Bundesaußenminister Johann Wadephul versucht, Russland zu einer Vereinbarung über sichere Getreidetransporte durch das Schwarze Meer zu bewegen, um die Lebensmittelversorgung afrikanischer Staaten zu sichern. Darüber sprach der CDU-Politiker am Dienstagabend, dem 3. November 2026, in Berlin mit der Journalistin Anne Will. Besonders Ägypten sei auf ukrainisches Getreide angewiesen, erklärte Wadephul und berichtete von seinen Gesprächen mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow. Die Bundesregierung bemüht sich gemeinsam mit europäischen und regionalen Partnern um eine Lösung, nachdem russische Angriffe auf Schiffe und Hafenanlagen den Getreidehandel erheblich beeinträchtigt haben.
„Es wird dringend benötigt in Afrika“, sagte Wadephul über die Getreidelieferungen aus dem Schwarzmeerraum. Russland verweigere derzeit die notwendigen Voraussetzungen für einen ungehinderten Transport. Deshalb habe er Lawrow bereits während der UN-Generalversammlung in New York darauf angesprochen.
Das Thema wurde anschließend bei einem Außenministertreffen in Istanbul und beim G20-Treffen Ende Oktober in Atlanta erneut verhandelt. Nach Darstellung Wadephuls bestand unter zahlreichen Teilnehmern Einigkeit darüber, dass eine Regelung für die Getreidetransporte notwendig sei. Eine entsprechende Vereinbarung wurde bislang jedoch nicht geschlossen.
Wadephul berichtet von Gesprächen mit Lawrow
Der deutsche Außenminister hatte sich Ende September am Rande der UN-Generalversammlung in New York mit Sergej Lawrow getroffen. Es war das erste bilaterale Gespräch zwischen den Außenministern beider Staaten seit Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine im Februar 2022.
Wadephul erklärte bei Anne Will, er habe mehrere Anliegen gegenüber seinem russischen Amtskollegen vorgebracht. Neben Sicherheitsfragen, die Deutschland unmittelbar betreffen, habe er die Wiederaufnahme verlässlicher Getreidelieferungen aus Russland und der Ukraine angesprochen.
„Ich wollte ihm sagen, dass wir das Getreide, das in der Ukraine und in Russland geerntet worden ist, doch noch über das Schwarze Meer transportieren können müssen“, erläuterte der Minister.
Lawrow habe seine Forderung nicht vollständig zurückgewiesen. „Das hat er auch nicht hundertprozentig abgelehnt“, sagte Wadephul über die russische Reaktion.
Eine konkrete Zusage Moskaus oder eine Verständigung über die Bedingungen einer sicheren Schifffahrt gab es allerdings nicht.
Auch beim G20-Außenministertreffen in Atlanta am 30. und 31. Oktober wurde über den Schutz der Handelsrouten gesprochen. Die Europäische Union forderte dort eine Waffenruhe für die zivile Schifffahrt im Schwarzen Meer.
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas verwies ausdrücklich auf die Folgen für afrikanische Staaten. Russland müsse die Getreidetransporte ermöglichen, wenn es seiner erklärten Verantwortung gegenüber Afrika gerecht werden wolle.
Ägypten ist von ukrainischen und russischen Getreidelieferungen abhängig
Besonders große wirtschaftliche Auswirkungen haben die Störungen des Schwarzmeerhandels auf Ägypten.
Das nordafrikanische Land gehört zu den weltweit größten Weizenimporteuren. Es benötigt erhebliche Einfuhren, um seine Bevölkerung mit Brot und anderen Grundnahrungsmitteln zu versorgen.
Wadephul bezifferte den Anteil ukrainischer Lieferungen am ägyptischen Getreidebedarf im Gespräch mit Anne Will auf etwa ein Drittel.
Die verfügbaren Handelszahlen zeigen allerdings eine andere Größenordnung: Nach Daten für 2025 stammten rund 25 Prozent der ägyptischen Weizeneinfuhren aus der Ukraine. Russland lieferte weitere 59 Prozent. Diese Importanteile sind nicht mit dem gesamten ägyptischen Getreidebedarf einschließlich der heimischen Produktion gleichzusetzen.
Die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Schwarzmeerraum bleibt dennoch hoch.
Nach einer Untersuchung von S&P Global gerieten ägyptische Weizenimporteure im Sommer 2026 zunehmend unter Druck. Angriffe auf Schiffe und Hafenanlagen ließen Transport- und Versicherungskosten steigen. Einige Unternehmen unterbrachen ihre Einkäufe, während andere nach alternativen Liefermöglichkeiten suchten.
Neben Ägypten sind auch Libyen, Tunesien und Kenia in erheblichem Umfang auf Weizenlieferungen aus Russland und der Ukraine angewiesen.
Die Verteuerung der Einfuhren belastet nicht nur private Haushalte. In Ländern mit staatlich subventionierten Grundnahrungsmitteln steigen dadurch auch die Ausgaben der öffentlichen Haushalte.
