“Bedenkliche Entwicklung” – Mittelständler denken über Verlagerung ins Ausland nach

Schwache Exporte, hohe Kosten und wachsender Konkurrenzdruck: Immer mehr Mittelständler ziehen Konsequenzen. Fast jeder dritte international tätige Industriebetrieb erwägt inzwischen, Aktivitäten ins Ausland zu verlagern.

Der deutsche Mittelstand zieht zunehmend Konsequenzen aus schwachen Exporten, hohen Standortkosten und geopolitischen Risiken: Fast jeder dritte international tätige Industriebetrieb erwägt, Teile seiner Aktivitäten ins Ausland zu verlagern. Der KfW-Internationalisierungsbericht 2026 wurde am 6. September veröffentlicht. Gleichzeitig rechnen 30 Prozent der Mittelständler mit Auslandsgeschäft mit sinkenden grenzüberschreitenden Umsätzen in den kommenden drei Jahren. Die KfW warnt angesichts dieser Entwicklung ausdrücklich vor einer fortschreitenden Deindustrialisierung. 

Die Zahlen zeichnen ein zunehmend angespanntes Bild. Noch vor wenigen Jahren investierten Mittelständler im Ausland vor allem, um neue Märkte zu erschließen. Inzwischen spielt ein anderes Motiv eine größere Rolle: Kosten sparen und auf schwächere Standortbedingungen in Deutschland reagieren.

Im Verarbeitenden Gewerbe haben bereits acht Prozent der international tätigen Mittelständler Teile ihrer Aktivitäten ins Ausland verlagert. Weitere 29 Prozent planen einen solchen Schritt in den kommenden fünf Jahren. Selbst wenn nur jedes zweite Unternehmen diese Absicht tatsächlich umsetzt, könnten nach Berechnungen der KfW rund sieben Prozent aller mittelständischen Industriebetriebe zumindest einen Teil ihrer Produktion ins Ausland verlagern. 

Nicht mehr der neue Markt, sondern die Kosten treiben Unternehmen ins Ausland

Die Motive für Auslandsinvestitionen verschieben sich. KfW Research verweist auf eine Erhebung der Deutschen Industrie- und Handelskammer von Anfang 2026. Danach sind Kosteneinsparungen inzwischen der wichtigste Grund für geplante Auslandsinvestitionen der Industrie.

Das unterscheidet die aktuelle Entwicklung von früheren Jahren. Damals standen neue Kunden, zusätzliche Absatzmärkte und Wachstum stärker im Vordergrund. Heute gehen Auslandsinvestitionen häufiger mit geringeren Investitionen und Beschäftigungsabbau in Deutschland einher. 

Als Belastungen nennen die Unternehmen vor allem Bürokratie, Steuern und Abgaben sowie hohe Energie- und Arbeitskosten. Hinzu kommen Fachkräftemangel und Schwierigkeiten bei der Rohstoffversorgung.

KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher spricht von einer „bedenklichen Entwicklung“ für Wachstum und Wohlstand in Deutschland. Die Politik müsse die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts stärken und einer Deindustrialisierung entgegenwirken.

Die deutsche Industrie verliert im Ausland an Boden

Der Druck auf die Unternehmen zeigt sich längst in den Umsätzen. 2024 erwirtschaftete der deutsche Mittelstand im Ausland 699 Milliarden Euro. Nominal bedeutete das kaum Bewegung gegenüber dem Vorjahr. Preisbereinigt gingen die Auslandsumsätze jedoch um 2,9 Prozent zurück. 

Besonders deutlich fällt die Schwäche im Verarbeitenden Gewerbe aus. Die internationalen Umsätze der mittelständischen Industrie sanken binnen eines Jahres von 316 auf 298 Milliarden Euro. Auch im Groß- und Einzelhandel ging das Auslandsgeschäft zurück.

Nur die Dienstleistungen verhinderten einen stärkeren Einbruch. Dort stiegen die Auslandsumsätze von 194 auf 227 Milliarden Euro.

Für die Industrie wiegt die Entwicklung besonders schwer. Sie stellt zwar nur rund sechs Prozent aller mittelständischen Unternehmen in Deutschland, erwirtschaftet aber 43 Prozent der gesamten mittelständischen Auslandsumsätze. 

