Die Grünen wollen die Arbeits- und Fachkräfteeinwanderung nach Deutschland mit einem digitalen Schnellvisum, kürzeren Anerkennungsverfahren und einer gezielten internationalen Anwerbung deutlich vereinfachen. Der Bundestag debattierte den entsprechenden Antrag am Mittwoch, 4. November 2026. Künftig sollen Fachkräftevisa innerhalb von höchstens sechs Wochen bearbeitet werden und ausländische Berufsabschlüsse schneller anerkannt werden können. CDU/CSU und SPD räumten erhebliche Verzögerungen bei den bisherigen Verfahren ein, setzen jedoch auf die von der Bundesregierung geplante zentrale Work-and-Stay-Agentur.
Der Antrag der Grünen wurde zur weiteren Beratung an den federführenden Innenausschuss überwiesen. Er enthält insgesamt 21 Forderungen, die von der Visavergabe über die internationale Personalgewinnung bis zum Familiennachzug und zum Schutz ausländischer Beschäftigter reichen.
Fachkräftevisa sollen innerhalb von sechs Wochen bearbeitet werden
Die Grünen wollen ein vollständig digital beantragbares Fachkräfte-Schnellvisum einführen. Dafür soll eine zentrale bundesweite Anlaufstelle geschaffen werden, die Anträge innerhalb von maximal sechs Wochen bearbeitet. Das bereits bestehende beschleunigte Fachkräfteverfahren soll auf zusätzliche Berufsgruppen ausgeweitet werden.
Auch die Anerkennung ausländischer Berufs- und Bildungsabschlüsse soll einfacher werden. Vorgesehen sind zusätzliche Prüfungsmöglichkeiten, berufliche Nachqualifizierungen und eine bessere Beratung für Menschen, deren Ausbildung nicht vollständig den deutschen Anforderungen entspricht.
Hintergrund sind die teilweise langen Bearbeitungszeiten bei deutschen Auslandsvertretungen und Anerkennungsstellen. Der SPD-Abgeordnete Hakan Demir erklärte in der Bundestagsdebatte, dass Visaverfahren weiterhin sechs bis zwölf Monate und teilweise sogar länger dauerten. Bei der Anerkennung beruflicher Qualifikationen könnten zusätzliche Verzögerungen entstehen.
Der CDU-Abgeordnete Detlef Seif bestätigte die Schwierigkeiten. „Die aktuellen Verfahren sind viel zu langsam“, sagte er. Sowohl bei der Visaerteilung als auch bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse gebe es erhebliche Engpässe.
Die Grünen verlangen deshalb ein zentrales digitales Verwaltungsportal. Bewerber sollen ihre Unterlagen künftig nur einmal einreichen müssen. Eine persönliche digitale Akte soll den Datenaustausch zwischen den zuständigen Behörden ermöglichen und wiederholte Prüfungen und Dokumentenanforderungen reduzieren.
Bundesregierung kündigt Fortschritte bei Work-and-Stay-Agentur an
Die Koalition verfolgt mit der geplanten Work-and-Stay-Agentur ein eigenes Vorhaben zur Beschleunigung der Fachkräfteeinwanderung. Die im Koalitionsvertrag vereinbarte Einrichtung soll Arbeitsmigration und die dafür erforderlichen Verwaltungsverfahren zentraler organisieren.
Detlef Seif kündigte im Bundestag an, dass die Bundesregierung die Agentur in den kommenden Monaten auf den Weg bringen werde. Auch die CDU-Abgeordnete Cornell-Anette Babendererde verwies auf die laufenden Vorbereitungen und stellte eine baldige Lösung in Aussicht.

Die Grünen kritisieren dagegen die bisherige Umsetzung. Die Abgeordnete Lamya Kaddor erklärte, die Bundesregierung verweise seit mehr als einem Jahr auf interne Abstimmungen, ohne einen verbindlichen Zeitplan vorzulegen.
Aus Sicht der Fraktion verlieren Unternehmen dadurch wertvolle Zeit bei der Besetzung offener Stellen. Auch Bewerber aus dem Ausland könnten sich angesichts der langen Verfahren für andere Zielländer entscheiden.
