Äthiopien unter Druck: Wie viele Konflikte kann Abiy Ahmed gleichzeitig bewältigen?

Krieg in Tigray, Konfrontation mit Eritrea, Streit mit Ägypten – und jetzt beschuldigt Sudan Äthiopien, Drohnenangriffe auf seinem Staatsgebiet ermöglicht zu haben. Immer mehr Konfliktlinien treffen am Horn von Afrika aufeinander. Wie viel außenpolitischen Spielraum hat die Regierung von Abiy Ahmed noch?

Sudan hat Äthiopien wegen mutmaßlicher Drohnenangriffe bei den Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union angezeigt und damit eine weitere Konfrontation am Horn von Afrika ausgelöst. Die Beschwerden wurden am 1. November 2026 eingereicht, unmittelbar vor neuen ägyptisch-sudanesischen Regierungsgesprächen in Kairo. Während Äthiopiens Armee im Norden erneut gegen bewaffnete Gruppen kämpft und die Beziehungen zu Eritrea abgebrochen sind, verschärft sich auch der Streit um das Nilwasser. Die Regierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed steht damit innenpolitisch und gegenüber mehreren Nachbarstaaten gleichzeitig unter Druck, ohne dass bislang eine umfassende diplomatische Verständigung erkennbar ist.

Die jüngsten Anschuldigungen aus Khartum betreffen nicht allein die Beziehungen zwischen zwei Nachbarstaaten. Sie fallen in eine Phase, in der Äthiopien mit Eritrea über die Sicherheit seiner Nordgrenze und den Zugang zum Roten Meer streitet, mit Ägypten über den größten Staudamm Afrikas verhandeln müsste und im eigenen Land erneut militärisch gegen frühere Kriegsgegner vorgeht.

Hinzu kommt eine wachsende Zusammenarbeit zwischen Staaten, die mit der äthiopischen Regierung in unterschiedlichen Fragen im Konflikt stehen. Ägypten und Sudan haben ihre Positionen zur Nutzung des Nilwassers erneut abgestimmt. Zugleich werfen sich Addis Abeba und Khartum gegenseitig vor, bewaffnete Gegner im jeweiligen Nachbarland zu unterstützen.

Sudan beschuldigt Äthiopien schwerer Drohnenangriffe

Die sudanesische Regierung wirft Äthiopien vor, Angriffe der paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) auf sudanesische Städte und Infrastruktur von seinem Staatsgebiet aus ermöglicht zu haben.

Das sudanesische Außenministerium erklärte am 1. November, entsprechende Beschwerden beim UN-Sicherheitsrat und beim Friedens- und Sicherheitsrat der Afrikanischen Union eingereicht zu haben.

Khartum behauptet, über Dokumente und Beweismittel zu verfügen, die den Einsatz äthiopischen Territoriums als Ausgangspunkt für bewaffnete Drohnenangriffe belegen sollen. Besonders betroffen seien Wohngebiete, Kraftwerke, Krankenhäuser und andere zivile Einrichtungen.

Die sudanesischen Behörden hatten bereits Ende Oktober detaillierte Vorwürfe erhoben. Vertreter des Militärs, des Geheimdienstes und mehrerer Ministerien präsentierten eine umfangreiche Zusammenstellung mutmaßlicher Angriffe.

In einem 18-seitigen Dossier werden unter anderem Drohnentrümmer, elektronische Bauteile, Satellitenbilder, Koordinaten und angeblich rekonstruierte Flugrouten aufgeführt. Als mögliche Abschussorte nennt die sudanesische Seite den Flughafen Assosa im Westen Äthiopiens, einen Militärstützpunkt bei Bahir Dar sowie Gebiete entlang der gemeinsamen Grenze.

Die Präsentation unterscheidet zwischen 27 Angriffen mit größeren bewaffneten Drohnen und 162 Einsätzen von Sprengstoffdrohnen. Der sudanesische Souveränitätsrat sprach in einer weiteren Darstellung von 70 Angriffen unter Einsatz von 187 Drohnen zwischen Februar und Oktober.

Die Zahlen beruhen auf unterschiedlichen Zählweisen und lassen sich nicht unmittelbar gleichsetzen.

Für die beiden im Dossier aufgeführten Drohnenkategorien werden zusammen 484 getötete und verletzte Zivilisten genannt. Die Zahl bezeichnet ausdrücklich beide Gruppen gemeinsam, nicht ausschließlich Todesopfer. Auch militärische Verluste werden aufgeführt.