Zuversicht in die eigene Wettbewerbsfähigkeit bricht ein

Auch der Blick der Unternehmen auf die kommenden Jahre hat sich deutlich verschlechtert. Im September 2025 erwarteten nur noch 23 Prozent der Mittelständler eine Verbesserung ihrer internationalen Wettbewerbsposition. Im März 2023 waren es noch 35 Prozent gewesen.

Gleichzeitig hat sich der Anteil der Unternehmen, die eine Verschlechterung erwarten, innerhalb dieses Zeitraums mehr als verdoppelt: von 19 auf 41 Prozent. 

Beim Auslandsgeschäft selbst rechnen 30 Prozent der international tätigen Mittelständler in den kommenden drei Jahren mit sinkenden Umsätzen. Sechs Prozent erwarten sogar einen starken Rückgang. Nur 24 Prozent gehen davon aus, dass ihre Geschäfte außerhalb Deutschlands wachsen werden.

Die Einschätzungen stammen aus einer Befragung vom Januar 2026. Der spätere Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus waren darin noch nicht berücksichtigt. Die KfW geht davon aus, dass steigende Energiepreise, Lieferengpässe und zusätzliche geopolitische Unsicherheit die Stimmung inzwischen weiter belastet haben könnten. 

USA-Geschäft schrumpft, Konkurrenz aus China wächst

Auch auf zwei der wichtigsten Weltmärkte nimmt der Druck zu. Der Anteil der deutschen Mittelständler mit direkten Exporten in die USA sank innerhalb eines Jahres von 8,5 auf 5,8 Prozent. Jeder zweite Mittelständler mit transatlantischen Geschäftsbeziehungen berichtete von negativen Folgen der neuen US-Handelspolitik. 

Gleichzeitig spüren 19 Prozent aller rund 3,9 Millionen Mittelständler in Deutschland wachsenden Konkurrenzdruck durch chinesische Unternehmen. Besonders stark betroffen sind Industrie und Handel.

Die KfW sieht darin eine Kombination mehrerer Belastungen: protektionistische Handelspolitik in den USA, zunehmende Konkurrenz aus China und sinkende Wettbewerbsfähigkeit am Standort Deutschland.

Unternehmen suchen neue Märkte und ziehen sich zugleich zurück

Viele Mittelständler versuchen, ihre Abhängigkeit von einzelnen Ländern zu verringern. Knapp 16 Prozent der Unternehmen mit Auslandsgeschäft haben in den vergangenen fünf Jahren neue Exportmärkte erschlossen oder neue Kunden gewonnen. Weitere sieben Prozent planen diesen Schritt.

In der Industrie ist die Bewegung noch ausgeprägter. Dort haben bereits 22 Prozent ihre Exportmärkte stärker diversifiziert. Weitere 19 Prozent wollen folgen. 

Parallel rückt Europa wieder stärker in den Blick. Rund 14 Prozent der auslandsaktiven Mittelständler planen, ihre Exporte stärker auf den EU-Binnenmarkt auszurichten. Schon heute werden zwei Drittel der mittelständischen Auslandsumsätze in Europa erzielt.

Doch auch darin sieht die KfW Grenzen. Eine stärkere Konzentration auf Europa kann Risiken verringern, lässt aber zugleich Wachstumsmöglichkeiten in Schwellen- und Entwicklungsländern ungenutzt.

Kurzfristige Exportbelebung ändert das Grundproblem nicht

Zuletzt gab es zwar auch positive Signale. Die deutschen Exporte lagen im ersten Halbjahr 2026 um 3,9 Prozent über dem Vorjahreswert. Im August verbesserten sich zudem die Exporterwartungen der Industrie deutlich.

KfW Research sieht darin jedoch noch keine nachhaltige Trendwende. Die strukturellen Belastungen durch Standortkosten, geopolitische Konflikte und den internationalen Wettbewerbsdruck bestehen weiter. 

Insgesamt waren 2024 rund 819.000 der knapp 3,9 Millionen deutschen Mittelständler im Ausland aktiv. Im Verarbeitenden Gewerbe liegt der Anteil der international tätigen Unternehmen bei knapp 46 Prozent.

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