Frankreich will 250.000 Visa an Algerier vergeben

Mehr Visa, volle Konsulate und neue Wirtschaftsprojekte: Frankreich und Algerien treiben nach fast zwei Jahren Krise ihre Annäherung voran.

Frankreich will die Zahl der Visa für algerische Staatsangehörige wieder auf das Niveau vor der diplomatischen Krise anheben. Die Ankündigung erfolgte Mitte Juli, zwei Monate nach der Rückkehr des französischen Botschafters Stéphane Romatet nach Algier. Vor der Krise stellte Frankreich jährlich rund 250.000 Visa für Algerier aus, danach sank die Zahl wegen fehlenden Personals und eingeschränkter Terminvergabe deutlich. Paris und Algier arbeiten zugleich an einer breiteren Wiederaufnahme ihrer migrations-, sicherheits-, justiz- und wirtschaftspolitischen Zusammenarbeit.

Romatet erklärte im Gespräch mit dem algerischen Nachrichtenportal TSA, die Bevölkerung solle nicht länger die Folgen der politischen Spannungen zwischen beiden Staaten tragen. Schwierigkeiten bei der Visavergabe hätten Geschäftsleute, Familien und andere Reisende unmittelbar betroffen.

„Unser Ziel ist es, dass die Zahl der Visa, die wir algerischen Staatsangehörigen erteilen, wieder steigt und wahrscheinlich auf das Niveau vor der Krise zurückkehrt“, sagte der Botschafter.

Frankreich baut Konsulate in Algerien wieder auf

Frankreich hatte vor der Krise nach Angaben Romatets etwa 250.000 Visa pro Jahr an algerische Antragsteller vergeben. Während der diplomatischen Spannungen standen den französischen Auslandsvertretungen weniger Beschäftigte für die Bearbeitung der Anträge zur Verfügung. Zugleich wurde es für Antragsteller schwieriger, Termine bei den zuständigen Dienstleistern zu erhalten.

Paris will seine diplomatischen und konsularischen Vertretungen in Algerien deshalb wieder vollständig besetzen. Die dafür erforderlichen Mitarbeiter sollen nach den Plänen der Botschaft noch im Sommer ihre Arbeit aufnehmen.

Auch Algerien soll seine konsularischen Einrichtungen in Frankreich wieder mit dem notwendigen Personal ausstatten können. Beide Regierungen hätten sich darauf verständigt, die Arbeitsfähigkeit ihrer Botschaften und Konsulate wiederherzustellen, erklärte Romatet.

Die Visafrage war während der Krise wiederholt zum politischen Druckmittel geworden. Teile der französischen Politik forderten Einschränkungen, um Zugeständnisse der algerischen Regierung in der Migrationspolitik zu erreichen.

Der Botschafter wandte sich gegen eine Belastung der persönlichen und wirtschaftlichen Beziehungen. Wenn ein algerischer Unternehmer nicht zu Geschäftsterminen nach Frankreich reisen könne oder Familienbesuche erschwert würden, treffe die politische Krise unmittelbar die Bevölkerung.

Paris und Algier nehmen staatliche Zusammenarbeit wieder auf

Die Wiederherstellung der konsularischen Kapazitäten ist Teil einer umfassenderen Annäherung nach einer fast zweijährigen Krise. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron habe ihn mit dem Auftrag nach Algerien zurückgeschickt, die Beziehungen wieder auf eine Grundlage des Vertrauens zu stellen, sagte Romatet.

Auch Algeriens Präsident Abdelmadjid Tebboune habe bei seiner Rückkehr nach Algier den Willen zur Wiederaufnahme der Zusammenarbeit bestätigt. Beide Seiten wollen die Kontakte in den Bereichen Migration, innere Sicherheit und Justiz wieder ausbauen.

Mehrere hochrangige Besuche begleiteten die Annäherung. Französische Regierungsmitglieder reisten nach Algerien, darunter die beigeordnete Verteidigungsministerin und der Justizminister. Algeriens Innenminister Saïd Sayoud besuchte Frankreich.

