UN-Generalsekretär António Guterres hat am Freitag in New York seine Prioritäten für das Jahr skizziert und die internationale Ordnung als zunehmend instabil beschrieben. Er verwies auf wachsende Straflosigkeit in Konflikten, eine Erosion multilateraler Zusammenarbeit und Kürzungen bei humanitärer Hilfe. Zugleich kündigte er Vorhaben an, die auf Reformen des multilateralen Systems, auf Entwicklungsfinanzierung und auf neue globale Regeln für Künstliche Intelligenz zielen, mit Relevanz für afrikanische Staaten in Schuldenfragen, Klimafinanzierung und technologischer Kapazitätsentwicklung.
„Das Gesetz der Macht setzt sich gegen die Macht des Rechts durch“
Guterres stellte die Diagnose einer geopolitischen Beschleunigung, in der riskante Entscheidungen gefährliche Gegenreaktionen auslösen. Dabei nutzte er ein Bild aus der Physik und übertrug es auf internationale Politik. „Für jede Aktion gibt es eine gleiche und entgegengesetzte Reaktion“, sagte er mit Blick auf Isaac Newton. In der Geopolitik, so Guterres, wirke dieses Prinzip nicht stabilisierend, sondern destabilisierend.
Nowadays, the law of power seems to be prevailing over the power of the law.
— António Guterres (@antonioguterres) January 30, 2026
International law trampled.
Cooperation eroding.
Multilateral institutions under assault.
But the @UN is determined to continue working for peace, justice, responsibility & progress.
Er warnte: „Das Gesetz der Macht setzt sich gegen die Macht des Rechts durch.“ Internationales Recht werde „mit Füßen getreten“, Kooperation erodiere, und multilaterale Institutionen stünden „von vielen Seiten unter Beschuss“. In dieser Lage sei Straflosigkeit ein Beschleuniger von Konflikten, Misstrauen und Eskalation.
Multilateralismus unter Druck, UN-Strukturen „an eine andere Zeit gebunden“

Der Generalsekretär beschrieb die UN und das internationale Problemlösungssystem als grundsätzlich handlungsfähig, aber strukturell überholt. „Unsere Systeme zur Lösung globaler Probleme stehen vor einer Abrechnung“, sagte er. Viele Institutionen spiegelten weiterhin die ökonomischen und machtpolitischen Verhältnisse von vor 80 Jahren.
Guterres argumentierte, die internationale Realität verschiebe sich messbar. Der Anteil klassischer Industrieländer an der Weltwirtschaft gehe zurück, aufstrebende Volkswirtschaften gewännen an Einfluss, und der Süd-Süd-Handel wachse dynamischer als traditionelle Nord-Nord-Ströme. Diese Entwicklung müsse sich in Legitimität und Repräsentation internationaler Institutionen niederschlagen.
Afrika, Entwicklung und Schulden: Finanzarchitektur als Friedensfrage
Guterres verknüpfte Frieden ausdrücklich mit Entwicklungsfähigkeit. „Es gibt keinen dauerhaften Frieden ohne Entwicklung“, sagte er. Daher setze die UN auf Beschleunigung der Agenda 2030 und auf Reformen der globalen Finanzarchitektur.
Er nannte konkrete Hebel, die für afrikanische Staaten besonders relevant sind:
- „den erdrückenden Schuldenkreislauf beenden“
- „die Kreditvergabekapazität multilateraler Entwicklungsbanken verdreifachen“
- „eine gerechte Beteiligung und echten Einfluss“ von Entwicklungsländern in globalen Finanzinstitutionen sicherstellen
Damit skizzierte er eine Linie, die wirtschaftliche Stabilisierung, fiskalische Handlungsfähigkeit und politische Konfliktprävention als zusammenhängend behandelt.
