Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hat Marokkos Premierminister Aziz Akhannouch die wirtschafts- und sozialpolitische Strategie seines Landes vorgestellt. Im Mittelpunkt standen Maßnahmen zur Stabilisierung der Gesellschaft nach globalen Krisen, umfangreiche Sozialreformen sowie Investitionen in Infrastruktur, Energie und internationale Konnektivität. Akhannouch verwies zudem auf die Rolle Marokkos als logistisches und politisches Bindeglied zwischen Europa, Afrika und dem Atlantikraum. Die Ausführungen erfolgten im Rahmen einer öffentlichen Gesprächsrunde beim World Economic Forum.
Globale Krisen als Ausgangspunkt nationaler Reformen
Der Premierminister erinnerte daran, dass er bereits im Januar 2023 in Davos gesprochen habe, zu einem Zeitpunkt, als die internationale Ordnung durch mehrere gleichzeitige Krisen geprägt gewesen sei. Genannt wurden die Folgen der COVID-19-Pandemie, der Krieg in der Ukraine, steigende Energie- und Rohstoffpreise sowie wachsende soziale Spannungen. Diese Entwicklungen hätten grundlegende wirtschaftliche Referenzpunkte erschüttert und zu einer Phase geopolitischer Unsicherheit geführt.
Vor diesem Hintergrund habe Marokko entschieden, nicht in eine defensive Haltung zu verfallen. Stattdessen setze das Land auf Schutz der Bevölkerung, strukturelle Reformen und eine langfristige wirtschaftliche Perspektive. Ziel sei es, Vertrauen zu bewahren und die Position Marokkos als Knotenpunkt zwischen Europa, Afrika und dem Atlantik zu stärken.
Sozialstaat als Fundament wirtschaftlicher Stabilität
Akhannouch betonte, dass geopolitische Ambitionen nicht auf einer fragilen Gesellschaft aufbauen könnten. Daher habe die Regierung den Ausbau des Sozialstaates priorisiert. Nach den Preisschocks infolge der Pandemie habe der Staat zwischen 2021 und 2025 rund 13 Milliarden US-Dollar eingesetzt, um Preise für Grundversorgung und Konsumgüter zu stabilisieren. Weitere 1,7 Milliarden US-Dollar seien gezielt zum Schutz von Familien bereitgestellt worden.

Diese Maßnahmen hätten dazu beigetragen, die Inflation von über sechs Prozent im Jahr 2023 auf unter ein Prozent in den Jahren 2024 und 2025 zu senken. Gleichzeitig habe sich das Wirtschaftswachstum erholt und werde bis Ende 2025 voraussichtlich rund fünf Prozent erreichen. Das Haushaltsdefizit soll laut Regierung von 7,1 Prozent im Jahr 2020 auf 3,5 Prozent im Jahr 2025 sinken, während die Staatsverschuldung von 71,4 auf rund 67,4 Prozent zurückgehe.
Ausweitung von Gesundheits- und Sozialleistungen
Ein zentraler Reformschritt sei die landesweite Einführung einer verpflichtenden Krankenversicherung. Nach Angaben des Premierministers verfügten inzwischen mehr als 32 Millionen Menschen, rund 83 Prozent der Bevölkerung, über eine medizinische Absicherung. Vor Beginn der Reform habe dieser Anteil bei 42 Prozent gelegen.
Parallel dazu wurde ein System direkter sozialer Unterstützung aufgebaut. Jährlich erhielten rund zwölf Millionen Menschen aus einkommensschwachen Haushalten finanzielle Leistungen. Besondere Aufmerksamkeit gelte Kindern, älteren Menschen, Witwen und Waisen. Für Waisenkinder seien spezielle Konten eingerichtet worden, auf denen staatliche Leistungen angespart und beim Erreichen der Volljährigkeit ausgezahlt würden.
Im Bereich Bildung und Gesundheit habe die Regierung für 2026 eine Budgeterhöhung von 20 Prozent beschlossen. Die Ausgaben in beiden Sektoren sollen damit die Marke von 13 Milliarden US-Dollar erreichen. Ziel sei die Modernisierung der Infrastruktur sowie eine bessere Vergütung von Lehr- und Gesundheitspersonal.
Haushaltsdisziplin und internationale Anerkennung
Die wirtschaftspolitischen Reformen seien laut Akhannouch von strenger Haushaltsdisziplin, mehrjährigen Fiskalreformen und Steuerreformen begleitet worden. Zudem habe die Regierung auf Transparenz gesetzt und eine neue Investitionscharta eingeführt, die kleine und große Unternehmen gleichermaßen unterstützen solle.
Diese Schritte hätten zu einer Neubewertung Marokkos durch internationale Partner geführt. Das Land sei nicht mehr auf internationalen Beobachtungslisten geführt worden und habe erneut den Investment-Grade-Status von Ratingagenturen erhalten. Auch internationale Finanzinstitutionen hätten ihr Vertrauen bekräftigt. Laut Angaben des Premierministers habe der Internationale Währungsfonds Kreditlinien in Höhe von 4,5 Milliarden US-Dollar bereitgestellt. Quelle der Angaben ist die öffentliche Diskussion beim World Economic Forum.
Infrastruktur, Logistik und Energie als Wachstumstreiber
Marokko positioniere sich zunehmend als logistischer Hub. Der Hafen Tanger-Med zähle zu den größten Containerhäfen weltweit. Investitionen in Straßen-, Schienen- und Seewege sollen die Verbindung zwischen Europa, Afrika und dem Atlantikraum weiter verbessern. Ergänzend werde in den Ausbau von Flughäfen, Hochgeschwindigkeitsstrecken und regionalen Verkehrsnetzen investiert.
Im Energiesektor verfolgt Marokko das Ziel der Dekarbonisierung. Ende 2025 sollen nach Regierungsangaben mehr als 46 Prozent der installierten Stromkapazitäten aus erneuerbaren Quellen stammen. Bis 2030 ist ein Anteil von 52 Prozent vorgesehen. Programme für Solar-, Wind- und grünen Wasserstoff seien bereits angelaufen.
Politische Einordnung und internationale Sichtbarkeit
Akhannouch verwies zudem auf eine politische Klärung im Jahr 2025. Die Annahme der UN-Sicherheitsratsresolution 2797 habe nach Darstellung der Regierung ein klares Signal zur Autonomieinitiative für die südlichen Provinzen gesendet. Diese sei als Ausgangspunkt für weitere Verhandlungen im Rahmen der territorialen Integrität Marokkos anerkannt worden.
Aziz Akhannouch defines Morocco as a “crossroads between Europe, Atlantic, and African countries,” focusing on social welfare reform and strong economic foundations to rebuild confidence amid geopolitical tensions. #WEF26 pic.twitter.com/lprDF5VDub
— World Economic Forum (@wef) January 20, 2026
Auch sportpolitisch erhalte das Land internationale Aufmerksamkeit. Die gemeinsame Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2030 mit Spanien und Portugal sei Teil einer langfristigen Strategie, die über den Sport hinausreiche. Geplant seien Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung, Kultur, nachhaltigen Tourismus und die Ausbildung junger Menschen.