Piraterie und Waffenschmuggel: Neue maritime Unsicherheiten am Horn von Afrika

Die maritime Sicherheitslage am Horn von Afrika hat sich seit Ende 2023 spürbar verschärft. Vor der Küste Somalias ist es erneut zu Piraterie gekommen, parallel dazu intensivieren sich Waffenschmuggelrouten zwischen dem Jemen und Ostafrika sowie der geopolitische Wettbewerb um Häfen und militärische Präsenz. Internationale Analysen verweisen auf strukturelle Sicherheitsdefizite und eine wachsende strategische Bedeutung der Region für globale Handels- und Sicherheitsinteressen.

Wiederkehr der Piraterie vor der Küste Somalias

Nach mehreren Jahren relativer Ruhe haben sich seit November 2023 wieder Piraterievorfälle im Golf von Aden und im westlichen Indischen Ozean gehäuft. Auslöser war unter anderem die Entführung des maltesischen Frachters MV Ruen im Dezember 2023, die als erste erfolgreiche Kaperung eines Handelsschiffes seit 2017 gilt. In den Monaten danach folgten weitere Annäherungen, versuchte Entern und einzelne Entführungen.

Die beteiligten Gruppen griffen auf bekannte Vorgehensweisen aus der Hochphase der Piraterie zwischen 2008 und 2013 zurück. Dazu zählt der Einsatz gekaperter Dhows als sogenannte Mutterschiffe, um weit entfernt von der somalischen Küste operieren zu können. Die erneute Aktivität fiel zeitlich mit dem Rückzug internationaler Seestreitkräfte und der Lockerung von Sicherheitsmaßnahmen in der Handelsschifffahrt zusammen.

Begrenzte staatliche Kontrolle und maritime Sicherheitslücken

Die Rückkehr der Piraterie wird eng mit der anhaltenden Fragilität staatlicher Strukturen in Somalia verknüpft. Föderale Sicherheitskräfte verfügen nur über eingeschränkte maritime Fähigkeiten. Marine, Küstenwache und maritime Polizeieinheiten sind weder personell noch technisch in der Lage, die mehr als 3.300 Kilometer lange Küstenlinie wirksam zu überwachen.

Gleichzeitig bleibt die Sicherheitslage an Land angespannt. Bewaffnete islamistische Gruppen konnten ihre Präsenz in mehreren Regionen ausbauen, während politische Spannungen im Vorfeld geplanter nationaler Wahlen die staatliche Handlungsfähigkeit zusätzlich einschränken. Internationale Unterstützungsmissionen stehen unter finanziellem und politischem Druck, was ihre Wirksamkeit begrenzt.

Waffenschmuggel zwischen Jemen und Ostafrika

Ein weiterer Schwerpunkt der Analyse liegt auf maritimen Schmuggelnetzwerken im Golf von Aden. Traditionelle Dhows dienen als Haupttransportmittel für Waffen, Munition und andere militärisch nutzbare Güter. Ein Teil dieser Lieferungen stammt aus dem Nahen Osten und ist ursprünglich für Akteure im Jemen bestimmt, wird jedoch über somalische Gewässer oder Küstenorte weitergeleitet.

Parallel existieren Schmuggelrouten in umgekehrter Richtung. Waffen aus dem Jemen gelangen über See nach Somalia und in andere Teile Ostafrikas. Diese Strukturen stärken lokale Milizen und bewaffnete Gruppen und tragen zur weiteren Militarisierung bestehender Konflikte bei.

Wettbewerb um Häfen und militärische Präsenz

Neben Piraterie und Schmuggel nimmt der geopolitische Wettbewerb um Hafenanlagen und Militärstützpunkte am Horn von Afrika zu. Staaten aus dem Nahen Osten, regionale Akteure und globale Mächte zeigen verstärkt Interesse an strategisch gelegenen Häfen in Dschibuti, Somaliland und Somalia. Anlagen wie Berbera oder Bossaso gewinnen sowohl für Handelsrouten als auch für militärische Logistik an Bedeutung.

Viele angekündigte Investitions- und Militärprojekte bleiben bislang jedoch in der Planungsphase. Lokale politische Akteure behalten erheblichen Einfluss auf Genehmigungsprozesse, und langfristige Engagements erfordern komplexe Verhandlungen mit regionalen Machtzentren. Der Wettbewerb um Zugang und Einfluss prägt dennoch zunehmend die maritime Sicherheitsarchitektur der Region.

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