Die sudanesischen Angaben zu Abschussorten, Verantwortlichen und Opferzahlen konnten bislang nicht unabhängig bestätigt werden. Die gezeigten Bilder und technischen Aufzeichnungen ersetzen keine unabhängige Überprüfung ihrer Herkunft und Zuordnung.

Äthiopien hat frühere Vorwürfe einer Unterstützung der RSF zurückgewiesen und erklärt, die Souveränität Sudans zu respektieren. Eine unmittelbare neue Stellungnahme zu den am 1. November eingereichten Beschwerden wurde zunächst nicht bekannt.

Khartum droht mit Konsequenzen – Ägypten unterstützt Sudan

Sudans Außenministerium betrachtet die mutmaßliche Nutzung äthiopischen Staatsgebiets als feindlichen Akt und Verletzung des Völkerrechts.

Die Regierung fordert Äthiopien auf, entsprechende Aktivitäten zu unterbinden. Zugleich verlangt sie eine internationale Untersuchung und Maßnahmen gegen Verantwortliche.

Das sudanesische Militär behält sich nach eigenen Angaben eine Reaktion vor. Eine konkrete militärische Gegenmaßnahme gegen Äthiopien wurde allerdings nicht angekündigt.

Die Spannungen erhalten zusätzliches Gewicht durch die enge Abstimmung zwischen Sudan und Ägypten.

Am 2. November trafen sich die Außen- und Bewässerungsminister beider Staaten in Kairo zu einer weiteren Runde ihres gemeinsamen Konsultationsformats. Ägyptens Außenminister Badr Abdelatty und sein sudanesischer Amtskollege Mohieldin Salem berieten dabei unter anderem über die Sicherheit Sudans, Wasserressourcen und den Konflikt um den äthiopischen Renaissance-Staudamm.

In ihrer gemeinsamen Erklärung verurteilten beide Regierungen Drohnenangriffe auf sudanesische Strom- und Wasseranlagen, die nach ihrer Darstellung aus einem Nachbarland gestartet wurden. 

Kairo bekräftigte außerdem seine Bereitschaft, Sudan im Rahmen des internationalen Rechts und des bestehenden gemeinsamen Verteidigungsabkommens bei der Sicherung seiner staatlichen Souveränität zu unterstützen.

Damit stehen sich Äthiopien sowie die beiden Nachbarstaaten nicht nur im Streit um den Nil gegenüber. Auch bei der Beurteilung des sudanesischen Bürgerkriegs und der Sicherheitsordnung am Roten Meer treten zunehmend unterschiedliche Interessen hervor.

Der Krieg in Tigray ist zurück

Während die Spannungen an den Grenzen wachsen, hat Äthiopien im eigenen Land erneut mit schweren Kämpfen zu tun.

Am 22. und 23. September 2026 brachen in der nördlichen Region Tigray sowie angrenzenden Gebieten der Bundesstaaten Amhara und Afar größere Gefechte aus.

Auslöser war eine Offensive eines Rebellenbündnisses unter Führung der Tigray People’s Liberation Front (TPLF) gegen die Bundesregierung. Diese reagierte mit militärischen Operationen, bei denen auch Artillerie und Drohnen eingesetzt wurden.

Regierungstruppen und verbündete Kräfte eroberten Anfang Oktober große Teile Tigrays zurück, darunter die Regionalhauptstadt Mekelle.

Ministerpräsident Abiy Ahmed ernannte am 16. Oktober eine neue Übergangsverwaltung. Sie soll innerhalb von sechs Monaten die Voraussetzungen für Regionalwahlen schaffen, beschädigte Infrastruktur wiederherstellen und die Rückkehr Vertriebener ermöglichen.

Die militärischen Erfolge haben die Ursachen des Konflikts jedoch nicht beseitigt.

Bereits zwischen 2020 und 2022 hatten die Bundesregierung und die TPLF einen Krieg geführt, bei dem Hunderttausende Menschen ums Leben kamen. Das im November 2022 im südafrikanischen Pretoria geschlossene Friedensabkommen beendete die damaligen großflächigen Kampfhandlungen.

Wesentliche Bestandteile der Vereinbarung wurden allerdings nur teilweise umgesetzt. Dazu gehören die Entwaffnung früherer Kämpfer, die Rückkehr Vertriebener und die Klärung umstrittener Gebiete.