Die Koalition verweist auf bereits eingeleitete Verbesserungen. Babendererde betonte, dass Anerkennungsverfahren für ausländische Berufsqualifikationen inzwischen weitgehend digitalisiert seien. Für Heilberufe habe der Bundestag bereits gesetzliche Maßnahmen zur Beschleunigung der Anerkennung beschlossen.
Deutschland will im internationalen Wettbewerb um Fachkräfte aufholen
Neben der Vereinfachung der Verfahren verlangen die Grünen eine aktivere internationale Personalgewinnung. Deutschland soll sich stärker als Arbeits- und Ausbildungsstandort präsentieren und gezielt Fachkräfte in wichtigen Herkunftsregionen anwerben.
Dafür soll die Informationskampagne „Make it in Germany“ ausgebaut werden. Vorgesehen sind internationale Rekrutierungsmissionen, engere Kooperationen mit Unternehmen und eine stärkere Nutzung von Netzwerken ehemaliger internationaler Studierender.
Besonders kleine und mittlere Unternehmen sollen zusätzliche Unterstützung erhalten. Anders als große Konzerne verfügen viele dieser Betriebe nicht über eigene internationale Personalabteilungen oder ausreichende Kapazitäten zur Organisation von Visa- und Anerkennungsverfahren.
Die Grünen schlagen deshalb gemeinsame Anwerbeprogramme, branchenspezifische Beratungsangebote und digitale Kooperationsplattformen vor.
Auch der Zugang zu deutschen Behörden soll erleichtert werden. Zentrale Internetseiten und Formulare für die Fachkräfteeinwanderung sollen mindestens auf Englisch verfügbar sein. Zudem fordert die Fraktion mehr englischsprachige Beratung in den Einwanderungsbehörden.
Gleichzeitig sollen internationale Sprachbildungsangebote ausgebaut werden. Genannt werden insbesondere das Goethe-Institut, das Netzwerk der Partnerschulen PASCH und die Deutschlernangebote der Deutschen Welle. Bewerber sollen dadurch bereits vor ihrer Einreise Deutschkenntnisse erwerben können.
Neue Wege für ausländische Fachkräfte und qualifizierte Geflüchtete
Die Grünen wollen die legale Arbeitsmigration auch für Menschen erleichtern, die sich bereits als Geflüchtete in anderen Staaten aufhalten. Vorgesehen sind besondere Programme, um qualifizierte Bewerber in Erstaufnahmeländern auf eine Beschäftigung in Deutschland vorzubereiten.
Ein Instrument dafür sind sogenannte Hire-Train-Move-Modelle. Dabei werden Bewerber zunächst für eine Beschäftigung ausgewählt, anschließend gezielt qualifiziert und auf den Arbeitsmarkteinstieg im Zielland vorbereitet.
Diese Ansätze können auch für Fachkräfte aus afrikanischen Staaten und für Geflüchtete in afrikanischen Aufnahmeländern von Bedeutung sein. Der Antrag sieht jedoch keine gesonderten Kontingente für bestimmte Herkunftsregionen vor.
Zugleich betonen die Grünen, dass die internationale Anwerbung nicht zulasten der Herkunftsländer gehen dürfe. Die Abwanderung qualifizierter Menschen könne insbesondere Staaten mit niedrigem und mittlerem Einkommen vor erhebliche Probleme stellen, wenn dort selbst Fachpersonal fehle.
Die Bundesregierung soll sich deshalb bei der Anwerbung an internationalen Grundsätzen einer verantwortungsvollen Arbeitsmigration orientieren. Vorgesehen sind auch Modelle, die wiederholte oder zeitlich begrenzte berufliche Mobilität zwischen Herkunfts- und Zielländern ermöglichen.
Familiennachzug und Integration sollen erleichtert werden
Die Grünen wollen nicht nur die Einreise ausländischer Fachkräfte beschleunigen, sondern auch deren langfristige Beschäftigung in Deutschland erleichtern.
Dafür sollen Fachkräftevisa und Anträge auf Familiennachzug möglichst parallel bearbeitet werden. Mitreisende Ehepartner sollen einen einfacheren Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt erhalten.
