Der russische Aluminiumkonzern Rusal will sich an prioritären Projekten des guineischen Entwicklungsprogramms Simandou 2040 beteiligen und dabei insbesondere in die lokale Verarbeitung von Rohstoffen investieren. Das Gespräch mit Präsident Mamadi Doumbouya fand am 17. September statt. Guinea treibt parallel den Bau neuer Alumina-Raffinerien voran und will einen größeren Teil der Wertschöpfung aus Bauxit, Gold und anderen Bodenschätzen im eigenen Land halten. Einen konkreten Investitionsbetrag oder ein einzelnes Rusal-Projekt vereinbarten beide Seiten zunächst nicht.
Eine Rusal-Delegation unter Führung des russischen Botschafters Alexey Popov traf Doumbouya im Präsidentenpalast Mohammed V in Conakry. Im Zentrum standen nach Mitteilung der guineischen Präsidentschaft die Umsetzung von Simandou 2040 und die Verarbeitung mineralischer Rohstoffe innerhalb Guineas. Rusal erklärte demnach, zu Projekten beitragen zu wollen, die Conakry innerhalb des Programms als prioritär einstuft. Das Unternehmen bat zugleich um Unterstützung der Behörden bei der Umsetzung künftiger Investitionen.
Damit signalisiert der bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten in Guinea tätige russische Konzern Interesse an der nächsten Phase der guineischen Rohstoffpolitik. Rusal ist bislang vor allem mit Bauxitförderung und Alumina-Produktion im Land verbunden. Eine unmittelbare Beteiligung des Konzerns am eigentlichen Eisenerzprojekt Simandou wurde bei dem Treffen allerdings nicht angekündigt.
Guinea will nicht länger nur Rohstoffe exportieren
Die Regierung in Conakry hat die lokale Verarbeitung mineralischer Rohstoffe zu einem Schwerpunkt ihrer Wirtschaftspolitik gemacht. Doumbouya bekräftigte bei dem Treffen mit Rusal, dass Guinea stärker vom reinen Abbau und Export zur industriellen Weiterverarbeitung im eigenen Land übergehen solle.

Die Präsidentschaft verweist dabei auf drei Alumina-Raffinerien, die sich im Aufbau befinden, sowie auf eine bereits fertiggestellte Goldraffinerie. Die Projekte sollen zusätzliche industrielle Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Kompetenzen im Land schaffen.
Besonders weit fortgeschritten ist die Planung mehrerer Großprojekte im Bauxit- und Alumina-Sektor. Im Juni begannen die Arbeiten an einer neuen Raffinerie des chinesischen Aluminiumkonzerns Chalco in Boffa. Sie soll eine jährliche Produktionskapazität von 1,2 Millionen Tonnen Alumina erreichen. Das Investitionsvolumen wird von den guineischen Behörden mit rund 1,68 Milliarden US-Dollar angegeben.
Neben Chalco laufen Raffinerievorhaben von SPIC und Winning Consortium Alumina Guinea. Nach Angaben des Simandou-2040-Programms sollen bis 2030 insgesamt fünf Raffinerien entstehen. Drei davon befinden sich bereits in der Umsetzung.
Auch im Goldsektor versucht Guinea, Verarbeitungsschritte ins Land zu holen. Die Anlagen der Nimba Gold Refinery in Gbessia wurden 2026 von Vertretern der guineischen Goldindustrie besichtigt. Die Regierung verfolgt dabei das Ziel, im Land gefördertes Gold künftig vor seiner Vermarktung auf dem Weltmarkt in Guinea raffinieren zu lassen.
Simandou 2040 ist größer als das Eisenerzprojekt
Der Name Simandou steht international vor allem für eines der weltweit bedeutendsten noch nicht vollständig erschlossenen Eisenerzvorkommen. Das von der guineischen Regierung verwendete Programm „Simandou 2040“ geht inzwischen jedoch deutlich darüber hinaus.