Eine Untersuchung der Stiftung Wissenschaft und Politik vom Sommer 2026 stellte fest, dass in Tigray noch etwa 750.000 Menschen innerhalb der Region vertrieben waren. Der Prozess zur Demobilisierung ehemaliger Kämpfer war weitgehend ins Stocken geraten.

Die erneute Gewalt trifft auch Gebiete außerhalb Tigrays. Am 30. Oktober berichtete Reuters über mindestens 15 Todesopfer nach Drohnenangriffen auf ein Lager für Vertriebene im Bundesstaat Amhara. Unter den Opfern befanden sich Kinder. Wer für den Angriff verantwortlich war, blieb zunächst ungeklärt.

Das Auswärtige Amt warnt inzwischen vor Reisen in weite Teile Nordäthiopiens und weist auf Kampfhandlungen, Drohneneinsätze sowie unterbrochene Kommunikationsverbindungen hin.

Eritrea: Aus früheren Verbündeten werden wieder Gegner

Besonders gefährlich ist die Entwicklung an der Grenze zwischen Äthiopien und Eritrea. Beide Staaten hatten 2018 nach jahrzehntelanger Feindschaft Frieden geschlossen. Abiy Ahmed erhielt dafür 2019 den Friedensnobelpreis.

Im Tigray-Krieg von 2020 bis 2022 kämpften eritreische Streitkräfte noch auf der Seite der äthiopischen Bundesregierung gegen die TPLF.

Inzwischen stehen sich beide Regierungen erneut gegenüber.

Am 1. Oktober schloss Äthiopien seine Botschaft in der eritreischen Hauptstadt Asmara und erklärte zehn eritreische Diplomaten zu unerwünschten Personen. Eritrea reagierte mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen.

Addis Abeba beschuldigt die eritreische Regierung, bewaffnete Gruppen in Tigray zu unterstützen und militärisch in äthiopisches Staatsgebiet einzudringen.

Anfang Oktober meldeten Konfliktbeobachter eritreische Truppenbewegungen im Gebiet um Adigrat. Die Organisation ACLED dokumentierte außerdem mutmaßliche äthiopische Drohnenangriffe auf eritreische Militärfahrzeuge.

Eritrea weist die äthiopischen Anschuldigungen zurück und beschuldigt seinerseits Addis Abeba, einen Angriff vorzubereiten.

Am 9. Oktober erklärte die äthiopische Regierung gegenüber den Vereinten Nationen, sie müsse sich gegen eine umfassende eritreische Invasion verteidigen. Eritrea bestritt die Darstellung und warf Äthiopien vor, die territoriale Integrität seines Nachbarn zu bedrohen.

Beide Seiten bestreiten damit nicht nur die Darstellung des Gegners, sondern machen ihn jeweils für die Eskalation verantwortlich.

Der Zugang zum Roten Meer verschärft den Konflikt

Hinter der Konfrontation steht auch eine grundsätzliche strategische Frage: Äthiopiens Zugang zum Meer.

Seit Eritreas Unabhängigkeit 1993 besitzt das Land keine eigene Küste mehr. Der größte Teil seines internationalen Warenhandels wird über Dschibuti abgewickelt.

Ministerpräsident Abiy Ahmed betrachtet einen langfristig gesicherten Zugang zum Roten Meer als wesentlich für Äthiopiens wirtschaftliche Entwicklung.

Dabei spielt insbesondere der eritreische Hafen Assab eine Rolle. Eritrea befürchtet, dass Addis Abeba seine Ansprüche langfristig auch mit militärischen Mitteln durchsetzen könnte.

Die äthiopische Regierung erklärt dagegen, eine friedliche Lösung anzustreben.

Die Auseinandersetzung betrifft inzwischen mehr als die beiden unmittelbaren Nachbarn.

Ägypten und Sudan bekräftigten bei ihren Gesprächen am 2. November, dass die Sicherheitsordnung des Roten Meeres ausschließlich von den Küstenstaaten gestaltet werden solle. Einen Zugang für Binnenstaaten auf Kosten der territorialen Souveränität bestehender Küstenstaaten lehnten sie ab.

Diese Position richtet sich gegen mögliche maritime Ansprüche Äthiopiens, ohne dessen allgemeinen Anspruch auf Handelszugang zum Meer grundsätzlich infrage zu stellen.