Deutschland und Ägypten suchen gemeinsam nach einer Lösung
Die Bundesregierung hat die Versorgungssicherheit afrikanischer Staaten inzwischen zu einem Bestandteil ihrer diplomatischen Gespräche über internationale Handelsrouten gemacht.
Das Treffen fand auf Initiative Deutschlands und der Türkei statt. Die acht Staaten berieten über die Sicherheit der Schifffahrt im Schwarzen Meer, im Roten Meer und in der Straße von Hormus.
Besonders die Unterbrechung von Getreide- und Düngemitteltransporten beschäftigt die beteiligten Regierungen. Neben der Ernährungssicherheit geht es um höhere Transportkosten und mögliche Folgen für die Landwirtschaft in importabhängigen Ländern.
Das Auswärtige Amt erklärte vor dem Treffen, dass russische Angriffe auf zivile Schiffe und Hafenanlagen seit Juli 2026 ukrainische Getreideexporte über das Schwarze Meer nahezu zum Erliegen gebracht hätten.

Wadephul beschuldigte Moskau, dadurch eine Verknappung von Nahrungsmitteln in ärmeren Ländern bewusst in Kauf zu nehmen.
Die Bundesregierung unterstützt deshalb Bemühungen um eine begrenzte Waffenruhe für die zivile Schifffahrt. Als früheres Beispiel gilt die 2022 unter Vermittlung der Vereinten Nationen und der Türkei geschlossene Schwarzmeer-Getreideinitiative, die den Export ukrainischer Agrarprodukte trotz des Krieges zeitweise ermöglichte.
Keine Annäherung an Russland trotz diplomatischer Kontakte
Die Gespräche über Getreidetransporte bedeuten nach Darstellung Wadephuls keine grundlegende Annäherung zwischen Deutschland und Russland.
Bei Anne Will verteidigte der Außenminister seine Entscheidung, mit Lawrow zu sprechen, obwohl die politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern weiterhin stark belastet sind.
„Es gibt keine Normalität zwischen Deutschland und Russland“, sagte Wadephul. Ein gemeinsames Foto hätte nach seiner Auffassung den Eindruck politischer Einigkeit erweckt, die tatsächlich nicht bestehe.
Dennoch wolle er weiterhin Gesprächsmöglichkeiten nutzen. Die Bundesregierung unterstütze die Ukraine militärisch und wirtschaftlich, erhöhe den Druck auf Russland und bemühe sich zugleich um konkrete diplomatische Vereinbarungen.
Gerade beim Getreidehandel sieht Wadephul die Möglichkeit, unabhängig von einer umfassenden Friedenslösung Verbesserungen zu erzielen.
Bereits am 1. November hatte er gegenüber dem ZDF erklärt, dass Deutschland auf Fortschritte bei den Schwarzmeerexporten in den kommenden Wochen hoffe.
„Wir werden den Ukraine-Konflikt nicht insgesamt lösen, aber wir müssen es ermöglichen, dass aus der Ukraine und aus Russland Getreide in den globalen Süden transportiert werden kann“, sagte Wadephul.
Kriege belasten auch die Versorgung über das Rote Meer
Neben den Getreidetransporten beschäftigt die Bundesregierung die Sicherheit der Schifffahrt im Roten Meer.
Angriffe der Huthi-Miliz im Jemen und militärische Spannungen zwischen Iran und den Vereinigten Staaten beeinträchtigen internationale Handelsverbindungen und den Transport von Energie und Düngemitteln.
Für Ägypten entstehen daraus zusätzliche wirtschaftliche Belastungen. Das Land ist sowohl auf Getreideimporte aus dem Schwarzmeerraum als auch auf Einnahmen aus dem Suezkanal angewiesen.
Im Gespräch mit Anne Will erklärte Wadephul, er habe in den vergangenen Tagen mit Außenministern aus Israel, Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten über Möglichkeiten einer diplomatischen Deeskalation gesprochen. Außerdem stehe er regelmäßig mit seinem iranischen Amtskollegen in Kontakt.
Deutschland wolle gemeinsam mit den Regionalstaaten verhindern, dass eine erneute militärische Eskalation den Handel und die Energieversorgung weiter beeinträchtige.
Nach Darstellung des Außenministers suchen mehrere Staaten ausdrücklich die Zusammenarbeit mit Berlin, um Kontakte zwischen den Konfliktparteien zu ermöglichen. Welche Wirkung diese Bemühungen letztlich entfalten, ließ Wadephul offen.
Auch die humanitäre Lage im Sudan sprach er am Ende des Gesprächs an. Berichte über die dortigen Opferzahlen und die Gewalt gegen die Bevölkerung beschäftigten ihn persönlich. Konkrete neue diplomatische Initiativen Deutschlands zum Sudan-Konflikt kündigte Wadephul in dem Gespräch nicht an.

