Afrikanische Diplomaten drängen Berlin zu mehr Tempo in der Afrika-Politik

Deutschland will Afrika stärker ins Zentrum seiner Außenpolitik rücken. Beim Africa Day in Berlin forderten afrikanische Diplomaten nun mehr Tempo: weniger Ankündigungen, mehr Investitionen, mehr Handel und eine Partnerschaft auf Augenhöhe.

Deutschland will Afrika stärker ins Zentrum seiner Außenpolitik rücken, stößt bei afrikanischen Diplomaten in Berlin aber auf die Forderung nach schnellerer Umsetzung. Beim Africa Day im Auswärtigen Amt warb Außenminister Johann Wadephul für engere Partnerschaften, mehr Handel, Investitionen und eine Reform der globalen Ordnung. Marokkos Botschafterin Zohour Alaoui forderte, die Zusammenarbeit müsse nun in konkrete Schritte übergehen. Der Doyen des afrikanischen diplomatischen Korps, Ruandas Botschafter Igor César, rief Berlin auf, in den Beziehungen zu Afrika „einen Gang höher zu schalten“.

Berlin will Afrikas Rolle neu gewichten

Wadephul knüpfte seine Rede an den Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Vor genau einem Jahr habe die Bundesregierung vereinbart, Afrikas globale Bedeutung in den Mittelpunkt der deutschen Außenpolitik zu stellen. Sein Auftrag sei klar gewesen: „Ich musste unsere Verbindungen stärken.“

Der Außenminister sagte, Deutschland brauche beides: eine Afrika-Politik für den Kontinent als Ganzes und zugleich unterschiedliche Afrika-Politiken für jedes einzelne Land. Jeder der 54 afrikanischen Staaten sei einzigartig und mit Deutschland durch eine eigene Partnerschaft verbunden.

Damit setzte Wadephul einen Akzent gegen eine pauschale Sicht auf den Kontinent. Die Afrikanische Union bleibe ein zentraler Partner, zugleich wolle Berlin die Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten stärker berücksichtigen.

Marokko-Besuch als sichtbares Signal

Wadephul verwies auf seine jüngste Reise nach Marokko. Der Besuch war seine erste Reise in das nordafrikanische Land als Außenminister und wurde in Berlin als Teil der neuen Afrika-Priorität präsentiert.

Vor den Gästen im Auswärtigen Amt sprach Wadephul auch über ein Fußballspiel mit einer jungen marokkanischen Frauenmannschaft. „Als Außenminister Deutschlands ist man immer auch Fußballdiplomat“, sagte er. Danach machte er deutlich, dass es politisch um mehr geht: um Sicherheit, Handel, Rohstoffe, regionale Integration und stärkere außenpolitische Abstimmung.

An der Feier nahm auch Zohour Alaoui teil, Marokkos Botschafterin in Deutschland und Kooordinatorin des Africa-Day, sowie Leiterin des Politikkomitees der Gruppe afrikanischer Botschafter in Berlin.

Alaoui fordert Umsetzung statt weiterer Ankündigungen

Alaoui sagte, die Zeit der bloßen Reflexion und des Wartens sei vorbei. Es gehe nun um „Aktion“ und die wirksame Umsetzung gemeinsamer Strategien. Die Feier zum Africa Day sei mehr als ein symbolischer Termin zum Jahrestag der Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit im Jahr 1963.

Die marokkanische Diplomatin wertete die Veranstaltung im Auswärtigen Amt als politisches Signal. Deutschland zeige damit Interesse am afrikanischen Kontinent und den Willen zu einer Partnerschaft auf Grundlage von gegenseitigem Respekt und gemeinsamen Interessen.

Alaoui sprach von einem stark veränderten geopolitischen Umfeld. Gerade diese Umbrüche könnten Chancen eröffnen, wenn Afrika und Deutschland den Moment nutzten und ihre Zusammenarbeit vertieften. „Es geht nicht mehr nur darum, den Wunsch nach einer stärkeren und ausgewogeneren Partnerschaft auszudrücken“, sagte sie, sondern um gemeinsame Verantwortung für gemeinsame Interessen.

César nutzt Africa Day und verlangt mehr Investitionen aus Deutschland

Noch deutlicher formulierte Igor César, Botschafter Ruandas und Doyen des afrikanischen diplomatischen Korps in Deutschland, die Erwartungen an Berlin. Deutschland müsse in der Zusammenarbeit mit Afrika „einen Gang höher schalten“, sagte er. Im Zentrum stünden mehr Investitionen, mehr Austausch und ein Partnerschaftsmodell, das beiden Seiten nutze.

César beschrieb die internationale Lage als Phase tiefgreifender Umbrüche. Die Welt bewege sich in Richtung einer multipolaren Ordnung. Afrika stehe dadurch stärker im Zentrum strategischer Rivalitäten großer Mächte, gewinne aber auch neue Spielräume für eine eigene Positionierung.

