Friedensgutachten warnt vor „neuen Warlords“ in der Weltpolitik

Das Friedensgutachten 2026 warnt vor einer Weltordnung, in der Groß- und Mittelmächte Krieg wieder als Mittel der Politik nutzen. Sudan, Ostkongo, Gaza und die Ukraine stehen dabei für eine globale Gewaltdynamik, auf die Deutschland und Europa reagieren sollen.

Deutsche Friedensforschungsinstitute warnen vor einer Weltordnung, in der Groß- und Mittelmächte Krieg wieder als normales Mittel der Politik einsetzen. Das Friedensgutachten 2026 trägt den Titel „Die neuen Warlords. Gewaltdynamiken einhegen“. Die Autorinnen und Autoren sehen diese Entwicklung in Europa, im Nahen Osten und in Subsahara-Afrika, darunter im Sudan und im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Deutschland solle mit der Europäischen Union, Großbritannien und Partnern wie Südafrika neue Allianzen gegen diese Form von Machtpolitik aufbauen.

Staaten als Gewaltakteure

Das Friedensgutachten 2026 wurde von den vier deutschen Friedensforschungsinstituten BICC, IFSH, INEF und PRIF vorgelegt. Im Zentrum steht die These, dass ein neuer Typ staatlicher Gewaltakteure die internationale Politik prägt. Die Institute beschreiben diese Akteure als „staatliche Warlords“, die militärische Gewalt oder deren Androhung nutzen, um Macht-, Einfluss- und Profitinteressen durchzusetzen.

Der Begriff war lange vor allem für nichtstaatliche Gewaltunternehmer in fragilen Staaten gebräuchlich. Die Friedensforscher übertragen ihn nun auch auf Präsidenten, Generäle und Monarchen, die über Armeen, Geheimdienste und moderne Waffentechnologien verfügen. Sie handelten nicht außerhalb des Staates, sondern nutzten staatliche Machtmittel für klientelistische, imperiale oder territoriale Ziele.

Als Beispiele nennen die Institute unter anderem Russlands Krieg gegen die Ukraine, die US-israelische Intervention gegen Iran, den Gaza-Krieg, die Gewalt im Sudan und den Konflikt im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Auch die Rolle regionaler Mächte wie der Türkei, Äthiopiens und der Golfstaaten wird in diesem Zusammenhang beschrieben.

Sudan und Ostkongo als Teil einer globalen Gewaltdynamik

Subsahara-Afrika erscheint im Friedensgutachten als eine Region, in der sich lokale Konflikte, geopolitischer Wettbewerb und externe Einflussnahme überlagern. Sudan und Ostkongo werden als Beispiele für Konflikte genannt, in denen Gewalt nicht isoliert betrachtet werden kann. Bürgerkriege, Ressourceninteressen, regionale Rivalitäten und internationale Machtpolitik greifen ineinander.

Besonders deutlich wird diese Dynamik bei den Golfstaaten. Das Friedensgutachten beschreibt Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar als Akteure, die in Konflikten im Nahen Osten und am Horn von Afrika mit militärischer Präsenz, finanzieller Unterstützung, Waffenlieferungen oder Vermittlungsinitiativen auftreten. Genannt werden unter anderem Libyen, Gaza, Syrien, Sudan, Jemen und Somalia.

Die Institute bewerten diese Politik als ambivalent. Die Golfstaaten können in Friedensprozessen vermitteln, unterstützen aber zugleich unterschiedliche Konfliktparteien. Ob Krieg geführt oder Frieden vermittelt werde, folge häufig strategischen, geopolitischen oder wirtschaftlichen Interessen.

Forderung nach klarerer deutscher Linie

Für Deutschland formuliert das Friedensgutachten mehrere politische Empfehlungen. Die Bundesregierung solle in Abstimmung mit der Europäischen Union und Großbritannien neue Allianzen gegen das „neue Kriegsfürstentum“ anstoßen. Als mögliche Partner nennen die Autorinnen und Autoren Indien, Brasilien, Südafrika, Kanada und Australien.

