Der komorische Oppositionspolitiker Said Ahmed Said Abdillah fordert, wirtschaftliche Entwicklung, stabile Institutionen und demokratische Reformen vor eine erneute politische Offensive zur Rückkehr Mayottes zu stellen. Am 11. Juni veröffentlichte der Vorsitzende der Partei Comores Alternatives einen entsprechenden Grundsatzbeitrag. Die Komoren müssten den Einwohnern Mayottes zunächst zeigen, dass ein gemeinsamer Staat Sicherheit, Beschäftigung und verlässliche öffentliche Strukturen bieten könne. Zugleich übte Abdillah scharfe Kritik an Präsident Azali Assoumani und an der fortbestehenden wirtschaftlichen Abhängigkeit von Frankreich.
„Die beste Strategie, Mayotte zurückzugewinnen, besteht nicht nur darin, die Insel zu beanspruchen. Sie besteht darin, vorbildliche Komoren aufzubauen“, erklärte Abdillah. Der Oppositionspolitiker gehört zu den Gründungsmitgliedern des Bündnisses Rassemblement de l’Opposition Comorienne.
Die Zugehörigkeit Mayottes prägt die Außen- und Innenpolitik der Komoren seit der Unabhängigkeit. Moroni betrachtet die Insel als Teil des komorischen Staatsgebiets, während sie von Frankreich verwaltet wird und inzwischen den Status eines französischen Übersee-Départements besitzt.
Entwicklung soll politische Forderung stärken
Abdillah stellt den bisherigen Kurs der komorischen Regierungen grundsätzlich infrage. Diplomatische Erklärungen und internationale Resolutionen hätten die Lage über Jahrzehnte nicht verändert. Frankreich habe seine politische und institutionelle Präsenz auf Mayotte währenddessen weiter gefestigt.
Der Oppositionspolitiker leitet daraus eine innenpolitische Forderung ab. Die drei von Moroni regierten Inseln Grande Comore, Anjouan und Mohéli müssten zu einem Beispiel für Stabilität, wirtschaftlichen Fortschritt und gute Regierungsführung werden.
„Armut zieht niemanden an“, erklärte Abdillah. Kein Bevölkerungsteil werde sich einem Staat anschließen wollen, der seinen Bürgern weder Sicherheit und Arbeit noch Gerechtigkeit und Hoffnung bieten könne.
Eine glaubwürdige Mayotte-Politik beginne deshalb mit Investitionen in Bildung, Gesundheitsversorgung, Infrastruktur und Arbeitsplätze. Nationale Ressourcen müssten stärker zur wirtschaftlichen Entwicklung und zur Beschäftigung junger Menschen eingesetzt werden.
Kritik an Assoumanis Regierungsführung

Abdillah wirft Präsident Azali Assoumani und früheren Regierungen vor, weder die Mayotte-Frage gelöst noch die 1975 begonnene staatliche Unabhängigkeit vollendet zu haben. Eine dauerhafte diplomatische Strategie könne nicht von den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen innerhalb der Komoren getrennt werden.
Besonders kritisiert er die Veränderungen am früheren System der rotierenden Präsidentschaft. Dieses Modell sollte den großen Inseln des Landes abwechselnd den Zugang zum Präsidentenamt sichern und damit das Gleichgewicht innerhalb des Archipels stabilisieren.
Nach Abdillahs Darstellung hatte das System auch unter Teilen der Bevölkerung Mayottes Hoffnungen geweckt. Eine spätere Eingliederung in den komorischen Staat hätte demnach die Möglichkeit eröffnet, dass eines Tages auch ein Vertreter Mayottes das höchste Staatsamt übernimmt.
Mit der Aufhebung beziehungsweise grundlegenden Veränderung dieses Mechanismus habe Assoumani diese Perspektive geschwächt und das institutionelle Gleichgewicht des Landes beschädigt, erklärte Abdillah.
Währungspolitische Bindung an Frankreich in der Kritik
Neben der politischen Ordnung nimmt Abdillah die Währungs- und Finanzpolitik ins Visier. Mehr als fünf Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit seien die Komoren weiterhin eng an ein von Frankreich geprägtes Währungssystem gebunden.
Der Komoren-Franc ist über ein festes Wechselkurs- und Garantieabkommen mit dem Euro verbunden. Abdillah sieht darin einen Widerspruch zum Anspruch auf vollständige staatliche Souveränität. Die Kontrolle über die eigene Währung gehöre zu den zentralen Instrumenten eines unabhängigen Staates.
Er fordert deshalb eine stärkere wirtschaftliche und finanzielle Eigenständigkeit. Die Unabhängigkeit bleibe nicht nur wegen des Status Mayottes unvollendet, sondern auch wegen der aus seiner Sicht fehlenden Kontrolle über zentrale wirtschaftspolitische Werkzeuge.
Der Oppositionspolitiker verbindet diese Kritik mit dem Vorwurf, komorische Regierungen hätten seit 1975 keine eigenständige Entwicklungsstrategie aufgebaut. Die Folgen der Kolonialzeit zeigten sich weiterhin in wirtschaftlicher Schwäche, Armut und Spannungen zwischen den Inseln.
Mayotte bleibt Kernfrage seit der Unabhängigkeit
Die Komoren erklärten am 6. Juli 1975 ihre Unabhängigkeit von Frankreich. Die damalige Regierung bezog den gesamten Archipel mit Grande Comore, Anjouan, Mohéli und Mayotte in die Unabhängigkeitserklärung ein.
Auf Mayotte hatte sich jedoch zuvor eine Mehrheit der Abstimmenden gegen die Unabhängigkeit ausgesprochen. Die Insel blieb unter französischer Verwaltung. Die komorische Regierung erkennt diese Trennung bis heute nicht an.
Abdillah verweist auf die Position der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1975, die die territoriale Einheit des Archipels in den Mittelpunkt stellte. Zahlreiche internationale Erklärungen hätten den komorischen Anspruch unterstützt, ohne den politischen Status Mayottes zu verändern.
Frankreich führte die institutionelle Eingliederung der Insel schrittweise fort. Mayotte wurde 2011 französisches Département und gehört seit 2014 als Gebiet in äußerster Randlage zur Europäischen Union.
Der wirtschaftliche und soziale Abstand zu den übrigen Inseln der Komoren bleibt groß. Gleichzeitig ist Mayotte mit erheblicher Armut, Wohnungsmangel, irregulärer Migration und einer angespannten öffentlichen Infrastruktur konfrontiert.
Abdillah fordert, die Debatte nicht auf territoriale Ansprüche zu begrenzen. Frieden, Arbeit, Ernährungssicherheit und Zukunftsperspektiven für Familien müssten die unmittelbaren politischen Prioritäten bilden.
Die Botschaft an Mayotte werde erst an Gewicht gewinnen, wenn die drei von Moroni regierten Inseln selbst Wohlstand, Freiheit und verlässliche Institutionen vorweisen könnten, erklärte der Vorsitzende von Comores Alternatives.