Die afrikanischen Staaten wollten nicht mit traditionellen Partnern brechen, sagte César. Sie strebten aber Beziehungen an, die stärker auf gegenseitigem Respekt und gemeinsamen Interessen beruhen. Der wirtschaftliche Befund fällt aus seiner Sicht ernüchternd aus: Trotz deutscher Initiativen bleibe Afrika für Berlin ein Nebenpartner. Der Kontinent stehe für weniger als zwei Prozent des deutschen Außenhandels und rund ein Prozent der deutschen Direktinvestitionen im Ausland.

César warb für einen stärkeren wirtschaftlichen Blick auf Afrika. Der Kontinent verfüge über natürliche Ressourcen, eine junge Bevölkerung und einen integrierten Markt mit mehr als einer Milliarde Verbraucherinnen und Verbrauchern.

Sudan, Sicherheit und globale Krisen prägen die Agenda

Wadephul nannte den April einen fast „afrikanischen Monat“ in Deutschland. Berlin feierte 30 Jahre Binationale Kommission mit Südafrika, richtete gemeinsam mit der Afrikanischen Union und weiteren Partnern die internationale Sudan-Konferenz aus und empfing den Vorsitzenden der Kommission der Afrikanischen Union.

Der Krieg im Sudan bleibt einer der Schwerpunkte der deutschen Afrika-Politik. Staatsministerin Serap Güler habe Sudan als erste europäische Politikerin seit Ausbruch des Krieges besucht, sagte Wadephul. Deutschland wolle auf ein Ende des Krieges hinarbeiten und die sudanesische Bevölkerung unterstützen.

Nach der Sudan-Konferenz wurden die „Berlin Principles“ verabschiedet. Wadephul bezeichnete die Erklärung als Ergebnis, das von regionalen Akteuren mit Einfluss auf die Konfliktparteien getragen werde.

Mehr afrikanische Sitze im UN-Sicherheitsrat

Ein zentraler Teil der Rede war die Reform der Vereinten Nationen. Wadephul verband die deutsche Kandidatur für einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat mit der Forderung nach einer stärkeren afrikanischen Vertretung.

Deutschland unterstütze afrikanische Forderungen nach einer Reform globaler Regierungsstrukturen. Wadephul sprach sich in New York für zwei ständige und fünf nichtständige Sitze für afrikanische Staaten im UN-Sicherheitsrat aus.

Rund 70 Prozent der Agenda des Sicherheitsrats beträfen Afrika, sagte Wadephul. Bis 2050 werde jeder fünfte Mensch weltweit Afrikaner sein. Die Unterstützung des Ezulwini-Konsenses sei deshalb „eine Frage von Fairness und Respekt“.

Handel, Rohstoffe und Freihandel im Fokus

Neben Diplomatie und Sicherheit stellte Wadephul die wirtschaftliche Zusammenarbeit heraus. Deutschland wolle Handel ausbauen, Investitionen fördern und regionale Integration stärken. Dazu zählte er widerstandsfähigere Lieferketten, mehr lokale Wertschöpfung, engere Zusammenarbeit bei kritischen Rohstoffen und weniger Handelshemmnisse.

Der Außenminister bezeichnete Investitionen in regionalen Freihandel als langfristige Investitionen in Frieden und Sicherheit. Deutschland sei größter bilateraler Geber für die Afrikanische Kontinentale Freihandelszone und unterstütze regionale Wirtschaftsgemeinschaften seit langem.

Wadephul verwies auch auf die deutsche Präsenz auf dem Kontinent: 45 Auslandsvertretungen, Auslandshandelskammern, Goethe-Institute, die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, Deutsche Welle, Stiftungen und den Deutschen Akademischen Austauschdienst.

Europa und Afrika als gemeinsames Gewicht

Wadephul sieht Europa und Afrika gemeinsam als politische Kraft in internationalen Organisationen. Beide Kontinente stellten zusammen mehr als 40 Prozent der Stimmen in der UN-Generalversammlung. Beim AU-EU-Gipfel in Luanda sei diese Einheit sichtbar geworden.

Der Außenminister verknüpfte dies mit den Folgen globaler Krisen. Im UN-Sicherheitsrat habe er über maritime Sicherheit und die Auswirkungen des Krieges im Iran gesprochen. Die Blockade der Straße von Hormus, steigende Kosten für Öl und Düngemittel sowie Versorgungsrisiken könnten verwundbare Regionen besonders hart treffen.

Deutschland werde auf internationaler Bühne weiter für afrikanische Interessen eintreten, sagte Wadephul. „Wir wählen Zusammenarbeit statt Konfrontation.“

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