Die Initiative Düsseldorfer Marokkaner hat Bundesinnenminister Alexander Dobrindt zu den Internationalen Wochen gegen Rassismus 2027 eingeladen und fordert einen differenzierteren Umgang mit Menschen mit Migrationsgeschichte. Die Einladung veröffentlichte die Initiative am Dienstag, dem 3. November 2026. Anlass ist die bundesweite Debatte über Dobrindts Äußerungen zu den Ausschreitungen nach den jüngsten Jugenddemonstrationen, bei denen er von „Chaoten aus dem migrantischen Milieu“ gesprochen hatte. Zugleich unterstützt die Initiative die Düsseldorfer Expertin Karima Benbrahim, die gemeinsam mit Oberbürgermeister Stephan Keller die Schirmherrschaft der Aktionswochen übernimmt.
Die Düsseldorfer Marokkaner begrüßen die Entscheidung der Stadt, Benbrahim als Schirmfrau zu gewinnen. Die Erziehungswissenschaftlerin, Konfliktmediatorin und Expertin für Rassismuskritik leitet das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen (IDA-NRW).
Nach Ansicht der Initiative soll ihre Schirmherrschaft nicht auf eine repräsentative Funktion beschränkt bleiben. Benbrahim könne durch eine aktive inhaltliche Mitgestaltung dazu beitragen, gesellschaftliche Konflikte aufzugreifen und unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen.
Dobrindts Wortwahl löst Debatte über Migrationshintergrund aus
Mit ihrer Einladung greift die Initiative eine politische Kontroverse auf, die seit den Jugendprotesten vom 31. Oktober die Bundesregierung beschäftigt.
Bundesinnenminister Dobrindt hatte die Ausschreitungen nach den überwiegend friedlichen Demonstrationen „gewaltbereiten linken Gruppen und Chaoten aus dem migrantischen Milieu“ zugeschrieben. Seine Formulierung führte innerhalb der Bundesregierung und in der Öffentlichkeit zu Nachfragen.
Bei der Regierungspressekonferenz am 2. November konnte das Bundesinnenministerium nicht eindeutig erklären, welche Personengruppen unter die Bezeichnung fallen.
Ministeriumssprecherin Sonja Kock verwies auf Menschen mit Migrationshintergrund und Erkenntnisse aus den Bundesländern. Auf die Frage, ob darunter auch deutsche Staatsangehörige mit familiärer Einwanderungsgeschichte in dritter Generation fielen, legte sie sich nicht fest.
Regierungssprecher Stefan Kornelius erklärte, Bundeskanzler Friedrich Merz schließe sich der Einschätzung des Innenministers an. Zugleich betonte er, dass die große Mehrheit der jungen Menschen friedlich demonstriert habe.
Validierte bundesweite Zahlen zur Staatsangehörigkeit der Tatverdächtigen konnte das Innenministerium während der Pressekonferenz nicht nennen. Kock wies darauf hin, dass sich die Einschätzung des Ministers auf Beobachtungen von Polizei- und Sicherheitsbehörden stütze.
Initiative fordert individuelle Verantwortung statt pauschaler Zuschreibungen
Die Düsseldorfer Marokkaner greifen diese Unterscheidung in ihrer Stellungnahme ausdrücklich auf. Strafbare Handlungen müssten konsequent verfolgt und die Verantwortlichen individuell zur Rechenschaft gezogen werden.
Die Herkunft einzelner Tatverdächtiger dürfe jedoch nicht dazu führen, ganze Bevölkerungsgruppen mit Gewalt oder Kriminalität in Verbindung zu bringen.
Darüber hinaus fordert die Initiative eine stärkere Beteiligung von Menschen mit unterschiedlichen Biografien an kommunalen Entscheidungsprozessen. Gesellschaftliche Teilhabe dürfe sich nicht auf symbolische Sichtbarkeit beschränken.
Nach Angaben der Initiative leben rund 18.000 Menschen mit marokkanischen Wurzeln in Düsseldorf.
„Ihre Perspektiven gehören selbstverständlich zu unserer Stadt – auch dort, wo über ihre Zukunft entschieden wird“, heißt es in der Pressemitteilung.
Die Initiative versteht sich als kommunale Interessenvertretung und als Teil des bundesweiten Netzwerks „Marokkaner in Deutschland“. Sie möchte insbesondere die Zusammenarbeit zwischen Vereinen, Bildungseinrichtungen, Stadtverwaltung und Politik ausbauen.
Bundesinnenminister ausdrücklich nach Düsseldorf eingeladen
Die Initiative richtet sich mit ihrem Vorschlag unmittelbar an Dobrindt. Der Bundesinnenminister soll die Düsseldorfer Wochen gegen Rassismus besuchen und sich vor Ort an einem Gespräch über Rassismus, gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Umgang mit Menschen unterschiedlicher Herkunft beteiligen.
Die Einladung ist ausdrücklich als Dialogangebot formuliert. Die Initiative verbindet ihre Kritik an pauschalen Zuschreibungen damit mit dem Wunsch nach einer direkten politischen Auseinandersetzung.
Eine Zusage des Bundesinnenministers oder ein konkreter Gesprächstermin wurde bislang nicht bekannt gegeben.
Karima Benbrahim und Stephan Keller übernehmen Schirmherrschaft
Die Internationalen Wochen gegen Rassismus finden in Düsseldorf vom 5. bis zum 21. März 2027 statt. Das Motto lautet „100 % Menschenwürde. Zukunft bunt gestalten“.
Die Landeshauptstadt hatte bereits am 19. Oktober angekündigt, dass Oberbürgermeister Stephan Keller und Karima Benbrahim gemeinsam die Schirmherrschaft übernehmen.

Benbrahim betonte damals, dass Rassismus weiterhin unterschiedliche Lebensbereiche beeinflusse und Menschen aufgrund tatsächlicher oder zugeschriebener Merkmale ungleich behandelt würden. Die Aktionswochen sollten deshalb nicht nur Aufmerksamkeit schaffen, sondern auch konkrete Handlungsmöglichkeiten gegen Diskriminierung vermitteln.
In Düsseldorf werden die Internationalen Wochen gegen Rassismus vom Kommunalen Integrationszentrum und dem zuständigen städtischen Arbeitskreis organisiert.
Vereine, Schulen, Religionsgemeinschaften, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Initiativen können eigene Veranstaltungen beisteuern. Möglich sind unter anderem Workshops, Diskussionsveranstaltungen, Lesungen, kulturelle Angebote und Begegnungsformate.
Die Anmeldefrist für Beiträge zum offiziellen Programm endet am 1. Februar 2027. Interessierte können ihre Veranstaltungen über die Internetseite der Landeshauptstadt Düsseldorf einreichen.

