Liberia fordert für Afrika mindestens zwei ständige Sitze im UN-Sicherheitsrat mit sämtlichen Rechten einschließlich des Vetos, solange dieses Instrument besteht. Präsident Joseph Nyuma Boakai erhob die Forderung am Donnerstag, 24. September 2026, vor der UN-Generalversammlung in New York. Liberia sitzt derzeit selbst als nichtständiges Mitglied im Sicherheitsrat und gehört zu den vier afrikanischen Staaten, die 1945 an der Gründung der Vereinten Nationen beteiligt waren. Boakai verband die Forderung nach mehr afrikanischem Einfluss mit einem grundlegenden Umbau der internationalen Finanzordnung und verwies auf die eigene Entwicklung Liberias vom Bürgerkrieg zu einer demokratischen Staatsordnung.
„Diese historische Ungerechtigkeit ist nicht länger hinnehmbar“
Boakai machte die Zusammensetzung des Sicherheitsrats zu einem Schwerpunkt seiner Rede. Afrika habe rund 1,5 Milliarden Einwohner und stelle nahezu ein Drittel der UN-Mitgliedschaft, verfüge aber über keinen einzigen ständigen Sitz in dem Gremium, das über internationale Sicherheit und Frieden entscheidet.
„Diese historische Ungerechtigkeit ist nicht länger hinnehmbar“, sagte der liberianische Präsident.
Liberia unterstützt damit die gemeinsame afrikanische Position, die im Ezulwini-Konsens und in der Erklärung von Sirte festgehalten ist. Sie verlangt mindestens zwei ständige und zusätzliche nichtständige Sitze für Afrika. Solange die fünf bisherigen ständigen Mitglieder über ein Vetorecht verfügen, soll dieses auch den afrikanischen ständigen Mitgliedern zustehen. Liberia hatte diese Position bereits bei den UN-Verhandlungen zur Reform des Sicherheitsrats im April bekräftigt.
„Die Korrektur dieses Ungleichgewichts ist kein Gefallen an Afrika“, sagte Boakai. Sie sei notwendig, um Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Legitimität der Vereinten Nationen zu stärken.
Liberia sitzt inzwischen selbst im Sicherheitsrat
Der Forderung verleiht Liberias eigene Rolle bei den Vereinten Nationen zusätzliches Gewicht. Das westafrikanische Land gehört seit Januar 2026 für zwei Jahre dem Sicherheitsrat an. Neben Liberia vertreten derzeit die Demokratische Republik Kongo und Somalia Afrika als gewählte Mitglieder des Gremiums. Vereinte Nationen
Liberia war außerdem eines von nur vier afrikanischen Ländern, die 1945 an der Gründungskonferenz der Vereinten Nationen in San Francisco teilnahmen. Neben Liberia waren dies Ägypten, Äthiopien und Südafrika. Afrikaerneuerung
Boakai stellte diese Geschichte in einen direkten Zusammenhang mit der heutigen Reformdebatte. Vertrauen in den Multilateralismus sei nicht deshalb geschwächt, weil die Grundsätze der UN-Charta überholt seien, sondern weil sie international „inkonsequent und selektiv“ angewandt würden.
Eine effizientere Verwaltung allein reiche deshalb nicht aus. Eine tatsächliche Reform müsse die Machtstrukturen des Sicherheitsrats verändern.
Vom Bürgerkrieg zum Mitglied des Sicherheitsrats
Boakai griff dabei auch auf die jüngere Geschichte seines Landes zurück.
„Nachdem Liberia aus der Asche des Konflikts aufgestiegen ist und sich zu einer widerstandsfähigen Demokratie entwickelt hat, ist es der lebende Beweis dafür, dass Dialog Spaltung überwinden kann und Institutionen aufgebaut werden können“, sagte er.
Liberias Bürgerkriege verwüsteten das Land über mehr als ein Jahrzehnt. Nach dem Friedensabkommen von 2003 entsandten die Vereinten Nationen die Friedensmission UNMIL. Sie unterstützte unter anderem die Entwaffnung ehemaliger Kämpfer, den Wiederaufbau von Polizei und Streitkräften sowie mehrere Wahlen. Im März 2018 beendete UNMIL nach fast 15 Jahren ihren Einsatz.
