Die Vereinten Nationen warnen vor einer weiteren Schwächung ihrer Friedensmission MINUSCA in der Zentralafrikanischen Republik und fordern ausreichende Truppen und Einsatzmittel zum Schutz der Zivilbevölkerung. Bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates am Dienstag, 20. Oktober 2026, machte UN-Sonderbeauftragte Valentine Rugwabiza auf die zunehmende Gewalt in den Grenzregionen zu Sudan aufmerksam. Ein Angriff auf die Stadt Am-Dafock hatte 17.000 Menschen vertrieben und sechs UN-Soldaten verletzt. Während zahlreiche Mitglieder des Sicherheitsrates vor einem überstürzten Rückzug warnen, drängen die Vereinigten Staaten auf eine stärkere Übernahme der Sicherheitsverantwortung durch die Regierung in Bangui.
UN-Friedensmission fordert ausreichende Truppenstärke
Valentine Rugwabiza, Leiterin der UN-Friedensmission MINUSCA, appellierte an den Sicherheitsrat, die militärischen Fähigkeiten der Mission bei der bevorstehenden Verlängerung ihres Mandats zu erhalten.
„Die Sicherheitslage im Nordosten gibt weiterhin Anlass zu großer Sorge“, erklärte sie bei der Vorstellung des jüngsten Berichts von UN-Generalsekretär António Guterres.
Die Fortschritte bei der Wiederherstellung staatlicher Kontrolle seien weiterhin fragil. Insbesondere in abgelegenen Grenzgebieten könnten nationale Sicherheitskräfte den Schutz der Bevölkerung noch nicht allein gewährleisten.
„Ich appelliere deshalb an den Rat, bei der bevorstehenden Verlängerung des MINUSCA-Mandats während dieser entscheidenden Phase der Stabilisierung eine angemessene Truppenstärke und ausreichende Fähigkeiten der Mission aufrechtzuerhalten“, sagte Rugwabiza.
Der Sicherheitsrat muss im November über die Verlängerung und künftige Ausrichtung des Mandats entscheiden.
Bereits 2025 hatte das Gremium die zulässige Höchststärke der Mission reduziert. Die Obergrenze sank von 14.400 auf 14.046 Soldaten und von 3.020 auf 2.999 Polizeikräfte.
Nach Angaben des Informationsdienstes Security Council Report waren zuletzt 10.292 Soldaten tatsächlich im Einsatz. Damit lag die Truppenstärke bereits deutlich unter der bisherigen Obergrenze.
Der UN-Generalsekretär empfahl für die nächste Mandatsperiode eine autorisierte Stärke von 12.000 Soldaten. Zugleich sprach er sich dafür aus, die zentralen Sicherheitsaufgaben der Mission beizubehalten und weitere Reduzierungen an die tatsächliche Sicherheitslage zu knüpfen.
Angriff auf Am-Dafock vertrieb 17.000 Menschen
Besonders deutlich zeigten sich die Sicherheitsprobleme bei einem Angriff auf Am-Dafock in der nordöstlichen Präfektur Vakaga.
Am 30. Juni griffen mehrere bewaffnete Gruppen die Stadt nahe der Grenze zu Sudan an. Dabei wurden Zivilisten und Angehörige der zentralafrikanischen Sicherheitskräfte getötet. Rund 17.000 Menschen mussten fliehen.
Auch ein Stützpunkt der UN-Friedensmission wurde angegriffen. Sechs Blauhelmsoldaten erlitten Verletzungen.
Bewaffnete Gruppen kontrollierten die Stadt zeitweise fünf Tage lang, bevor sie sich über die Grenze nach Sudan zurückzogen.

Nach Darstellung Rugwabizas verhinderte das schnelle Eingreifen der Friedensmission weitere Todesopfer. Ohne die Unterstützung der UN-Truppen hätte die Regierung die Kontrolle über Am-Dafock nicht so rasch wiederherstellen können.
Die Operation verdeutlichte zugleich die logistischen Schwierigkeiten in der Region. Wegen der Regenzeit war die Stadt auf dem Luftweg erreichbar. MINUSCA musste deshalb Hubschrauber und Soldaten aus anderen gefährdeten Gebieten abziehen.
Die Sicherheitslage wird zusätzlich durch den Krieg im benachbarten Sudan belastet. Bewaffnete Gruppen nutzen grenzüberschreitende Verbindungen, um Kämpfer und Waffen zu bewegen.
Auch im Südosten der Zentralafrikanischen Republik bleiben Milizen aktiv. Dort kommt es weiterhin zu Angriffen auf staatliche Sicherheitskräfte und Zivilisten.
Geiseln nach Angriff von 2025 befreit
Neben der angespannten Sicherheitslage berichtete Rugwabiza über die Freilassung von Geiseln, die seit einem Angriff der bewaffneten Gruppe Azandé Ani Kpi Gbé (AAKG) im Dezember 2025 festgehalten worden waren.
Die Gefangenen, darunter der Unterpräfekt von Bambouti, wurden am 19. Oktober durch eine von MINUSCA geleitete und durchgeführte Operation befreit.
Der Freilassung waren monatelange Vermittlungsbemühungen lokaler Führungspersönlichkeiten und der UN-Mission vorausgegangen.
Rugwabiza verwies außerdem auf Fortschritte bei der Entwaffnung ehemaliger Kämpfer.
