Humanitäre Hilfe: Bundesregierung warnt vor weiteren Kürzungen – Hilfswerke üben scharfe Kritik

Mehr als eine Milliarde Euro aus Deutschland, aber weltweit fehlen Milliarden: Zum Welttag der humanitären Hilfe warnt Außenminister Wadephul vor einer Unterfinanzierung. VENRO geht weiter und wirft der Bundesregierung vor, mit ihren Kürzungen Menschenleben zu gefährden.

Die Bundesregierung warnt angesichts von weltweit Hunderten Millionen hilfsbedürftigen Menschen vor weiteren Kürzungen bei der humanitären Hilfe. Zum Welttag der humanitären Hilfe am 19. August erklärte Außenminister Johann Wadephul, Deutschland müsse auch in den kommenden Jahren eine ausreichende Finanzierung sicherstellen. Für 2026 stellt die Bundesregierung nach eigenen Angaben mehr als eine Milliarde Euro bereit und unterstützt damit Hilfsmaßnahmen für über 80 Millionen Menschen in 54 Ländern. Der Entwicklungsverband VENRO hält die bisherigen Kürzungen dagegen für nicht vertretbar und wirft der Bundesregierung eine Mitverantwortung für die Folgen der Finanzierungslücken vor.

Deutschland stellt mehr als eine Milliarde Euro bereit

Der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe, Lars Castellucci, bezifferte die deutschen Mittel für humanitäre Hilfe in diesem Jahr auf mehr als eine Milliarde Euro.

Gleichzeitig seien weltweit 239 Millionen Menschen auf humanitäre Unterstützung angewiesen. Es fehlten Milliarden, um selbst die dringendsten Bedarfe zu finanzieren.

„Weitere Kürzungen in diesem Bereich wären falsch“, erklärte Castellucci. „Humanitäre Hilfe ist kein Luxus. Sie rettet Leben und sie ist eine menschliche Verpflichtung.“

Auch Wadephul sprach sich gegen eine weitere Schwächung der Finanzierung aus. Die Not steige schneller als die verfügbaren Mittel. Deutschland bleibe deshalb ein wichtiger Partner internationaler Hilfsorganisationen.

Nach Angaben des Außenministers hat die Bundesregierung 2026 dazu beigetragen, mehr als 80 Millionen Menschen in 54 Ländern mit lebensnotwendiger Hilfe zu erreichen.

Wadephul verweist auf Sudan, Ukraine und Kongo

Als Schwerpunkt nannte Wadephul unter anderem den Sudan. Dort hungerten fast 20 Millionen Menschen. Der Außenminister bezeichnete die Lage als „schwerste humanitäre Krise unserer Zeit“ und verwies auf die im Rahmen der Berliner Sudankonferenz mobilisierten internationalen Hilfsmittel.

In der Ukraine unterstützt Deutschland humanitäre Maßnahmen für Menschen, die unter dem russischen Angriffskrieg leiden. In der Demokratischen Republik Kongo beteiligt sich die Bundesregierung nach Wadephuls Angaben an Maßnahmen zur Eindämmung eines Ebola-Ausbruchs.

Auch nach Naturkatastrophen sei schnelle Hilfe notwendig. Als Beispiel nannte der Außenminister die schweren Erdbeben in Venezuela.

Wadephul verknüpfte die humanitäre Hilfe ausdrücklich mit deutschen Interessen. Sie könne Fluchtursachen eindämmen, Stabilität stärken und Voraussetzungen für Frieden und Wiederaufbau schaffen. Deshalb liege sie neben ihrer humanitären Funktion auch im sicherheits- und wirtschaftspolitischen Interesse Deutschlands.

VENRO: Mindestens 252 Millionen Menschen benötigen Hilfe

Der Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen, VENRO, zeichnet ein deutlich kritischeres Bild der deutschen Finanzierungspolitik.

Unter Berufung auf UN-Zahlen vom Juni nennt der Verband für 2026 mindestens 252 Millionen Menschen, die weltweit auf akute humanitäre Hilfe angewiesen seien. Das seien etwa doppelt so viele wie vor zehn Jahren.

Damit liegt die von VENRO verwendete Zahl über den 239 Millionen Menschen, die Castellucci nennt. Beide Angaben beziehen sich auf unterschiedliche Erhebungsstände der humanitären Bedarfsplanung.

VENRO-Vorstandsvorsitzende Anica Heinlein kritisierte, dass die Zahl der Krisen steige, während die verfügbaren Mittel zurückgingen.

„Dass die Bundesregierung ihre Mittel in den vergangenen Jahren auf nur noch eine Milliarde Euro gekürzt hat und daran auch zukünftig festhalten möchte, ist angesichts der dramatischen Lage nicht zu rechtfertigen“, erklärte Heinlein.

Sie erhob zugleich einen weitreichenden Vorwurf gegen die Haushaltspolitik der Bundesregierung: „Die Bundesregierung macht sich mit ihrer Haushaltspolitik potenziell mitschuldig am Tod vieler Menschen.“

350 humanitäre Helfer 2025 getötet

Bundesregierung und Hilfsorganisationen verweisen zugleich auf die wachsenden Gefahren für das humanitäre Personal.

2025 wurden weltweit 350 Helferinnen und Helfer getötet. Die meisten Opfer waren lokale Mitarbeiter von Hilfsorganisationen.

VENRO nennt unter Berufung auf die Aid Worker Security Database insgesamt 1.187 schwere Sicherheitsvorfälle im vergangenen Jahr. 96 Prozent der Opfer seien lokale Kräfte gewesen.

Besonders viele Todesfälle verzeichnete der Verband in Gaza. Dort seien 2025 insgesamt 187 humanitäre Helfer getötet worden.

Heinlein warf der internationalen Gemeinschaft vor, Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht zu selten zu benennen und zu ahnden. Auch Deutschland habe dabei „viel zu oft weggesehen“.

Castellucci forderte ebenfalls einen besseren Schutz des Hilfspersonals. „Wer Menschen hilft, darf nicht zur Zielscheibe werden“, erklärte der Menschenrechtsbeauftragte.

Drohnen werden zur Gefahr für Hilfsorganisationen

VENRO warnt zudem vor einem zunehmenden Einsatz bewaffneter Drohnen gegen zivile und humanitäre Einrichtungen.

In der Ukraine seien direkte Angriffe auf Krankenwagen und medizinische Einrichtungen dokumentiert worden. Drohnen könnten die Schwelle für gezielte Angriffe auf zivile Einrichtungen und humanitäres Personal senken und erzeugten ein dauerhaftes Bedrohungsrisiko, erklärte Heinlein.

Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Menschenrechte und Humanitäre Hilfe im Bundestag, Norbert Altenkamp (CDU), forderte zum Welttag der humanitären Hilfe ebenfalls eine bedarfsgerechte Unterstützung. Sie müsse sich an den Grundsätzen der Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit orientieren.

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