Ex-US-Afrikabeauftragte Nagy mit deutlicher Warnung an Äthiopien

Der frühere US-Afrikabeauftragte Tibor Nagy hat sich in einem ausführlichen Interview zu den geopolitischen Verschiebungen im Horn von Afrika, zur Rolle der USA unter Präsident Donald Trump und zur strategischen Konkurrenz zwischen Äthiopien und Ägypten geäußert. Zentrale Botschaft: Äthiopien sollte Washington niemals auffordern, sich zwischen Kairo und Addis Abeba zu entscheiden.

Transaktionale Diplomatie und neue Machtlogiken

Nagy beschreibt einen grundlegenden Wandel der US-Außenpolitik hin zu einer stärker interessengeleiteten, „transaktionalen“ Diplomatie. Alte Gewissheiten multilateraler Ordnungsmuster verlören an Bedeutung. Diese Entwicklung zeige sich besonders deutlich im strategisch sensiblen Raum des Horns von Afrika und entlang des Roten Meeres. Die USA orientierten sich zunehmend daran, wo konkrete sicherheits- und wirtschaftspolitische Interessen berührt seien.

Somaliland, Israel und regionale Reaktionen

Mit Blick auf die Anerkennung Somalilands durch Israel sprach sich Nagy erneut offen für die internationale Anerkennung Somalilands aus. Der Schritt Israels sei geopolitisch folgerichtig und verschaffe Somaliland erstmals formale völkerrechtliche Legitimität. Zugleich rechne er mit weiterem diplomatischem Widerstand, insbesondere aus der Afrikanischen Union, der Arabischen Liga und der Organisation für Islamische Zusammenarbeit. Kurzfristig erwartet Nagy jedoch, dass einzelne Staaten Somalilands Status schrittweise aufwerten, etwa durch halbdiplomatische Vertretungen.

Die Haltung der USA sei intern gespalten. Sicherheits- und Antiterrorakteure tendierten zur Unterstützung Mogadischus, während andere Stellen den strategischen Wert Somalilands stärker betonten. Eine Entscheidung hänge letztlich vom Weißen Haus ab.

Eritrea und begrenzte Erwartungen an Washington

Zu möglichen Annäherungen zwischen den USA und Eritrea äußerte sich Nagy skeptisch. Auch unter einer stärker transaktionalen US-Politik fehle es aus seiner Sicht an Verlässlichkeit auf eritreischer Seite. Frühere Versuche Washingtons, Beziehungen zu normalisieren, seien regelmäßig ins Leere gelaufen. Entsprechend gering seien die Erwartungen an eine nachhaltige strategische Partnerschaft.

Äthiopien, interne Konflikte und US-Interessen

Äthiopien bleibe trotz interner Instabilitäten ein wichtiger Akteur im Horn von Afrika. Nagy verwies auf das wirtschaftliche Potenzial des Landes, etwa im Luftverkehr und in der Demografie. Gleichzeitig schmälerten ungelöste Konflikte in Regionen wie Amhara und Oromia sowie die Nachwirkungen des Tigray-Krieges die Attraktivität Äthiopiens als Partner. Eine glaubwürdige nationale Versöhnung sei entscheidend.

Warnung an Addis Abeba wegen Nilkonflikt um Mega-Staudamm

Im Zentrum des Interviews stand der Konflikt um den Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD). Nagy stellte klar, dass Ägypten für die USA strategisch wichtiger sei als Äthiopien, insbesondere wegen seiner Rolle im Nahen Osten. Vor diesem Hintergrund sei es unrealistisch, von Washington vollständige Neutralität zu erwarten. Gleichzeitig betonte er, dass die USA als Vermittler nur dann glaubwürdig seien, wenn sie objektiv aufträten. Entscheidend sei nicht der Bau des Damms, sondern eine Einigung über die Wasserfreigabe.

Nagy formulierte seine zentrale These unmissverständlich: Äthiopien solle niemals versuchen, die USA vor die Wahl zwischen Kairo und Addis Abeba zu stellen. Diese Konstellation könne Äthiopien politisch nur schaden. Die realistische Option liege in direkten Vereinbarungen mit Ägypten, nicht in der Hoffnung auf einseitige US-Unterstützung.

Wandel der US-Afrikapolitik und Konkurrenz zu China

Abschließend ordnete Nagy den zunehmenden Wettbewerb zwischen den USA und China in Afrika ein. Washington gehe es weniger darum, Einfluss gegenüber Peking zu maximieren, sondern primär um eigene Sicherheits- und Wohlstandsinteressen. Die Zeit moralisch aufgeladener, aus seiner Sicht oft heuchlerischer Afrikapolitik sei vorbei. Künftig zählten klare Interessen, gegenseitiger Nutzen und Ehrlichkeit in den Beziehungen.

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