Seit Juli 2025 wurden mit logistischer, technischer und sicherheitspolitischer Unterstützung der Friedensmission mehr als 1.900 Angehörige bewaffneter Gruppen entwaffnet und demobilisiert.
Einige Milizen hatten sich zuvor dem Friedensprozess angeschlossen. Die Umsetzung der Vereinbarungen bleibt jedoch von der weiteren Eingliederung ehemaliger Kämpfer in das zivile Leben abhängig.
Die Demokratische Republik Kongo, die im Sicherheitsrat auch für Somalia und Liberia sprach, warnte deshalb davor, die Entwaffnung ohne ausreichend finanzierte Wiedereingliederungsprogramme fortzusetzen.
Frankreich und Russland warnen vor übereiltem Rückzug
Frankreichs UN-Botschafter Jérôme Bonnafont betonte, dass die Übertragung von Aufgaben an die zentralafrikanischen Behörden nicht beschleunigt werden dürfe, solange bewaffnete Gruppen weiterhin Zivilisten bedrohten.
Insbesondere im Nordosten und Südosten nutzten Milizen die Instabilität benachbarter Staaten, um sich mit Waffen und Kämpfern zu versorgen.
Auch Russland warnte vor einer künstlich beschleunigten Übergabe der Sicherheitsverantwortung.
Die stellvertretende russische UN-Botschafterin Anna Jewstignejewa erklärte, ein solcher Schritt könne kontraproduktiv sein. Die internationalen Partner müssten die zentralafrikanischen Sicherheitsinstitutionen stärken und die Bekämpfung grenzüberschreitender Bedrohungen unterstützen.
Großbritannien forderte ebenfalls, den Übergang an der Lage vor Ort auszurichten.
Pakistan sprach sich dafür aus, die Einsatzfähigkeit der Friedensmission durch zusätzliche Lufttransportkapazitäten, schnelle Eingreifkräfte und militärische Führungsstrukturen zu verbessern.
USA warnen vor dauerhafter Abhängigkeit von MINUSCA
Die Vereinigten Staaten setzten einen anderen Schwerpunkt.
Der stellvertretende US-Botschafter Jeffrey Bartos würdigte die schnelle Reaktion sambischer UN-Soldaten beim Angriff auf Am-Dafock.
Gleichzeitig warnte er davor, dass eine unveränderte Friedensmission zu einer dauerhaften Einrichtung werden könne, statt eine zeitlich begrenzte Maßnahme zur Wiederherstellung von Frieden und Sicherheit zu bleiben.
Die zentralafrikanische Regierung müsse bei der Reform des Sicherheitssektors die Führung übernehmen und schrittweise zusätzliche Aufgaben übernehmen.
Washington hatte bereits bei früheren Verhandlungen über das MINUSCA-Mandat auf eine Reduzierung der Truppenobergrenze gedrängt.
Damit besteht vor der nächsten Mandatsverlängerung ein Unterschied zwischen der amerikanischen Forderung nach einer stärkeren Übertragung von Verantwortung und den Warnungen anderer Sicherheitsratsmitglieder vor zusätzlichen Sicherheitslücken.
Geldmangel gefährdet ausstehende Wahlen
Neben der Sicherheitslage beschäftigten die finanziellen Schwierigkeiten der Zentralafrikanischen Republik den Sicherheitsrat.
Die Demokratische Republik Kongo bezeichnete diese Entwicklung auch im Namen Somalias und Liberias als besorgniserregend.
Die Zentralafrikanische Republik hatte im Rahmen des Wahlzyklus 2025 und 2026 Fortschritte beim Aufbau kommunaler Institutionen erzielt.
Bis Anfang Oktober waren nach Angaben der UN in 127 der insgesamt 177 Gemeinden gewählte Amtsträger eingesetzt worden.
Viele der neuen Kommunalverwaltungen verfügen jedoch nur über begrenzte Erfahrungen und personelle Kapazitäten.
Rugwabiza forderte deshalb zusätzliche Unterstützung für die Ausbildung lokaler Behörden und die Finanzierung der verbleibenden Wahlgänge.
Zentralafrikanische Republik verweist auf extreme Armut
Der zentralafrikanische UN-Botschafter Marius Aristide Hoja Nzessioué warnte vor den finanziellen Folgen einer zu schnellen Übergabe von Aufgaben durch MINUSCA.
Nach von ihm angeführten Weltbankdaten leben 67 Prozent der Bevölkerung in extremer Armut. In ländlichen Gebieten liegt der Anteil bei 78 Prozent.
Die geringe wirtschaftliche Leistungsfähigkeit begrenze die Möglichkeiten des Staates, zusätzliche Sicherheits- und Verwaltungsaufgaben aus eigenen Mitteln zu finanzieren.
Externe Unterstützung bleibe deshalb notwendig, erklärte der Botschafter.
Seine Regierung wolle die Abhängigkeit von internationaler Hilfe langfristig verringern, benötige dafür jedoch eine Übergangsphase.
Ein überstürzter Rückzug könne nationale Institutionen überfordern, die noch nicht über die erforderlichen Mittel verfügten.
Zugleich verwies er auf die Kosten neuer Gewaltausbrüche. Eine erneute Verschlechterung der Sicherheitslage könne humanitäre und finanzielle Belastungen verursachen, die mögliche kurzfristige Einsparungen bei der Friedensmission deutlich übersteigen würden.

