Komorens Präsident Azali Assoumani hat den Streit mit Frankreich um Mayotte bei den Vereinten Nationen deutlich verschärft und Paris vorgeworfen, Entwicklungshilfe als Druckmittel in der Migrationspolitik einzusetzen. Er sprach am Donnerstag, 24. September 2026, vor der 81. UN-Generalversammlung in New York. Hintergrund ist die Ankündigung des französischen Premierministers Sébastien Lecornu, einen Teil der Entwicklungshilfe für die Komoren und weitere afrikanische Staaten von ihrer Zusammenarbeit bei der Eindämmung irregulärer Migration nach Mayotte abhängig zu machen. Moroni betrachtet die von Frankreich verwaltete Insel weiterhin als Teil seines Staatsgebiets und weist deshalb auch Rückführungen von Komorern aus Mayotte grundsätzlich anders ein als Paris.
Assoumani greift französische Migrationspolitik an
„Für die komorische Nation steht die Souveränität über den gesamten Archipel nicht zum Verkauf“, sagte Assoumani vor der Generalversammlung. Er kritisierte französische Maßnahmen in Mayotte und wandte sich gegen Kooperationen anderer Staaten mit den dortigen Behörden, soweit sie aus Sicht Moronis den französischen Status der Insel anerkennen.
Besonders scharf reagierte der Präsident auf Lecornus Ankündigung vom August. Frankreich will Entwicklungshilfe stärker davon abhängig machen, ob Herkunftsstaaten bei der Rücknahme von Migranten und im Kampf gegen irreguläre Migration nach Mayotte kooperieren. Betroffen sind neben den Komoren unter anderem die Demokratische Republik Kongo, Burundi, Tansania, Ruanda, Somalia und Kenia.
Die komorische Regierung hatte den Vorstoß bereits Ende August als „unerträglich herablassend“ zurückgewiesen. Paris wolle Entwicklungshilfe als Druckmittel einsetzen, kritisierte Moroni damals.
Assoumani griff diesen Konflikt nun auf der größten diplomatischen Bühne erneut auf. „Frankreichs einseitige Maßnahmen, insbesondere in Afrika, stehen unseren Erwartungen entgegen“, sagte er.
Mayotte bleibt Kernkonflikt zwischen Paris und Moroni
Der Streit reicht bis zur Unabhängigkeit der Komoren zurück. Beim Referendum von 1974 stimmten die drei Inseln Grande Comore, Anjouan und Mohéli mehrheitlich für die Unabhängigkeit. Auf Mayotte votierte dagegen eine Mehrheit für den Verbleib bei Frankreich. Paris organisierte dort 1976 ein weiteres Referendum, bei dem sich erneut eine große Mehrheit gegen den Anschluss an den neuen komorischen Staat aussprach. Frankreich beruft sich bis heute auf dieses Selbstbestimmungsrecht. Seit 2011 ist Mayotte das 101. französische Département.
Die Komoren akzeptieren diese Trennung nicht. Auch die UN-Generalversammlung stellte sich nach der Unabhängigkeit mehrfach hinter die Position Moronis. Resolution 31/4 von 1976 bekräftigte die Souveränität der Komoren über Mayotte. Spätere Resolutionen wiederholten diese Position und forderten Frankreich zu Verhandlungen über die Insel auf.
Paris vertritt dagegen die Auffassung, dass Mayottes Verbleib bei Frankreich mit dem Selbstbestimmungsrecht der Inselbevölkerung vereinbar sei. Das französische Außenministerium bezeichnet Mayotte ausdrücklich als französisches Département, über das die Komoren weiterhin Souveränität beanspruchen.
Damit stehen sich zwei grundlegend unterschiedliche Sichtweisen gegenüber: Frankreich verweist auf die Abstimmungen der Bevölkerung von Mayotte, Moroni auf die territoriale Einheit des früheren Archipels und die entsprechenden Resolutionen der UN-Generalversammlung.
Migration verschärft den alten Territorialstreit
Der ungelöste Statuskonflikt ist eng mit der Migrationsfrage verbunden. Viele Menschen von den übrigen Komoren versuchen, Mayotte über den rund 70 Kilometer breiten Meeresarm zwischen Anjouan und der französisch verwalteten Insel zu erreichen.
Frankreich betrachtet diese Überfahrten als irreguläre Migration in französisches Staatsgebiet. Die komorische Regierung argumentiert dagegen, Komorer bewegten sich innerhalb eines Archipels, über den Moroni weiterhin Souveränität beansprucht.
Die Migrationsfrage gehört seit Jahren zu den wichtigsten Streitpunkten in den bilateralen Beziehungen. Frankreich und die Komoren vereinbarten 2019 einen Partnerschaftsrahmen, der sowohl Entwicklungszusammenarbeit als auch die Bekämpfung irregulärer Migration umfasst.
Krieg im Nahen Osten trifft importabhängige Inselstaaten
Assoumani verband den Streit mit Frankreich mit einer breiteren Kritik an der internationalen Ordnung. Die Ziele der Agenda 2030 seien für die Komoren trotz eigener Anstrengungen inzwischen „außer Reichweite“, sagte er.

Besonders verwies er auf die Folgen der Konflikte im Nahen Osten. Unterbrechungen wichtiger Handels- und Energierouten bedrohten Lebensmittel- und Energieversorgung von Staaten wie den Komoren, deren Wirtschaft stark von Importen abhängig sei.
Der Präsident forderte ein Ende der Kämpfe und die Umsetzung einer Zwei-Staaten-Lösung für Israel und Palästina. In seiner Rede machte er Israel für eine Ausweitung der militärischen Auseinandersetzungen auf Syrien und den Libanon verantwortlich und sprach von schweren Folgen für die Zivilbevölkerung. Diese Aussagen geben die Position der komorischen Regierung wieder.
„Die internationale Gemeinschaft wird ihre Glaubwürdigkeit zunächst dadurch zurückgewinnen, dass sie dringend handelt, um die Waffen zum Schweigen zu bringen und ziviles Leben zu schützen – israelisches, palästinensisches, libanesisches oder syrisches“, sagte Assoumani.
Kleine Inselstaaten verlangen andere Finanzierungsregeln
Die internationalen Krisen treffen nach seiner Darstellung auf strukturelle Probleme kleiner Inselstaaten. Die Komoren fordern deshalb eine Reform der internationalen Finanzarchitektur.
Kredit- und Hilfskriterien orientierten sich zu stark am Pro-Kopf-Einkommen und bildeten die besondere Verwundbarkeit kleiner Inselstaaten nicht ausreichend ab, argumentierte Assoumani. Klimarisiken, hohe Importabhängigkeit und externe wirtschaftliche Schocks müssten stärker berücksichtigt werden.
Der seit 2019 laufende Entwicklungsplan „Emerging Comoros“ benötigt nach Angaben der Regierung über zehn Jahre rund 5,2 Milliarden US-Dollar. Assoumani bezifferte das Wirtschaftswachstum für 2025 auf 3,8 Prozent, nach 1,9 Prozent im Jahr 2019. Für die Jahre 2027 bis 2030 kündigte er eine beschleunigte Umsetzung des Programms an. Diese Zahlen und Ziele stammen von der komorischen Regierung.
Den nächsten Führungswechsel an der Spitze der Vereinten Nationen verband Assoumani deshalb mit einer Forderung nach stärkerer Berücksichtigung kleiner Insel- und Entwicklungsländer. Die UN müssten sich über nationale und geopolitische Interessen erheben und „einen glaubwürdigeren Multilateralismus“ ermöglichen.

