ohne größere Kämpfe

Der Einmarsch in Mekelle erfolgte offenbar ohne größere Gefechte innerhalb der Stadt. TPLF-Führung und Kämpfer hatten sich zuvor zurückgezogen. Geschäfte blieben geschlossen, während Einwohner aus Sorge vor Plünderungen Waren in Sicherheit gebracht hatten.

Ein Kommandeur einer regierungsnahen Miliz erklärte gegenüber AFP: „Wir haben Mekelle unter Kontrolle und rücken weiter vor.“

Die Einnahme der Regionalhauptstadt verschiebt die militärische Lage erneut deutlich zugunsten der Bundesregierung. Die TPLF hatte am 23. September Angriffe auf föderale Kräfte begonnen. Seither weiteten sich die Kämpfe auf Teile von Tigray, Afar und Amhara aus.

TPLF-Chef Debretsion Gebremichael hatte zuvor angekündigt, seine Bewegung werde auch bei einem Verlust von Städten weiterkämpfen. „Wir verfolgen eine Strategie, den Feind dort anzugreifen, wo wir es wählen“, erklärte er.

Eine ähnliche Entwicklung hatte es bereits während des Krieges von 2020 bis 2022 gegeben. Damals nahmen Regierungstruppen Mekelle zunächst ein, bevor die TPLF die Stadt später zurückeroberte.

Vier Staaten beraten in New Alamein

Parallel zur militärischen Entwicklung in Tigray treffen sich die Präsidenten von Ägypten, Eritrea und Somalia sowie Sudans Armeechef Abdel Fattah al-Burhan in New Alamein. Das ägyptische Präsidialamt bezeichnete das Treffen als Konsultationsgipfel zu regionalen Fragen von gemeinsamem Interesse.

An den Gesprächen nehmen Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi, Eritreas Präsident Isaias Afwerki, Somalias Präsident Hassan Sheikh Mohamud und al-Burhan teil. Eine detaillierte öffentliche Tagesordnung wurde zunächst nicht vorgelegt.

Das Treffen findet vor dem Hintergrund wachsender Spannungen zwischen Äthiopien und mehreren Nachbarstaaten statt. Addis Abeba wirft Eritrea vor, die TPLF und weitere bewaffnete Gegner der Bundesregierung zu unterstützen. Auch Sudan und Ägypten werden von Äthiopien beschuldigt, Kräfte gegen die Regierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed zu fördern. Die drei Staaten weisen diese Vorwürfe zurück.

Eritrea grenzt unmittelbar an Tigray und spielt deshalb eine besondere Rolle in der aktuellen Krise. Asmara wirft Äthiopien seinerseits vor, unter dem Vorwand eines Zugangs zum Meer territoriale Ansprüche auf eritreische Küstengebiete zu verfolgen.

Diplomatische Beziehungen zwischen Äthiopien und Eritrea abgebrochen

Die Beziehungen zwischen Addis Abeba und Asmara sind inzwischen auf einem neuen Tiefpunkt. Äthiopien schloss seine Botschaft in Eritrea und erklärte zehn eritreische Diplomaten zu unerwünschten Personen. Eritrea reagierte mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen.

Die Afrikanische Union rief Äthiopien, Eritrea und Ägypten zu größtmöglicher Zurückhaltung auf. Die AU-Kommission warnte vor weiteren Handlungen oder öffentlichen Erklärungen, die die regionale Stabilität gefährden könnten, und bot Unterstützung bei einer Deeskalation an.

Hinzu kommen Spannungen zwischen Äthiopien und Ägypten. Beide Länder stehen seit Jahren wegen des äthiopischen Grand Ethiopian Renaissance Dam am Nil gegeneinander. Die jüngsten äthiopischen Vorwürfe einer ägyptischen Unterstützung für Rebellengruppen haben die Beziehungen zusätzlich belastet.

Somalia befindet sich in einer diplomatisch schwierigen Position. Mogadischu hat seine Beziehungen zu Ägypten und Eritrea in den vergangenen Jahren ausgebaut, arbeitet zugleich aber weiterhin mit Äthiopien bei Sicherheitsfragen zusammen. Präsident Hassan Sheikh Mohamud hatte Ministerpräsident Abiy Ahmed erst am 29. September in Addis Abeba getroffen.

USA rufen zu Zurückhaltung auf

Auch die Vereinigten Staaten verfolgen die Eskalation aufmerksam. Das US-Außenministerium rief die Konfliktparteien vor dem Treffen in Ägypten zu Zurückhaltung und Dialog auf.

Gleichzeitig haben Washington und Asmara begonnen, ihre bilateralen Beziehungen neu auszurichten. Eine hochrangige eritreische Delegation unter Außenminister Osman Saleh traf Ende September in Washington mit US-Regierungsvertretern zusammen.

Eritrea begrüßte dabei die Aufhebung amerikanischer Sanktionen als Schritt zu einem neuen Kapitel in den Beziehungen. Beide Seiten wollen nach eritreischen Angaben künftig über Handel, Investitionen, regionale Sicherheit und offene bilaterale Streitfragen sprechen.

Asmara stellte dabei auch eine stärkere Zusammenarbeit am Horn von Afrika, im Roten Meer und im Golf von Aden in Aussicht. Die Gespräche markieren eine vorsichtige Annäherung zwischen den USA und Eritrea zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Beziehungen Asmaras zu Äthiopien rapide verschlechtern.

Pretoria-Abkommen verliert weiter an Wirkung

Die aktuellen Kämpfe stellen das Friedensabkommen von Pretoria aus dem Jahr 2022 erneut infrage. Das unter Vermittlung der Afrikanischen Union und mit Unterstützung der USA geschlossene Abkommen hatte den zweijährigen Krieg zwischen der äthiopischen Bundesregierung und der TPLF beendet.

In den vergangenen Monaten beschuldigten sich beide Seiten zunehmend gegenseitig, zentrale Vereinbarungen nicht eingehalten zu haben. Die politische Ordnung in Tigray geriet weiter unter Druck, nachdem die TPLF eine von der Bundesregierung eingesetzte Regionalverwaltung verdrängt hatte.

Im September schloss sich die TPLF zudem mit mehreren anderen bewaffneten Bewegungen zusammen, darunter Kräften der Fano-Miliz aus Amhara. Das Bündnis erklärte den Sturz der Regierung von Abiy Ahmed zu seinem politischen Ziel.

Der Krieg von 2020 bis 2022 zählt zu den tödlichsten Konflikten der vergangenen Jahre. Der damalige Vermittler der Afrikanischen Union sprach von rund 600.000 Todesopfern. Die Vereinten Nationen warnen inzwischen erneut vor schweren Einschränkungen der humanitären Versorgung in Nordäthiopien und fordern sicheren Zugang zu den betroffenen Gebieten.

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