Zugleich mahnen die Institute eine konsequentere Haltung zum Völkerrecht an. Deutschland verliere Glaubwürdigkeit, wenn es Regelbrüche nur selektiv benenne. Das Friedensgutachten nennt ausdrücklich Verstöße durch Verbündete wie die USA und Israel. Auch gewaltsam erlangten Gebietsverschiebungen solle Deutschland entgegentreten. Das gelte für russische Gebietsgewinne in der Ukraine ebenso wie für israelische Landnahmen in Palästina.

Bei den Vereinten Nationen fordern die Institute eine Stärkung der Handlungsfähigkeit in Prävention, Vermittlung und Friedenssicherung. Gegenstrukturen zu den Vereinten Nationen und kurzfristige Initiativen wie ein „Board of Peace“ unter Führung von Donald Trump sollten die EU-Staaten ablehnen. Innerhalb der Vereinten Nationen müsse die Generalversammlung gestärkt werden.

Entwicklungspolitik unter sicherheitspolitischem Druck

Ein eigenes Kapitel widmet das Friedensgutachten der Entwicklungszusammenarbeit. Die Institute warnen vor einem Rückzug großer Geber aus Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe. Kürzungen zerstörten Schutznetze, verschärften Ernährungskrisen und schwächten grundlegende Dienstleistungen. In fragilen Gesellschaften wie im Südsudan steige dadurch das Risiko organisierter Gewalt.

Die Autorinnen und Autoren wenden sich gegen eine rein transaktionale Ausrichtung deutscher Entwicklungspolitik. Entwicklungszusammenarbeit verliere ihren friedenspolitischen Sinn, wenn sie vor allem zur Migrationsabwehr, Rohstoffsicherung oder für geopolitische Tauschgeschäfte eingesetzt werde. Stattdessen solle sie auf Inklusivität, Menschenrechte, multilaterale Kooperation und eine ausreichend finanzierte Friedensdimension ausgerichtet sein.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung prognostiziert für 2025 einen Rückgang der öffentlichen Entwicklungsleistungen um 9 bis 17 Prozent. Bereits 2024 war ein Minus von 9 Prozent verzeichnet worden. Mehrere große Geber, darunter Deutschland, Frankreich, die Niederlande und das Vereinigte Königreich, haben Kürzungen umgesetzt oder angekündigt.

Rüstungskontrolle unter Druck

Das Friedensgutachten verweist auch auf neue technologische Risiken. Künstliche Intelligenz, autonome Systeme, Cyberfähigkeiten und moderne Biotechnologie verändern die internationale Sicherheit. Ihr Doppelverwendungscharakter erschwert Regulierung, weil dieselben Technologien zivil und militärisch genutzt werden können.

Die Institute fordern Deutschland auf, Grundlagen belastbarer Rüstungskontrolle auch in einer Phase neuer Rüstungswettläufe zu sichern. Rüstungskontrolle müsse flexibler werden und neue Waffentechnologien sowie digitale Systeme einbeziehen. Zugleich solle Europa seine Abhängigkeiten von den USA und China bei Künstlicher Intelligenz, kritischen Rohstoffen, Rechenressourcen und Wertschöpfungsketten verringern.

Friedensprozesse nicht als schnelle Deals

Für Übergänge vom Krieg zum Frieden lehnen die Institute ein Verständnis ab, das auf schnelle Absprachen zwischen politischen Führungen setzt. Frieden sei mehr als ein Waffenstillstand oder ein kurzfristiger Deal. Dauerhafte Übergänge verlangten glaubwürdige Sicherheitsgarantien, internationale Kontrolle, Entwaffnung, Demobilisierung, Reformen im Sicherheitssektor und rechtsstaatlich kontrollierten Wiederaufbau.

Für die Ukraine fordert das Friedensgutachten institutionelle statt persönlicher Sicherheitszusagen. Bei Gaza plädieren die Institute für konkrete Unterstützung bei Demilitarisierung, etwa durch Fachpersonal für Entwaffnung und Demobilisierung im Rahmen bestehender EU-Missionen. Zugleich empfehlen sie Deutschland, den palästinensischen Staat anzuerkennen. Für Syrien nennen sie inklusive politische Arrangements, lokale Teilhabe und Rechenschaftspflicht als Bedingungen für eine Normalisierung diplomatischer Beziehungen.

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