Heute sitzt Liberia selbst in jenem Sicherheitsrat, der 2003 die UN-Mission für das Land eingerichtet hatte.

Boakai stellte die eigene Erfahrung deshalb auch als Argument für stärkere Krisenprävention heraus. Internationale Politik müsse mehr in Vermittlung, Frühwarnsysteme und vorbeugende Diplomatie investieren, bevor Gesellschaften in bewaffnete Konflikte abrutschten.
Boakai fordert Umbau von Weltbank und IWF
Seine Reformforderungen beschränkte der Präsident nicht auf die Vereinten Nationen.
Boakai verlangte einen „dringenden strukturellen Umbau“ der internationalen Finanzarchitektur. Entwicklungsländer benötigten langfristig bezahlbare Finanzierung, tragfähige Schulden und verlässlich verfügbares Entwicklungskapital statt steigender Zinsen, „die das Überleben bedrohen“.
Besonders Weltbank und Internationaler Währungsfonds müssten Entwicklungsländern mehr Einfluss auf Entscheidungen geben.
„Ein Finanzsystem, das über das Schicksal von Milliarden Menschen entscheidet, kann nicht weiterhin von so wenigen regiert werden“, sagte Boakai.
Er stellte die Governance der internationalen Finanzinstitutionen damit in dieselbe Reformdebatte wie den Sicherheitsrat. Beide Strukturen spiegelten aus Sicht Liberias Machtverhältnisse wider, die stärker von der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg als von den politischen und wirtschaftlichen Realitäten des 21. Jahrhunderts geprägt seien.
Die Reform sei deshalb keine technische Frage. Sie entscheide darüber, ob Entwicklungsländer ausreichend investieren könnten, um die UN-Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.
Klimafolgen treffen Liberia trotz geringer Emissionen
Auch Klimafinanzierung ordnete Boakai in diese Forderung nach veränderten internationalen Finanzstrukturen ein.
Liberia verursache selbst nur einen sehr kleinen Teil der weltweiten Treibhausgasemissionen, sei aber von Küstenerosion, Überschwemmungen und Veränderungen landwirtschaftlicher Anbauzyklen betroffen. Industriestaaten müssten deshalb ihre Finanzierungszusagen erfüllen und die vereinbarten Mechanismen für klimabedingte Verluste und Schäden tatsächlich finanzieren, forderte der Präsident.
Liberia verwies zugleich auf seine Wälder als bedeutenden Kohlenstoffspeicher. Nach Boakais Angaben befinden sich 42 Prozent des noch verbliebenen Regenwaldes von Oberguinea im Land.
Westafrika kämpft mit neuen Sicherheitsrisiken
Als derzeitiges Sicherheitsratsmitglied will Liberia zudem Bedrohungen stärker auf die internationale Agenda bringen, die über klassische zwischenstaatliche Kriege hinausgehen.
Boakai nannte organisierte Kriminalität, Cyberangriffe und illegalen Handel entlang der Seewege im Golf von Guinea. Liberia gehe bereits stärker gegen transnationale Drogenkartelle vor, benötige aber internationale Unterstützung bei Küstenüberwachung, Informationsaustausch und Sicherheitstechnologien.
Kein Staat könne grenzüberschreitende kriminelle Netzwerke allein kontrollieren, sagte der Präsident.
Dabei verbindet Monrovia die Sicherheitsfrage mit der wirtschaftlichen Entwicklung Westafrikas. Instabile Küstenräume, organisierte Kriminalität und illegale Handelsströme gefährden aus Sicht der Regierung nicht nur einzelne Länder, sondern zunehmend die gesamte Region.
Boakai stellte Liberias eigene Nachkriegsgeschichte dabei als Ausgangspunkt seiner Forderungen an das internationale System: Institutionen könnten nach schweren Konflikten wieder aufgebaut werden. Die dafür benötigten internationalen Strukturen müssten Entwicklungsländern jedoch mehr Einfluss, verlässliche Finanzierung und gleichberechtigte politische Repräsentation ermöglichen.

