G20: Russland kritisiert US-Vorgehen gegen Südafrika

Die Spannungen um die Rolle Südafrikas im G20-Format haben eine neue diplomatische Dimension erreicht. Russlands Außenminister Sergey Lavrov hat das Vorgehen der Vereinigten Staaten scharf kritisiert und die Gleichberechtigung aller Mitglieder im G20 betont. Anlass sind die bevorstehende US-Präsidentschaft der Gruppe im Jahr 2026, der temporäre Rückzug Südafrikas sowie Vorwürfe, Washington nutze administrative Instrumente, um Pretoria faktisch aus dem Forum auszuschließen.

Russlands Position zum G20 unter US-Vorsitz

Nach Angaben des russischen Außenministeriums bereitet sich Moskau auf die Teilnahme an den anstehenden G20-Ministertreffen vor, darunter ein Treffen relevanter Ressortminister am 30. und 31. Oktober in Atlanta. Lavrov erklärte, Russland nehme die Ankündigung der USA, den G20 wieder stärker auf wirtschaftliche Fragen zu konzentrieren, ausdrücklich positiv zur Kenntnis. Dies entspreche dem ursprünglichen Mandat des Forums.

Zugleich verwies er auf die angespannte Lage der Weltwirtschaft. Diese befinde sich in einer Phase tiefgreifender Umbrüche, die das Risiko dauerhafter Blockbildungen berge. Eine solche Fragmentierung erinnere an sicherheitspolitische Entwicklungen im Umfeld der NATO. Der G20 sei gerade gegründet worden, um Krisen vorzubeugen und globalen Wirtschaftsstrukturen mehr Stabilität zu verleihen, insbesondere durch eine stärkere Stimme der Länder der sogenannten globalen Mehrheit.

Multipolare Ordnung und Kritik an Sanktionspolitik

Lavrov stellte die aktuellen Debatten in einen größeren geopolitischen Zusammenhang. Selbst in stark politisierten Formaten wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos sei deutlich geworden, dass sich die internationale Ordnung grundlegend verändert habe und zunehmend multipolar sei. Ein Auftreten „aus einer Position der Stärke“, verbunden mit Sanktionen gegenüber unabhängigen Machtzentren, bezeichnete er als kurzsichtig und zum Scheitern verurteilt.

Globale Herausforderungen könnten aus russischer Sicht nur kollektiv gelöst werden. Der G20 komme dabei eine zentrale Rolle zu, sofern sich eine konstruktive Logik durchsetze. Diese müsse auch in westlichen Hauptstädten, einschließlich Brüssel, stärker verankert werden.

Südafrika als vollwertiges G20-Mitglied

Besonders deutlich äußerte sich Lavrov zur Situation Südafrikas. Das Land sei ein vollwertiges und permanentes Mitglied des G20-Formats. Dieser Status könne weder durch den Vorsitz noch durch einzelne Staaten einseitig verändert werden. Entscheidungen im G20 würden ausschließlich im Konsens getroffen, nicht durch Mehrheitsbeschlüsse oder administrative Maßnahmen.

Lavrov erinnerte daran, dass die Vereinigten Staaten selbst während der südafrikanischen Präsidentschaft des G20-Prozesses nicht teilgenommen hätten. Daraus lasse sich kein Anspruch ableiten, Washingtons Position sei nicht berücksichtigt worden. Die aktuelle Entwicklung wertete er als Ausdruck eines fortbestehenden westlichen Überlegenheitsdenkens, das Länder des Globalen Südens und Ostens in einer nachgeordneten Rolle sehe.

Russland habe frühzeitig und öffentlich die sofortige Wiederaufnahme der uneingeschränkten Teilnahme Südafrikas am G20 gefordert. Diese Position sei von den BRICS-Staaten sowie zahlreichen weiteren Entwicklungs- und Schwellenländern unterstützt worden. Auch einzelne westliche Staaten hätten den Fall nicht ignoriert.

Südafrikas Rückzug als strategische Entscheidung

Vor diesem Hintergrund kündigte Südafrika seinen temporären Rückzug aus den G20-Aktivitäten im Jahr 2026 an, nachdem die Vereinigten Staaten den Vorsitz übernommen hatten. Finanzminister Enoch Godongwana erklärte, die Entscheidung sei keine Kapitulation, sondern eine nüchterne Bewertung der administrativen Hürden. Kernproblem sei die Akkreditierung südafrikanischer Delegationen, die unter US-Kontrolle stehe. Ohne formale Akkreditierung sei selbst eine symbolische Teilnahme unmöglich.

Pretoria wertet den Rückzug als Schutz der eigenen institutionellen Würde. Eine Teilnahme ohne Anerkennung des vollen Status komme einer Degradierung gleich. Durch den freiwilligen Schritt wahrt Südafrika formal seine Mitgliedschaft und vermeidet den Eindruck einer erzwungenen Ausgrenzung.

Internationale Reaktionen und multilateraler Kontext

Der Schritt Südafrikas löste international unterschiedliche Reaktionen aus. Beobachter warnen vor einem faktischen „G19“, das die Repräsentation Afrikas im Kreis der größten Volkswirtschaften schwächen könnte. Südafrika ist bislang der einzige afrikanische Staat im G20. Vertreter der Afrikanischen Union betonen, dass damit die Stimme von rund 1,4 Milliarden Menschen indirekt betroffen sei.

Auch António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, äußerte sich kritisch. Es erscheine ihm nicht nachvollziehbar, dass Südafrika nicht unter allen Umständen als vollwertiges G20-Mitglied behandelt werde. Globale Probleme ließen sich nicht lösen, indem eine einzelne Macht die Spielregeln bestimme.

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