Angesichts eskalierender Krisen und wachsender Zweifel an multilateralen Institutionen hat die Präsidentin der UN-Generalversammlung, Annalena Baerbock, die Bedeutung der Vereinten Nationen hervorgehoben. In einer Grundsatzrede in New York bezeichnete sie die UN als „unverzichtbar“ für die internationale Ordnung. Die internationale Gemeinschaft stehe an einem kritischeren Wendepunkt als zu Beginn der Sitzungsperiode im September. Vor diesem Hintergrund rief Baerbock zu einer erneuerten Verteidigung der UN-Charta und des Völkerrechts auf.
Globale Krisen zu Beginn des neuen Jahres
Baerbock verwies darauf, dass das neue Jahr mit schweren Krisen begonnen habe, unter anderem in Venezuela und Iran. Diese Entwicklungen verdeutlichten, dass die internationale Gemeinschaft sich in einer Phase befinde, in der grundlegende Entscheidungen über den Fortbestand einer regelbasierten Ordnung anstünden. Der Druck auf multilaterale Strukturen habe weiter zugenommen.
Gleichzeitig betonte sie die praktische Rolle der Vereinten Nationen in aktuellen Konflikten und Krisen. Die UN leisteten lebensrettende Hilfe im Gazastreifen, setzten sich für die Bildung von Mädchen in Afghanistan ein, schützten Zivilisten im Sudan und intensivierten ihre Bemühungen zur Beendigung des Krieges in der Ukraine. Die Aussage, die Welt wäre ohne die Vereinten Nationen besser gestellt, wies Baerbock entschieden zurück.
Die Rolle der UN-Generalversammlung

Die UN Generalversammlung ist das zentrale Beratungs- und Beschlussorgan der Vereinten Nationen. Ihr gehören alle 193 Mitgliedstaaten an, die jeweils über eine Stimme verfügen. Reguläre Sitzungen finden von September bis Dezember statt, zusätzliche Sitzungen werden je nach Bedarf einberufen.
In Abweichung von früheren Jahren verzichtete Baerbock darauf, die anstehenden formalen Termine der laufenden Sitzungsperiode detailliert aufzulisten. Stattdessen setzte sie einen politischen Schwerpunkt. Ihre zentrale Priorität für die verbleibenden 237 Tage ihrer Amtszeit sei es, gemeinsam mit den Mitgliedstaaten die Institution, ihre Charta und die darin verankerten Prinzipien zu verteidigen.
Verteidigung der UN-Charta und des Völkerrechts
Baerbock machte deutlich, dass nicht mehr alle Staaten in gleichem Maße hinter der UN-Charta und dem internationalen Recht stünden. Diese Entwicklung stelle eine grundlegende Herausforderung dar. Gerade deshalb müsse die Generalversammlung als Ort des Dialogs, der Aushandlung und der kollektiven Verantwortung gestärkt werden.
Annalena Baerbock, @UN_PGA, briefs Member States on her priorities, outlining how multilateralism is under attack and emphasizing the need for UN reform.
— UN News (@UN_News_Centre) January 14, 2026
"In no way would the word be better off without our United Nations". pic.twitter.com/bCaeklA2jq
Die Präsidentin betonte, dass es um mehr gehe als um institutionelle Routinen. Die Vereinten Nationen stünden für eine globale Ordnung, die auf internationalem Recht und Menschenrechten basiere. Diese Ordnung sei nicht selbstverständlich, sondern müsse aktiv verteidigt und mit Leben gefüllt werden.
Aufruf zu erneuertem multilateralen Engagement
Ein zentrales Element ihrer Rede war der Appell an die Mitgliedstaaten, sich regionsübergreifend zusammenzuschließen. Ziel sei der Aufbau einer Allianz, die die Prinzipien der UN-Charta schützt und fördert. Dies erfordere tägliches Engagement, klare Positionierung und eine bewusste Rückbesinnung auf gemeinsame Verpflichtungen.
Baerbock hob hervor, dass Dialog und Kompromissbereitschaft weiterhin notwendig seien, zugleich aber klare Grenzen bestünden. Kompromisse dürften nicht in Beschwichtigung umschlagen. Die Verteidigung grundlegender Prinzipien müsse Vorrang haben, auch wenn dies politische Spannungen nach sich ziehe.
Reformdebatte und finanzielle Verantwortung

Die Präsidentin der Generalversammlung ging auch auf laufende Reformbemühungen innerhalb der Vereinten Nationen ein. Sie machte deutlich, dass strukturelle Reformen allein nicht ausreichten, wenn die finanzielle Basis der Organisation nicht gesichert sei.
Ohne die vollständige und fristgerechte Zahlung der Pflichtbeiträge durch die Mitgliedstaaten könne die UN weder effektiv arbeiten noch Reformen umsetzen. In diesem Zusammenhang betonte Baerbock, dass finanzielle Verpflichtungen kein technisches Detail seien, sondern Ausdruck politischer Verantwortung gegenüber der gesamten Organisation
Auswahl des nächsten UN-Generalsekretärs
Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Amtszeit betrifft die bevorstehende Wahl der nächsten Führungsspitze der Vereinten Nationen. Da António Guterres sein Amt im Dezember niederlegen wird, ist das Auswahlverfahren für seine Nachfolge bereits angelaufen.
Die Generalversammlung ernennt den Generalsekretär auf Empfehlung des Sicherheitsrates. Baerbock kündigte an, dass für die Woche ab dem 20. April interaktive Dialoge mit den Kandidatinnen und Kandidaten geplant seien. In diesen Gesprächen sollen sie ihre Visionen für die Zukunft der Organisation vorstellen.
Ermutigung zur Nominierung von Frauen
Baerbock forderte die Mitgliedstaaten auf, qualifizierte Kandidaten frühzeitig zu benennen, um eine breite und transparente Debatte zu ermöglichen. Besonderes Gewicht legte sie auf die Nominierung von Frauen.
Die Auswahl der nächsten Führungspersönlichkeit sei mehr als eine Personalentscheidung. Sie sende ein Signal darüber, wofür die Vereinten Nationen stünden und ob sie den Anspruch einlösten, die gesamte Menschheit zu repräsentieren. Die Hälfte der Weltbevölkerung bestehe aus Frauen und Mädchen, deren Perspektiven auch in der Führung der Organisation sichtbar werden müssten.
Bedeutung der Entscheidung für die globale Ordnung
Abschließend unterstrich Baerbock, dass die Wahl des nächsten Generalsekretärs maßgeblichen Einfluss darauf haben werde, wie die Vereinten Nationen zentrale Herausforderungen angehen. Dazu zählen bewaffnete Konflikte, Klimawandel und wachsende soziale Ungleichheit.
Die künftige Führung müsse in der Lage sein, einen Weg in die Zukunft zu weisen und zugleich die Prinzipien der UN-Charta entschieden zu verteidigen. In einer Phase zunehmender geopolitischer Spannungen komme dieser Entscheidung besondere Bedeutung zu.