Die internationale Ordnung nach 1945 steht nach Einschätzung der Münchner Sicherheitskonferenz vor einer tiefgreifenden Zäsur. Der neu veröffentlichte Munich Security Report 2026 beschreibt eine systematische Erosion zentraler Regeln und Institutionen, ausgelöst durch eine veränderte Rolle der Vereinigten Staaten und eine wachsende Bereitschaft politischer Akteure, bestehende Strukturen nicht zu reformieren, sondern aufzukündigen.
Der Bericht wurde im Februar 2026 im Vorfeld der Münchner Sicherheitskonferenz vorgestellt und basiert auf Analysen der Konferenz sowie auf dem aktuellen Munich Security Index, einer internationalen Bevölkerungsumfrage zu globalen Risiken.
Verschiebung der US-Außenpolitik als Auslöser

Im Zentrum des Berichts steht die Feststellung, dass die US-Regierung zentrale Elemente der von Washington selbst mitgeprägten internationalen Ordnung nicht länger aktiv stützt. Dazu zählen multilaterale Institutionen, völkerrechtliche Normen und bestehende Handelsregeln. Der Report beschreibt diese Entwicklung als bewusste Abkehr von kooperativen Ordnungsprinzipien zugunsten einer transaktionalen Außenpolitik, die nationale Interessen kurzfristig priorisiert.
Die Autoren verweisen auf Austritte aus internationalen Organisationen, Kürzungen bei Entwicklungs- und humanitärer Hilfe sowie auf die verstärkte Nutzung von Zöllen und Sanktionen außerhalb bestehender multilateraler Rahmen. Diese Schritte wirkten sich nicht nur auf einzelne Politikfelder aus, sondern auf die Funktionsfähigkeit des gesamten internationalen Systems.
Auswirkungen auf Europa und sicherheitspolitische Bündnisse
Für Europa beschreibt der Bericht eine wachsende Unsicherheit über die Verlässlichkeit der transatlantischen Sicherheitsarchitektur. Schwankende Signale aus Washington, insbesondere im Umgang mit Russland und der Ukraine, hätten den Handlungsdruck auf europäische Staaten erhöht, eigenständige sicherheitspolitische Kapazitäten aufzubauen.

Zugleich verzeichnet der Munich Security Index einen Anstieg der wahrgenommenen Risiken durch geopolitische Spannungen, Handelskonflikte und Desinformationskampagnen. In mehreren europäischen Staaten gilt die internationale Lage laut Umfrage als instabiler als noch im Vorjahr.
Globale Handels- und Entwicklungspolitik unter Druck
Der Report hebt zudem hervor, dass sich die Abkehr von gemeinsamen Regeln besonders stark auf den Welthandel sowie auf Entwicklungs- und humanitäre Programme auswirkt. Nicht WTO-konforme Handelsmaßnahmen und bilaterale Abkommen hätten die Planbarkeit internationaler Wirtschaftsbeziehungen geschwächt.

Im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit konstatiert der Bericht eine Zuspitzung bereits bestehender Finanzierungslücken. Kürzungen großer Geberländer träfen insbesondere Krisenregionen in Afrika und im Nahen Osten. Gleichzeitig gebe es keine Anzeichen dafür, dass diese Ausfälle kurzfristig durch andere Staaten kompensiert würden.
Wahrnehmungswandel in der internationalen Öffentlichkeit
Begleitend zur Analyse verweist der Munich Security Report 2026 auf einen deutlichen Vertrauensverlust in staatliche und internationale Institutionen. In den meisten der befragten G7-Staaten glaubt laut Index nur eine Minderheit, dass die aktuelle Politik die Lebensbedingungen künftiger Generationen verbessern wird.
Der Bericht beschreibt diese Entwicklung als Nährboden für politische Akteure, die auf radikale Brüche statt auf institutionelle Anpassung setzen. Diese Dynamik sei nicht auf einzelne Länder beschränkt, sondern in unterschiedlichen politischen Systemen zu beobachten.