Amtsinhaber Carlos Vila Nova steht in São Tomé und Príncipe vor der Wiederwahl, während der von Ex-Regierungschef Patrice Trovoada unterstützte Nito d’Abreu nach den bislang veröffentlichten Auszählungen zurückliegt. Die Präsidentschaftswahl fand am 19. Juli 2026 statt. Offizielle vorläufige Gesamtergebnisse der Nationalen Wahlkommission lagen am Montagmorgen noch nicht vor. Die Abstimmung entwickelt sich damit auch zu einer Niederlage für Trovoadas Versuch, erneut einen von ihm ausgewählten Kandidaten im Präsidentenamt zu etablieren.
Mehr als 142.000 Wahlberechtigte waren aufgerufen, über das Staatsoberhaupt der kommenden fünf Jahre zu entscheiden. Neben Vila Nova und Nito d’Abreu traten der Jurist Miques João Bonfim und der Hochschullehrer Eugénio Tiny an.
Ein Kandidat benötigt mehr als die Hälfte der gültigen Stimmen, um bereits im ersten Wahlgang zu gewinnen. Die Nationale Wahlkommission wollte die Auszählung und die Ermittlung des vorläufigen Ergebnisses im Laufe der Woche abschließen.
Aus früheren Verbündeten wurden politische Gegner
Vila Nova war 2021 noch mit Unterstützung der Unabhängigen Demokratischen Aktion, kurz ADI, zum Präsidenten gewählt worden. Die Partei wird seit Jahren von Patrice Trovoada geprägt und verfügt über eine starke Stellung im Parlament.

Das Bündnis zerbrach im Januar 2025. Vila Nova entließ Trovoada und dessen Regierung. Als Gründe nannte der Präsident unter anderem die häufige Abwesenheit des Regierungschefs und aus seiner Sicht ungelöste Probleme bei der Regierungsführung.
Trovoada bezeichnete seine Absetzung als rechtswidrig und verfassungswidrig. Die Auseinandersetzung spaltete anschließend die ADI. Während Trovoadas Lager Nito d’Abreu unterstützte, trat Vila Nova als unabhängiger Kandidat an und erhielt Rückhalt aus Teilen der Regierungspartei sowie von bisherigen politischen Gegnern.
Die Wahl wurde damit zu einem direkten Kräftemessen zwischen dem amtierenden Präsidenten und seinem früheren politischen Förderer. Eine Wiederwahl Vila Novas würde bestätigen, dass der Präsident auch außerhalb der von Trovoada geführten Parteistrukturen eine eigene Mehrheit mobilisieren kann.
Trovoadas Kandidat gelingt kein Durchbruch
Nito d’Abreu führte bislang die ADI-Fraktion im Parlament. Im Wahlkampf stellte er die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Abwanderung junger Menschen in den Vordergrund.
Der Kandidat rief die Bevölkerung am Wahltag zu einer hohen Beteiligung und einer friedlichen Abstimmung auf. „Wir sind bereits ein Vorbild bei Wahlen. Wer verliert, muss das Ergebnis akzeptieren, und wer gewinnt, muss den Unterlegenen respektieren“, sagte d’Abreu nach seiner Stimmabgabe.
Die in der Nacht veröffentlichten Zahlen deuteten jedoch auf eine Niederlage hin. Vollständige Angaben zu Stimmenanteilen, Wahlbeteiligung und regionaler Verteilung lagen zunächst nicht vor.
Das Ergebnis trifft nicht nur den Kandidaten selbst. Trovoada hatte d’Abreu ausgewählt und seine Bewerbung unterstützt, obwohl dieser bislang weder ein hohes Regierungsamt bekleidet noch längere Erfahrung in der staatlichen Verwaltung gesammelt hatte. Das Nachrichtenportal Téla Nón wertete die sich abzeichnende Niederlage deshalb als mögliche Zäsur für Trovoadas politischen Einfluss.
Familie Trovoada prägte das Präsidentenamt über Jahrzehnte
Patrice Trovoada gehört seit mehr als zwei Jahrzehnten zu den einflussreichsten Politikern des Inselstaates. Er führte mehrfach die Regierung und blieb zugleich Vorsitzender der ADI.