In der Sicherheitspolitik wollen beide Staaten insbesondere die Zusammenarbeit gegen den internationalen Drogenhandel verstärken. Polizei- und Justizbehörden sollen ihre zuvor weitgehend ausgesetzten Kontakte wieder aufnehmen.

Ein weiteres Thema sind mutmaßlich unrechtmäßig erworbene Vermögenswerte früherer algerischer Amtsträger und Geschäftsleute in Frankreich. Algerien fordert seit Jahren Fortschritte bei der Identifizierung und Rückgabe solcher Vermögenswerte.

Die Zusammenarbeit in diesen Fällen war während der diplomatischen Krise unterbrochen worden. Ein Besuch des französischen Justizministers in Algier und die anschließende Reise einer algerischen Richterdelegation nach Paris hätten neue Gespräche ermöglicht, erklärte Romatet.

Handel zwischen Frankreich und Algerien ging zurück

Die politische Krise belastete auch die Wirtschaftsbeziehungen. Das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern sank nach Angaben des Botschafters in den vergangenen zwei Jahren deutlich. Besonders betroffen waren französische Ausfuhren nach Algerien.

Paris und Algier versuchen nun, direkte Kontakte zwischen Unternehmen und Wirtschaftsverbänden wiederzubeleben. Ende April reiste der Präsident des französischen Arbeitgeberverbandes Medef nach Algerien und traf Kamel Moula, den Vorsitzenden des algerischen Rates für wirtschaftliche Erneuerung CREA.

Moula soll im Herbst zu Gesprächen nach Frankreich reisen. Anschließend plant der Medef eine weitere Reise nach Algerien mit einer größeren Delegation französischer Unternehmen.

Bei der Internationalen Messe von Algier war Frankreich erstmals seit mehreren Jahren wieder mit einem eigenen Gemeinschaftsstand vertreten. Rund 30 französische Unternehmen nahmen daran teil. Nach Darstellung Romatets gehörte der französische Pavillon zu den größten ausländischen Unternehmensvertretungen der Messe.

Auch die französisch-algerische Industrie- und Handelskammer verzeichnet eine steigende Mitgliederzahl. Französische Unternehmen interessieren sich nach Angaben des Botschafters verstärkt für Marktsondierungen und die Suche nach algerischen Geschäftspartnern.

Renault verhandelt über Neustart des Werks in Oran

Ein konkretes Vorhaben betrifft die französische Automobilindustrie. Renault führt mit dem algerischen Industrieministerium Gespräche über eine Wiedereröffnung seines Werks in Oran.

Der Botschafter äußerte die Hoffnung, dass die Produktion dort bald wieder aufgenommen werden könne. Einen Termin oder eine abschließende Vereinbarung nannte er nicht.

Algerien hatte seine Automobilpolitik in den vergangenen Jahren neu geordnet und strengere Vorgaben für ausländische Hersteller eingeführt. Die Regierung verlangt unter anderem höhere lokale Produktionsanteile und eine stärkere Einbindung algerischer Zulieferer.

Mit Stellantis ist bereits ein weiterer französisch geprägter Autokonzern im Land aktiv. Der Konzern produziert Fahrzeuge der Marke Fiat und vertreibt auch Peugeot. Romatet verwies auf eine starke Nachfrage nach französischen Automarken auf dem algerischen Markt.

Weitere Gespräche laufen in den Bereichen Schifffahrt, Pharmaindustrie, Gesundheitswirtschaft, Lebensmittel, Finanzen und digitale Technologien. Der Vorstandsvorsitzende des französischen Logistikkonzerns CMA CGM hielt sich nach Angaben des Botschafters zuletzt in Algerien auf. Eine Delegation aus der französischen Gesundheitswirtschaft soll ebenfalls in das Land reisen.

Besondere Aufmerksamkeit richtet die französische Seite auf Start-ups, künstliche Intelligenz und die Digitalwirtschaft. Algerische Technologieunternehmen hatten sich zuletzt auch auf der Pariser Innovationsmesse Viva Technology präsentiert.

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