Tigray: Gibt es bald Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea?

Die Beziehungen zwischen Äthiopien und Eritrea haben sich Anfang Februar erneut deutlich verschlechtert. Auslöser sind gegenseitige Vorwürfe militärischer Provokationen, eine sichtbare Mobilisierung auf beiden Seiten der Grenze von Tigray sowie neue Warnungen der Vereinten Nationen vor einer weiteren Destabilisierung der Region.

Vorwürfe, Truppenbewegungen und UN-Warnungen schüren Sorge vor neuer Eskalation am Horn von Afrika

Die jüngste Zuspitzung wurde am 7. Februar öffentlich, als der äthiopische Außenminister Gedion Timothewos ein formelles Schreiben an seinen eritreischen Amtskollegen Osman Saleh richtete. Darin warf er eritreischen Truppen vor, tiefer in äthiopisches Staatsgebiet vorgedrungen zu sein und aggressive Handlungen vorgenommen zu haben. Addis Abeba forderte den sofortigen Rückzug der eritreischen Einheiten und erhob zudem den Vorwurf einer Zusammenarbeit Eritreas mit bewaffneten Gruppen innerhalb Äthiopiens.

Asmara weist Vorwürfe zurück

Die Regierung in Asmara wies die Anschuldigungen umgehend zurück. Informationsminister Yemane Meskel bezeichnete die Vorwürfe öffentlich als haltlos und politisch motiviert. Die Wortwahl und Zielsetzung des äthiopischen Schreibens seien aus eritreischer Sicht unbegründet und verzerrend.

Zusätzliche Brisanz erhielt der Konflikt durch jüngste Äußerungen des äthiopischen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed. Er räumte erstmals öffentlich ein, dass eritreische Soldaten während des Tigray-Krieges Massaker in der historischen Stadt Aksum verübt hätten. Diese Erklärung markiert einen deutlichen Bruch mit früheren Stellungnahmen der äthiopischen Regierung und belastet das Verhältnis zu Eritrea weiter.

Militärische Mobilisierung auf beiden Seiten

Parallel zur diplomatischen Eskalation mehren sich Hinweise auf militärische Vorbereitungen. Internationalen Medienberichten zufolge hat Eritrea eine landesweite Mobilmachung angeordnet. Äthiopien wiederum soll gepanzerte Einheiten und Tausende neu rekrutierte Soldaten in Richtung der nördlichen Grenze verlegt haben. Offizielle Ankündigungen eines bevorstehenden Angriffs gibt es bislang nicht, doch die gleichzeitige Mobilisierung erhöht nach Einschätzung von Beobachtern das Risiko unbeabsichtigter Zusammenstöße.

Im Hintergrund stehen ungelöste strategische Fragen. Abiy Ahmed hat Äthiopiens Zugang zum Roten Meer wiederholt als existenzielles Anliegen bezeichnet und dabei insbesondere auf den eritreischen Hafen Assab verwiesen. Auch ohne formale Gebietsansprüche werden diese Aussagen in Asmara als Bedrohung der staatlichen Souveränität wahrgenommen.

Rolle des Tigray-Konflikts und regionaler Institutionen

Ein zentraler Belastungsfaktor bleibt die Nachwirkung des Tigray-Krieges. Eritrea war nicht Teil des Friedensabkommens von Pretoria aus dem Jahr 2022, das die Kämpfe zwischen der äthiopischen Regierung und den Tigray-Kräften beendete. Eritreische Truppen befinden sich weiterhin in Teilen Tigrays, was das gegenseitige Misstrauen vertieft und sicherheitspolitische Fragen offenlässt.

Auch regionalpolitisch hat die Krise Folgen. Ende 2025 erklärte Eritrea seinen Austritt aus der Intergovernmental Authority on Development, kurz IGAD. Die Regierung in Asmara warf dem Staatenbund Voreingenommenheit vor. IGAD reagierte mit Bedauern und betonte ihre grundsätzliche Dialogbereitschaft.

Vereinte Nationen warnen vor erneuter Gewalt

Vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen Äthiopien und Eritrea warnen die Vereinte Nationen vor einer weiteren Eskalation. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, äußerte am 10. Februar große Sorge über die Lage in Tigray. Nach Angaben seines Büros kam es Ende Januar erneut zu Gefechten zwischen der äthiopischen Armee und regionalen Sicherheitskräften, bei denen Drohnen, Artillerie und schwere Waffen eingesetzt wurden.

Türk verwies darauf, dass Zivilisten erneut zwischen die Fronten geraten seien und es Berichte über Festnahmen wegen vermeintlicher Nähe zur jeweils anderen Seite gebe. Gleichzeitig warnte die UN-Menschenrechtskommission, dass die wachsenden Spannungen zwischen Äthiopien und Eritrea die ohnehin fragile humanitäre und menschenrechtliche Lage in der gesamten Region des Horns von Afrika weiter verschärfen könnten.

Ungeklärte Grenzfragen als dauerhafter Konfliktstoff

Ein symbolischer Brennpunkt bleibt der Grenzort Badme. Zwar wurde das Gebiet bereits 2002 durch ein internationales Schiedsverfahren Eritrea zugesprochen, eine vollständige Umsetzung und Demarkation erfolgte jedoch nie. Nach Darstellung Äthiopiens stellen jüngste eritreische Bewegungen entlang der nordöstlichen und nordwestlichen Grenze eine neue Eskalationsstufe dar.

Bislang wurden keine direkten Gefechte zwischen regulären Einheiten Äthiopiens und Eritreas bestätigt. Die Kombination aus scharfer Rhetorik, militärischer Mobilisierung, ungelösten Grenzfragen und regionalen Machtinteressen hat jedoch ein Umfeld geschaffen, das nach Einschätzung von Diplomaten und internationalen Organisationen hochgradig instabil ist.

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