Auch die Wohnungssuche soll stärker berücksichtigt werden. Die Fraktion schlägt steuerliche Erleichterungen für Unternehmen vor, die ihren Beschäftigten Wohnungen zur Verfügung stellen. Zusätzlich sollen Arbeitgeber bestimmte Ausgaben für Umzug, Sprachkurse und schulische Unterstützung von Kindern leichter steuerfrei übernehmen können.
Ein weiteres Vorhaben ist ein staatlich gefördertes Mentoringprogramm. Bereits beruflich integrierte Zugewanderte sollen neu eingereiste Fachkräfte während der ersten Zeit in Deutschland begleiten und beim Umgang mit Behörden und anderen praktischen Fragen unterstützen.
Darüber hinaus verlangt die Fraktion einen stärkeren Schutz vor Diskriminierung am Arbeitsplatz und auf dem Wohnungsmarkt. Dazu gehören eine Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes sowie zusätzliche mehrsprachige Beratungs- und Beschwerdemöglichkeiten.
Auch der Schutz vor ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen soll verbessert werden. Vorgesehen sind strengere Kontrollen privater Vermittlungsagenturen, eine umfassendere arbeitsrechtliche Beratung in den Herkunftssprachen und leichtere Arbeitsplatzwechsel für ausländische Beschäftigte.
Streit über Fachkräftemangel und Zuwanderung
In der Bundestagsdebatte bestand zwischen den Fraktionen weitgehend Einigkeit darüber, dass langwierige Verwaltungsverfahren ein Problem für die Fachkräfteeinwanderung darstellen. Über Umfang und Ausrichtung der Zuwanderungspolitik gingen die Positionen jedoch auseinander.
Die SPD verwies insbesondere auf den demografischen Wandel. Der Abgeordnete Hakan Demir erklärte, dass in den kommenden 15 Jahren rund 13 Millionen Menschen das Renteneintrittsalter erreichen würden. Deutschland benötige deshalb weiterhin Arbeitskräfte aus dem Ausland, müsse gleichzeitig aber die vorhandenen Beschäftigungspotenziale besser nutzen.
Demir verwies auch auf die bereits erreichten Veränderungen im Einwanderungssystem. Dazu gehörten rund 17.000 erteilte Chancenkarten und eine hohe Zahl internationaler Studierender.
Die Union unterstützt grundsätzlich die Gewinnung qualifizierter ausländischer Arbeitskräfte, lehnt jedoch Teile des Grünen-Antrags ab. Cornell-Anette Babendererde kritisierte insbesondere die Verknüpfung der Fachkräfteeinwanderung mit weitergehenden aufenthalts- und einbürgerungspolitischen Forderungen.
Die AfD sprach sich dagegen für eine deutlich stärkere Konzentration auf inländische Arbeitskräfte aus. Ihr Abgeordneter Robert Teske forderte zusätzliche Investitionen in Ausbildung, berufliche Qualifizierung und die Rückgewinnung ausgewanderter deutscher Beschäftigter. Auch Automatisierung und künstliche Intelligenz sollten stärker zur Bewältigung des Personalmangels beitragen.
Die Linke betonte vor allem die Arbeitsbedingungen ausländischer Beschäftigter. Ihr Abgeordneter Pascal Meiser verlangte strengere Kontrollen gegen Lohndumping, mehr Beratung und wirksamere Sanktionen gegen Arbeitgeber, die Arbeitsrechte verletzen.
Parallel zur Debatte über die allgemeine Fachkräfteeinwanderung lehnte der Bundestag einen weiteren Antrag der Grünen zur Beibehaltung des bisherigen Kontingents von jährlich 50.000 Arbeitskräften aus den Westbalkanstaaten ab. CDU/CSU, SPD und AfD stimmten dagegen, Die Linke enthielt sich.
Der umfassendere Antrag zur Arbeits- und Fachkräfteeinwanderung bleibt dagegen Gegenstand der parlamentarischen Beratungen. Neben dem Innenausschuss befassen sich unter anderem der Auswärtige Ausschuss, der Wirtschaftsausschuss und der Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit den Vorschlägen.

