Human Rights Watch wirft Burkina Fasos Konfliktparteien Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor

Human Rights Watch wirft der Führung in Burkina Faso, regierungsnahen Milizen und der mit Al-Qaida verbundenen Gruppe JNIM schwere Verbrechen gegen Zivilisten vor. Die Organisation erklärt in einem am 2. April veröffentlichten Bericht, seit 2023 seien in 57 dokumentierten Fällen mindestens 1.837 Zivilisten getötet worden. Drei Tage später wies die Regierung in Ouagadougou die Vorwürfe scharf zurück und sprach von einem „falschen Bericht“. 

Im Zentrum der Vorwürfe stehen nicht nur Angriffe der JNIM, sondern auch Einsätze staatlicher Kräfte und der Freiwilligen zur Verteidigung des Vaterlandes, der VDPs. Der Bericht spricht von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf allen Seiten. Die Regierung erklärt dagegen, ihre Streitkräfte handelten professionell und im Einklang mit nationalem Recht sowie internationalen Verpflichtungen.

Armee, Milizen und JNIM schwer belastet

Der Bericht beschreibt 57 Vorfälle in elf Regionen zwischen Januar 2023 und August 2025. Burkinische Streitkräfte, VDP-Milizen und JNIM werden darin mit vorsätzlichen Tötungen, Angriffen auf Zivilisten, Plünderungen und Vertreibungen in Verbindung gebracht. Mord und Zwangsvertreibung seien in großem Umfang gegen Zivilbevölkerungen eingesetzt worden. 

Besonders schwer wiegt der Vorwurf, dass staatliche Kräfte und VDPs Fulani gezielt aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit angegriffen hätten. Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe seien in zahlreichen Fällen getötet, ihr Besitz zerstört und Hunderttausende aus ihren Wohnorten vertrieben worden. Der Bericht ordnet dieses Vorgehen als ethnische Verfolgung ein. 

Schwere Vorwürfe gegen Truppen der Junta

Zu den zentralen Fällen zählt die Operation Tchéfari 2 im Dezember 2023 nördlich von Djibo. Burkinische Soldaten und verbündete VDPs hätten in mindestens 16 Dörfern und Weilern über mehrere Tage hinweg Hunderte Zivilisten getötet. Die Angriffe seien gezielt gegen Zivilisten gerichtet gewesen und nicht nur gegen mutmaßliche JNIM-Kämpfer. 

Als eines der schwersten JNIM zugeschriebenen Verbrechen nennt der Bericht den Angriff auf Barsalogho vom 24. August 2024. Dort seien mindestens 133 Zivilisten, darunter zahlreiche Kinder, getötet worden. Die Gruppe habe der örtlichen Bevölkerung vorgeworfen, die VDPs zu unterstützen. 

Auch die politische Führung rückt in den Blick

Die Verantwortung reiche nach Darstellung des Berichts über einzelne Einheiten hinaus. Genannt werden Präsident Ibrahim Traoré sowie mehrere ranghohe Militärs und JNIM-Kommandeure, gegen die wegen möglicher Befehlsverantwortung ermittelt werden sollte. Zugleich heißt es, keiner der belasteten Befehlshaber sei bislang zur Rechenschaft gezogen worden. 

Zugleich beschreibt der Bericht ein repressives Umfeld im Land. Oppositionelle Stimmen, Journalisten und Kritiker seien unter Druck geraten, Medien eingeschränkt und Informationen über den Konflikt kontrolliert worden. Das erschwere die unabhängige Erfassung von Gewalt und Opferzahlen zusätzlich. 

Regierung weist die Vorwürfe zurück

Die Reaktion aus Ouagadougou fiel scharf aus. In einer Erklärung vom 5. April bezeichnete die Regierung den Bericht als „Gewebe aus Mutmaßungen“ und „unbegründeten schweren Behauptungen“. Die Organisation sei von den Realitäten vor Ort völlig abgekoppelt und betreibe eine politische Kampagne gegen Burkina Faso.

Die Regierung erklärt weiter, die Streitkräfte und die VDPs kämpften mit Professionalität und mit dem Ziel, Leben zu schützen, Menschenrechte zu wahren und gefährdete Bevölkerungsgruppen zu verteidigen. Zugleich wirft sie Human Rights Watch vor, mit „imperialistischen“ Kräften zusammenzuarbeiten und die Terrorismusbekämpfung des Landes zu schwächen. Der Kampf gegen bewaffnete Gruppen werde unter strikter Beachtung des nationalen Rechts und der internationalen Verpflichtungen Burkina Fasos geführt.

Zivilisten tragen die Hauptlast des Krieges

Der Konflikt hat große Teile Burkina Fasos erfasst, während Zivilisten zwischen staatlichen Sicherheitskräften, Milizen und bewaffneten Islamisten geraten. Im Bericht ist von rund zwei Millionen Vertriebenen die Rede. Zugleich wird betont, dass viele Vorfälle nie vollständig bekannt würden und die tatsächliche Zahl ziviler Opfer daher vermutlich höher liegt. 

Der neue Streit zwischen Regierung und Menschenrechtsorganisation verschärft damit auch den Kampf um die Deutung des Krieges im eigenen Land. Während der Bericht systematische Gewalt auf allen Seiten beschreibt, weist die Regierung jede Mitschuld der staatlichen Kräfte zurück und stellt die Vorwürfe als politisch motiviert dar.

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