Bereits sein Vater Miguel Trovoada amtierte von 1991 bis 2001 als Präsident. In den folgenden Jahrzehnten unterstützte das politische Lager der Familie wiederholt Bewerber um das höchste Staatsamt.
Fradique de Menezes trat 2001 die Nachfolge Miguel Trovoadas an. Nach dem Bruch mit de Menezes kandidierte Patrice Trovoada bei der Präsidentschaftswahl 2006 selbst, unterlag jedoch dem Amtsinhaber.
Später setzte die ADI auf Evaristo Carvalho. Dieser verlor zunächst gegen den früheren Präsidenten Manuel Pinto da Costa, gewann aber 2016 die Präsidentschaft. Fünf Jahre später führte Trovoadas Unterstützung Carlos Vila Nova ins Amt. Noch vor dem Ende dieser Amtszeit wurden der Präsident und sein früherer Förderer zu politischen Gegnern.
Eine Niederlage d’Abreus wäre damit das zweite Mal innerhalb des Mehrparteiensystems, dass ein von Trovoada unterstützter Kandidat das Präsidentenamt trotz des organisatorischen Gewichts der ADI nicht gewinnt.
Niedrige Beteiligung und zwei lokale Boykotte
Die Abstimmung verlief nach Einschätzung der Wahlbehörden und internationaler Beobachter weitgehend friedlich. Die geringe Beteiligung prägte jedoch den Wahltag.
An einer größeren Wahlstelle in der Hauptstadt hatte bis zum Nachmittag weniger als ein Drittel der registrierten Wähler seine Stimme abgegeben. In früheren Wahljahren hatten sich dort teilweise lange Schlangen gebildet.
Zwei Wahllokale öffneten nicht. In Messias Alves im Distrikt Cantagalo boykottierten 390 Wahlberechtigte die Abstimmung und verlangten bessere Verkehrswege sowie Zugang zu Trinkwasser. Auf der kleinen Insel Ilhéu das Rolas beteiligten sich 95 registrierte Wähler aus Protest gegen die aus ihrer Sicht mangelnde Aufmerksamkeit der Behörden nicht an der Wahl.
Vila Nova wandte sich gegen die Boykotte. „Nicht zu wählen bedeutet, dem zuzustimmen, was andere wollen“, sagte der Präsident nach seiner Stimmabgabe in São Tomé.
Die Wahlkommission meldete außerdem einen versuchten Cyberangriff auf ihre Datenbank. Hinzu kamen nach Angaben der Behörde Falschmeldungen während des Wahltags und die Übernahme der Facebook-Seite des Präsidenten durch Unbekannte. Schwerwiegende gewaltsame Zwischenfälle wurden nicht registriert.
Internationale Missionen begleiten die Auszählung
Beobachter der Europäischen Union, der Afrikanischen Union, der Gemeinschaft der Portugiesischsprachigen Länder und mehrerer regionaler Organisationen begleiteten die Abstimmung.
Die Mission der Afrikanischen Union steht unter Leitung des früheren mosambikanischen Präsidenten Filipe Nyusi. Die Europäische Union hatte bereits im Juni ein Kernteam aus Wahlexperten entsandt und später Langzeit- und Kurzzeitbeobachter im Land eingesetzt.
Die EU will nach Abschluss der Abstimmung eine erste Bewertung des Wahlverlaufs veröffentlichen. Ein ausführlicher Bericht mit Empfehlungen soll nach dem Ende des gesamten Wahlzyklus folgen. Neben der Präsidentschaftswahl sind für den 27. September Parlaments-, Regional- und Kommunalwahlen vorgesehen.
São Tomé und Príncipe gilt seit Einführung des Mehrparteiensystems im Jahr 1990 als eines der Länder Afrikas mit regelmäßigem und friedlichem Machtwechsel. Die Wahlkommission zählt die Ergebnisse aus mehr als 350 Wahllokalen im Staatsgebiet und in der Diaspora aus.
