US-Außenminister Marco Rubio hat angesichts von Truppenbewegungen an der Grenze zwischen Äthiopien und Eritrea vor einem größeren Krieg gewarnt, der weitere Staaten erfassen könnte. Washington verstärkt zugleich seine diplomatischen Kontakte zu beiden Seiten. In der äthiopischen Region Tigray hat die Bundesregierung unterdessen nach erneuten Kämpfen eine auf sechs Monate angelegte Übergangsverwaltung angekündigt.
Rubio erklärte gegenüber Journalisten, Truppen würden auf beiden Seiten der Grenze zusammengezogen. In einer solchen Lage bestehe stets die Sorge, dass daraus ein größerer Konflikt entstehen könne. Er habe die äthiopische Führung in einem persönlichen Gespräch zu einer besonnenen und maßvollen Reaktion aufgefordert.
Dabei übernahm der US-Außenminister Teile der äthiopischen Darstellung. Er sprach von Angriffen durch „Separatisten“ und bezeichnete Drohnenangriffe auf die äthiopische Hauptstadt als terroristisch. Welche Gruppen er konkret meinte und auf welche Erkenntnisse sich diese Einordnung stützte, erläuterte er nicht.
Washington sucht stärkeren Kontakt zu Eritrea
Rubio wies die Vermutung zurück, die jüngste Aufhebung einzelner Sanktionen habe zur Eskalation beigetragen. Es habe sich um begrenzte Maßnahmen gehandelt, die mit den aktuellen Ereignissen nichts zu tun hätten.

Zugleich erklärte er, Washington habe mit der Lockerung auch die Hoffnung verbunden, die Kontakte zu Eritrea auszubauen. Die Beziehungen seien seit Jahren nicht eng. In den vergangenen Monaten habe es jedoch mehr Kommunikation als üblich gegeben.
Eine Vermittlung setze Gespräche mit beiden Seiten voraus, sagte Rubio. Mit Äthiopien stehe Washington deutlich häufiger in Kontakt. „Das Letzte, was die Welt jetzt braucht, ist ein weiterer Krieg.“
Widersprüchliche Angaben zur Lage an der Grenze
Äthiopische Regierungstruppen waren einem von SABC News veröffentlichten Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge bis zum 13. Oktober nach Zalambessa an der Grenze zu Eritrea vorgedrungen. Die Stadt auf äthiopischem Gebiet war zuvor von tigrayischen Rebellen kontrolliert worden. Die Agentur stützte sich auf sechs Quellen, darunter Personen mit Kontakt zu Einwohnern sowie einen Diplomaten.
Zeugen und ein Konfliktbeobachter hatten zuvor von einem Einmarsch eritreischer Soldaten zur Unterstützung der Rebellen berichtet. Ob diese Truppen oder die Rebellen beim Eintreffen der äthiopischen Armee noch in Zalambessa waren, blieb unklar. Eine offizielle Bestätigung der Einnahme durch das äthiopische Militär lag dem Bericht nicht vor.
Äthiopien wirft Eritrea vor, mit Truppen bis zu 60 Kilometer in sein Staatsgebiet eingedrungen zu sein. Asmara bestreitet einen Einmarsch und hat den UN-Sicherheitsrat seinerseits zu Maßnahmen gegen Äthiopien aufgefordert.
Addis Abeba kündigt neue Verwaltung für Tigray an
Das Büro von Ministerpräsident Abiy Ahmed kündigte am 16. Oktober eine sechsmonatige Übergangsverwaltung für Tigray an. Sie soll Sicherheit herstellen, Verwaltungsstrukturen aufbauen, beschädigte Infrastruktur wiederherstellen und Regionalwahlen organisieren.
Die Regierung erklärte, Bemühungen zur Umsetzung des Friedensabkommens von Pretoria seien wiederholt gescheitert. Sie beschuldigte die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF), die Vereinbarung zu blockieren und erneut Krieg gegen den Bund geführt zu haben. Ihre Darstellung, die TPLF sei militärisch besiegt, wurde in dem Bericht nicht unabhängig bestätigt.
Das im November 2022 geschlossene Abkommen hatte die großen Kampfhandlungen zwischen der äthiopischen Bundesregierung und tigrayischen Kräften beendet. Eritrea hatte im Krieg an der Seite der äthiopischen Armee gekämpft, gehörte aber nicht zu den Unterzeichnern.
Eritrea fordert Maßnahmen der Afrikanischen Union
Eritreas Außenminister Osman Saleh beschuldigte Äthiopiens Regierungspartei bei einem Treffen mit Diplomaten am 15. Oktober, eritreisches Staatsgebiet und den Hafen Assab am Roten Meer unter ihre Kontrolle bringen zu wollen. Äthiopien bezeichnet einen eigenen Meereszugang als existenzielles Anliegen, erklärt aber, diesen durch Frieden und Dialog erreichen zu wollen.
Asmara verlangt außerdem, seine Vertretung bei der Afrikanischen Union wiederherzustellen. Äthiopien hatte am 1. Oktober zehn eritreische Diplomaten ausgewiesen. Darunter waren Eritreas Angaben zufolge auch Vertreter bei der Afrikanischen Union und der UN-Wirtschaftskommission für Afrika, die beide ihren Sitz in Addis Abeba haben.