Klima: Überschreitung der 1,5-Grad-Marke und Forderung nach „mehr Ambition“
Guterres erklärte, die Welt habe die 1,5-Grad-Schwelle überschritten. Daraus folge die Notwendigkeit einer „Übererfüllung an Ambition“, beginnend mit tiefen Emissionssenkungen in diesem Jahrzehnt und einer „gerechten, geordneten und fairen“ Transformation weg von fossilen Energieträgern hin zu erneuerbaren Energien.
Für Afrika betonte er zwei Aspekte, die er als Handlungsauftrag an die internationale Gemeinschaft formulierte:
- deutlich mehr Unterstützung für Länder, die „bereits mit der Klimakatastrophe konfrontiert sind“
- Chancen für rohstoffreiche Staaten, „in globalen Wertschöpfungsketten aufzusteigen“, insbesondere bei kritischen Mineralien
Technologie und KI: Machtverschiebung und neue UN-Gremien
Guterres beschrieb einen „massiven Machttransfer“ von Regierungen zu privaten Technologieunternehmen. Sein Kernargument: Wenn Technologien, die Verhalten, Wahlen, Märkte und Konflikte prägen, ohne Leitplanken operieren, sei die Reaktion nicht Innovation, sondern Instabilität.
Er kündigte zwei UN-nahe Instrumente an:
- Ein neues International Scientific Panel on AI, dessen 40 vorgeschlagene Mitglieder er der Generalversammlung vorlegen will
- Einen Global Fund für KI-Kapazitätsaufbau in Entwicklungsländern mit einem Ziel von 3 Milliarden US-Dollar
Als zentrale Leitplanke nannte er „menschliche Handlungsmacht“. Er positionierte sich gegen autonome Waffensysteme, die selbst entscheiden, „wen sie töten, wo sie töten und aus welchem Grund“.
Sicherheitsrat, Gaza und die Frage internationaler Autorität
In der Pressekonferenz verteidigte Guterres die völkerrechtliche Sonderstellung des Sicherheitsrats. „Die grundlegende Verantwortung für internationalen Frieden und Sicherheit liegt bei den Vereinten Nationen und beim Sicherheitsrat“, sagte er. Nur der Sicherheitsrat könne Beschlüsse fassen, die für alle Mitgliedstaaten verbindlich sind, und nur er könne Gewaltanwendung nach der UN-Charta autorisieren.

Zum Krieg in Gaza sprach er von einem Waffenstillstand, der faktisch ein „geringerer Brand“ sei, weil Gewalt fortbestehe. Für die zweite Phase nannte er als Zielmarken „vollständigen Abzug der israelischen Kräfte“, „Entwaffnung bewaffneter Gruppen“ und Schritte hin zur Zwei-Staaten-Lösung.
Sudan: Feuerpause als Minimalziel, externe Akteure als Störfaktor
Auf Sudan verwies Guterres auf laufende Kontakte, um Bedingungen für eine temporäre Waffenruhe und die Entmilitarisierung bestimmter Zonen zu schaffen, damit humanitäre Hilfe breiter möglich wird. Gleichzeitig schilderte er Sudan als „Spielplatz“, auf dem externe Akteure durch Waffen und politische Einflussnahme Konfliktdynamiken verschärfen. Die UN versuche, die Fähigkeit solcher Akteure zur Einmischung zu begrenzen.
Sicherheitsrat-Reform und Afrikas Repräsentation
Auf eine Frage zur Reform des United Nations Security Council äußerte sich Guterres als persönliche Einschätzung. Er sagte, Afrika brauche ständige Sitze im Sicherheitsrat. Auch Lateinamerika solle dauerhaft vertreten sein, Asien sei unterrepräsentiert. Zudem äußerte er Sympathie für Initiativen, das Vetorecht bei Genozid oder schweren Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzuschränken.
Guterres sagte, es sei „klar an der Zeit“, dass die Vereinten Nationen von einer Frau geführt werden, wie auch andere zentrale Machtpositionen weltweit. Die Entscheidung darüber liege jedoch bei den Mitgliedstaaten.