Ägypten und Sudan bilden eine gemeinsame Front im Nil-Streit

Die jüngste Erklärung aus Kairo betrifft zugleich eines der wichtigsten wirtschaftlichen Projekte Äthiopiens: den Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD) am Blauen Nil.

Der große Wasserkraftstaudamm wurde im September 2025 offiziell eingeweiht. Addis Abeba will damit die nationale Stromversorgung ausbauen, seine Industrie entwickeln und Elektrizität in Nachbarländer exportieren.

Ägypten und Sudan sehen vor allem in der fehlenden verbindlichen Abstimmung über den Betrieb des Staudamms ein Sicherheitsrisiko.

Beide Staaten verlangen Regeln, die insbesondere bei Dürreperioden, außergewöhnlichen Niederschlägen und Änderungen des Wasserabflusses greifen sollen.

Nach den Gesprächen vom 2. November erklärten die Regierungen, ihre Wasserinteressen seien untrennbar miteinander verbunden.

Sie berufen sich dabei auch auf das Nilwasserabkommen von 1959, das die Nutzung des Flusswassers zwischen Ägypten und Sudan regelt. Äthiopien war an dieser Vereinbarung nicht beteiligt und erkennt daraus abgeleitete Beschränkungen seines eigenen Nutzungsrechts nicht an.

Die Regierung in Addis Abeba betont, der Staudamm diene der Stromerzeugung und solle den Unterliegerstaaten kein Wasser entziehen. Sie betrachtet die Nutzung ihrer Wasserressourcen als nationales Entwicklungsrecht.

Ägypten hält dagegen, dass die Nutzung eines grenzüberschreitenden Flusses nicht ohne verbindliche Abstimmung erfolgen dürfe. Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi erklärte am 26. Oktober, sein Land werde keine Einschränkung seiner Wassersicherheit akzeptieren.

Der Konflikt bleibt damit ungelöst. Während Äthiopien auf seine wirtschaftlichen Entwicklungsinteressen verweist, fordert Ägypten eine vertragliche Absicherung der Wasserversorgung. Sudan unterstützt bei diesen Forderungen zunehmend die ägyptische Position.

Äthiopiens regionale Beziehungen geraten unter Druck

Die verschiedenen Konflikte sind nicht gleichzusetzen. In Tigray führt Äthiopien einen innerstaatlichen Krieg gegen bewaffnete Gegner. Mit Eritrea besteht eine militärisch zugespitzte zwischenstaatliche Konfrontation. Sudan erhebt bislang unbewiesene Anschuldigungen über eine Beteiligung an Drohnenangriffen. Der Streit mit Ägypten wird vor allem diplomatisch und wirtschaftspolitisch ausgetragen.

Dennoch überschneiden sich die Konflikte zunehmend.

Äthiopien beschuldigt Eritrea, Sudan und Ägypten, gemeinsam oder unabhängig voneinander die Rebellenallianz im Norden des Landes zu unterstützen. Alle drei Staaten weisen diese Vorwürfe zurück.

Umgekehrt wirft Sudan Äthiopien eine Unterstützung der RSF vor, während Ägypten und Eritrea den äthiopischen Umgang mit dem Nil beziehungsweise dem Roten Meer kritisieren.

Damit hat sich ein sicherheitspolitisches Umfeld entwickelt, in dem Addis Abeba gleichzeitig mehrere Konflikte mit unmittelbaren Nachbarn austrägt. Besonders problematisch ist die mögliche Verknüpfung der Auseinandersetzungen: Die Bundesregierung muss im Norden militärische Ressourcen einsetzen, während sich außenpolitische Beziehungen verschlechtern und neue Vorwürfe im sudanesischen Krieg hinzukommen.

Von einer vollständigen internationalen Isolation kann allerdings keine Rede sein. Äthiopien unterhält weiterhin wichtige wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen, unter anderem zu China und anderen Staaten der Region. Der Handel über Dschibuti bleibt von zentraler Bedeutung. Auch mit Somalia hatten sich die Beziehungen nach einer diplomatischen Verständigung 2024 wieder verbessert.

Die Afrikanische Union hat die Konfliktparteien wiederholt zur Zurückhaltung aufgerufen. Auch die Vereinigten Staaten drängten Äthiopien und Eritrea im Oktober zur Deeskalation und zur Achtung ihrer gegenseitigen Souveränität.

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