Conakry hat den Namen auf einen langfristigen wirtschaftlichen Entwicklungsrahmen übertragen, der Bergbau, Industrie, Infrastruktur, Energie, Landwirtschaft, Bildung und weitere Wirtschaftsbereiche miteinander verbinden soll. Der eigentliche Simandou-Minen- und Infrastrukturkomplex bildet dabei einen wirtschaftlichen Ausgangspunkt für eine breitere Industrialisierungsstrategie. Die Regierung bezeichnet das Programm als Rahmen für die sozioökonomische Entwicklung der kommenden 15 Jahre.
Deshalb bedeutet Rusals angekündigtes Interesse an „Prioritäten von Simandou 2040“ nicht automatisch, dass der russische Konzern in die Eigentümerstruktur der Simandou-Eisenerzminen einsteigen will. Im Mittelpunkt des Treffens standen vielmehr Rohstoffverarbeitung, Bergbauinvestitionen und industrielle Infrastruktur.
Rusal ist seit 2001 in Guinea
Für Rusal wäre ein stärkeres Engagement kein Neueinstieg in den guineischen Rohstoffsektor. Der russische Konzern arbeitet seit 2001 in dem westafrikanischen Land. Zu seinen dortigen Aktivitäten gehören die Compagnie des Bauxites de Kindia und der Friguia-Komplex für Bauxit und Alumina. Hinzu kommt das Dian-Dian-Projekt in der Region Boké.
Allein die Compagnie des Bauxites de Kindia verfügt nach Unternehmensangaben über eine jährliche Förderkapazität von 3,5 Millionen Tonnen Bauxit und beschäftigt rund 1.300 Menschen. Rusal bezeichnet sie als sein größtes einzelnes Rohstoff-Asset und beziffert ihren Anteil an der eigenen Bauxitproduktion auf etwa ein Viertel.
Beim Dian-Dian-Vorkommen nennt der Konzern nachgewiesene Reserven von 564 Millionen Tonnen Bauxit. Die erste Entwicklungsphase ging 2018 in Betrieb und umfasste neben der Mine auch Straßen-, Bahn- und Lagerinfrastruktur. Die Produktionskapazität wird mit drei Millionen Tonnen Bauxit pro Jahr angegeben.
Das Treffen in Conakry verschiebt den Gesprächsschwerpunkt nun stärker von der Rohstoffförderung zur Weiterverarbeitung. Die guineische Präsidentschaft nennt neben Bergbauinvestitionen ausdrücklich lokale Verarbeitung und industrielle Infrastruktur als Felder einer möglichen Vertiefung der Zusammenarbeit mit Russland.
Russland sucht breitere wirtschaftliche Rolle in Guinea
Botschafter Popov verband die Gespräche zugleich mit einer stärkeren bilateralen Zusammenarbeit zwischen Moskau und Conakry. Bereits wenige Stunden vor dem Treffen hatte er in einem Interview mit der staatlichen Nachrichtenagentur AGP die Beziehungen beider Länder hervorgehoben und auf die langjährige Präsenz russischer Unternehmen in Guinea verwiesen. Allein Rusal und der Goldminenbetreiber SMD-Lefa beschäftigten nach seinen Angaben mehrere hundert russische Staatsbürger im Land.
Rusal tritt damit in eine Phase ein, in der Guinea mehrere internationale Unternehmen um Investitionen in Weiterverarbeitung und Industrie wirbt. Neben den laufenden Raffinerieprojekten hat Conakry in diesem Jahr auch mit afrikanischen Investoren über Bauxitminen, Alumina-Raffinerien sowie Anlagen zur Verarbeitung von Eisenerz gesprochen.
Welche dieser Bereiche Rusal konkret übernehmen oder finanzieren könnte, ist bislang offen. Die Präsidentschaft veröffentlichte nach dem Treffen weder eine Investitionssumme noch einen Projektvertrag oder einen Zeitplan.

