Somalia will Koranschulen erstmals vollständig in das staatliche Bildungssystem aufnehmen und landesweit einheitliche Lehrpläne, Abschlüsse und Anforderungen an Lehrkräfte einführen. Die Ankündigung erfolgte am 21. Juli 2026. Die Schulen sollen künftig dem Bildungsministerium unterstehen und als offizielle Bildungseinrichtungen anerkannt werden. Die Regierung plant zudem ein zentrales Register für religiöse Bildungseinrichtungen und einen nationalen Rat islamischer Gelehrter.
Ministerpräsident Hamza Abdi Barre stellte die Reformen bei der Abschlussfeier des ersten Masterjahrgangs für islamische Verkündigung und Rechtsprechung an der Somali National University in Mogadischu vor. Die Absolventen hatten am dortigen Hochschulinstitut für islamische Studien und Verkündigung studiert.
„Zum ersten Mal in der Geschichte Somalias werden Koranschulen offiziell als Teil des nationalen Bildungssystems anerkannt“, sagte Barre.
Einheitliche Lehrpläne und anerkannte Abschlüsse
Koranschulen spielen in Somalia eine zentrale Rolle bei der religiösen Bildung von Kindern. Bisher arbeiteten sie jedoch außerhalb eines einheitlichen staatlichen Rahmens. Lehrinhalte, Unterrichtsqualität und Qualifikationen der Lehrkräfte unterschieden sich je nach Schule und Region.
Die Regierung will nun landesweit gültige Lehrpläne und ein Akkreditierungssystem einführen. Die Schulen sollen staatlich anerkannte Zeugnisse ausstellen können und einer regelmäßigen Aufsicht unterliegen.
Auch für Lehrkräfte sind verbindliche Standards vorgesehen. Lehrerinnen und Lehrer an Koranschulen sollen künftig eine formale Ausbildung absolvieren und nachweisbare Qualifikationen besitzen.

Die Zuständigkeit für die Einrichtungen wechselt vom Ministerium für religiöse Stiftungen und islamische Angelegenheiten zum Bildungsministerium. Damit werden die Koranschulen organisatorisch dem allgemeinen Bildungssystem zugeordnet.
Digitales Register soll Abschlüsse überprüfbar machen
Die Regierung arbeitet außerdem an einem digitalen Registrierungssystem für Koranschulen, islamische Institute und Universitäten. Darin sollen Bildungseinrichtungen, Studierende, Abschlüsse und akademische Nachweise erfasst werden.
Das System soll Behörden ermöglichen, Zeugnisse und Studienabschlüsse zu überprüfen. Zugleich will die Regierung einen besseren Überblick über die Zahl und Struktur religiöser Bildungseinrichtungen erhalten.
Barre ordnete die Maßnahmen in eine breitere Reform der staatlichen Verwaltung ein. Somalia baut nach jahrzehntelangen Konflikten schrittweise neue Behördenstrukturen auf und digitalisiert Teile der öffentlichen Verwaltung und des Bildungswesens.
Nationaler Rat soll religiöse Rechtsgutachten bündeln
Parallel zur Bildungsreform plant die Regierung einen Obersten Rat somalischer Gelehrter. Das Gremium soll gemeinsame religiöse Rechtsgutachten, sogenannte Fatwas, erarbeiten und veröffentlichen.
Bislang geben einzelne Geistliche oder religiöse Einrichtungen solche Stellungnahmen häufig unabhängig voneinander ab. Die Regierung will die religiöse Rechtsauslegung stärker institutionalisieren und landesweit koordinieren.
„Der Staat muss die Verantwortung dafür übernehmen, dass offizielle islamische Orientierung geordnet und vereinheitlicht wird“, sagte Barre.
Das Kabinett hat den Gesetzentwurf zur Einrichtung des Rates bereits verabschiedet. Vor dem Inkrafttreten muss das somalische Parlament noch zustimmen. Für das Gremium entsteht nach Angaben des Ministerpräsidenten ein eigener Sitz mit Büros und Bibliotheken für islamische Gelehrte.
Universitäten sollen neue juristische Fachkräfte ausbilden
Barre forderte die somalischen Hochschulen auf, ihre Studienangebote stärker an den rechtlichen und wirtschaftlichen Veränderungen des Landes auszurichten. Benötigt würden unter anderem Richter und Juristen mit Kenntnissen im Seerecht, Erdölrecht, islamischen Recht und bei Finanzdelikten.
Somalia entwickelt seit einigen Jahren neue gesetzliche und administrative Strukturen für seine Küstengewässer, seine natürlichen Ressourcen und den Finanzsektor. Daraus entstehen Verfahren und Streitfragen, für die bislang nur eine begrenzte Zahl spezialisierter Fachkräfte zur Verfügung steht.
Auch Wirtschaftsprüfung und die islamrechtliche Bewertung moderner Finanz- und Verwaltungsfragen sollen stärker in die akademische Ausbildung einfließen. Die ersten Masterabsolventen des Hochschulinstituts sollen nach Vorstellung der Regierung in Gerichten, religiösen Einrichtungen und staatlichen Behörden eingesetzt werden.

