Boko Haram droht ISWAP offen mit neuer Gewalt

Ein neues Propagandavideo der Boko-Haram-Fraktion JAS zeigt, wie scharf der Machtkampf unter den jihadistischen Gruppen im Tschadsee-Raum wieder eskaliert. Ende März 2026 kursierte ein Video aus dem Umfeld der JAS-Führung um Bakura Doro, auch Abu Umaymah genannt, in dem Kämpfer die rivalisierende ISWAP als „Abtrünnige“ bezeichnen und ihr offen mit Zerschlagung drohen. Für die Region ist das mehr als ein interner Streit unter Extremisten. Der Konflikt zwischen beiden Lagern verschärft die Unsicherheit rund um den Tschadsee, weil er neue Angriffe, neue Frontlinien und mehr Druck auf Zivilisten erwarten lässt. 

Im Kern geht es um Macht, Territorium und Ideologie. JAS, die ursprüngliche Boko-Haram-Strömung, knüpft in dem Video offen an das Erbe von Abubakar Shekau an, der sich 2021 in Sambisa tötete, als ISWAP ihn zur Aufgabe zwingen wollte. Die Botschaft ist eindeutig: Shekau sei tot, seine Linie aber lebe weiter. Damit versucht JAS, Geschlossenheit zu demonstrieren und Anhänger über mehrere Teilgruppen hinweg neu auf die Führung von Bakura Doro einzuschwören. 

Der Bruch verläuft nicht nur militärisch, sondern ideologisch

Der Konflikt zwischen JAS und ISWAP zieht sich seit der Spaltung von 2016 durch die gesamte Aufstandsbewegung. International Crisis Group beschreibt den Kern des Bruchs als Streit über Führung, Gewalt und die Frage, wer als legitimes Ziel gilt. JAS hält an einer besonders radikalen sog. Takfir-Linie fest und betrachtet selbst viele muslimische Zivilisten in staatlich kontrollierten Gebieten als legitime Ziele. ISWAP geht selektiver vor, greift vorrangig Sicherheitskräfte, deren Helfer und bestimmte andere Gruppen an und versucht zugleich, in manchen Gebieten eine Art Herrschaftsordnung aufzubauen. 

Genau diese Trennlinie greift das neue JAS-Video auf. Die Sprecher werfen ISWAP vor, vom „wahren Weg“ abgekommen zu sein, weil die Rivalen muslimische Zivilisten nicht pauschal zu Feinden erklären. Damit ist das Video nicht nur Drohung, sondern auch Selbstvergewisserung. JAS sagt seiner eigenen Anhängerschaft: Wir bleiben die Bewegung der maximalen Härte. Für die Bevölkerung in Nordostnigeria, Niger, Kamerun und Tschad ist das bedrohlich, weil diese Logik erfahrungsgemäß mit wahlloseren Anschlägen und höherem Risiko für Märkte, Moscheen, Verkehrswege und Städte einhergeht. 

Der Tschadsee wird wieder zum Zentrum des Machtkampfs

Besonders wichtig ist, wo dieses Signal herkommt. Das Video wird der JAS-Struktur im Tschadsee-Gebiet zugeschrieben, also jenem Raum aus Inseln, Wasserarmen und schwer kontrollierbaren Grenzzonen zwischen Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun. Genau dort hat JAS in den vergangenen Jahren wieder an Boden gewonnen. Das Institute for Security Studies warnte bereits im September 2025, die Rückkehr von JAS vertiefe die ohnehin komplexe Sicherheitskrise im gesamten Tschadsee-Becken. 

Auch Africa Defense Forum berichtete im Januar 2026, dass JAS und ISWAP zunehmend um Inseln im Tschadsee kämpfen. Dabei geht es nicht nur um symbolische Präsenz, sondern um Rückzugsräume, Schmuggelrouten, Abgaben, Treibstoff, Waffen und den Zugriff auf lokale Gemeinschaften. Wer diese Inseln kontrolliert, hat operative Vorteile für Angriffe und für den eigenen Nachschub. 

Das macht den aktuellen Schlagabtausch so folgenreich. Wenn zwei jihadistische Fraktionen gleichzeitig gegeneinander und gegen staatliche Kräfte kämpfen, entsteht kein Gleichgewicht, sondern oft eine noch unübersichtlichere Gewaltlage. International Crisis Group hatte schon 2024 darauf hingewiesen, dass beide Gruppen sich zwar schwer geschwächt, aber nicht ausgeschaltet haben. Sie bleiben trotz ihrer Verluste eine Gefahr für Zivilisten und Armeen in der Region. 

Was die Eskalation für die Region bedeutet

Für die Staaten rund um den Tschadsee ist diese Entwicklung aus drei Gründen brisant. Erstens bindet der Konflikt zusätzliche Sicherheitskräfte, weil Armeen nicht nur auf klassische Anschläge reagieren müssen, sondern auf schnell wechselnde Fronten zwischen rivalisierenden Gruppen. Zweitens steigt der Druck auf Grenzräume, in denen sich Kämpfer zwischen Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun bewegen können. Drittens erhöht sich das Risiko für Zivilisten, weil JAS mit seiner härteren Linie gerade dort zuschlägt, wo Menschen nicht als neutral gelten, sondern pauschal dem gegnerischen Staat zugerechnet werden. 

Hinzu kommt, dass JAS unter Bakura Doro lange vergleichsweise geräuschlos operierte und sich gerade deshalb neu sortieren konnte. ISS und weitere Analysen beschreiben, dass die Gruppe nach Jahren des Rückschlags in abgelegenen Gebieten des Tschadsees wieder Strukturen aufbauen, Kämpfer sammeln und einzelne Gebiete zurückgewinnen konnte. Das neue Video wirkt deshalb wie eine politische und militärische Ansage: JAS will zeigen, dass sie nicht nur überlebt hat, sondern wieder offensiv gegen ISWAP auftreten kann. 

Die Zivilbevölkerung steht zwischen zwei Extremismen

Für die Menschen in der Region ist der Streit zwischen JAS und ISWAP kein abstrakter Flügelkampf. Er entscheidet oft darüber, welche Form von Gewalt droht. ISWAP versucht vielerorts, Berechenbarkeit zu inszenieren und lokale Ordnung mit Zwang, Steuern und begrenzteren Angriffszielen zu verbinden. JAS steht stärker für offene Einschüchterung und für Angriffe auf Zivilisten, die aus ihrer Sicht in „falschem“ Herrschaftsgebiet leben. Wenn JAS diese Linie nun noch einmal öffentlich bekräftigt, dann ist das auch ein Warnsignal an die Orte, die zuletzt wieder von Anschlägen getroffen wurden. 

Der Konflikt zwischen beiden Gruppen dürfte damit nicht leiser, sondern sichtbarer werden. Das neue Video zeigt, dass der jihadistische Wettbewerb im Tschadsee-Raum nicht eingefroren ist. Er wird neu aufgeladen, ideologisch zugespitzt und territorial ausgetragen. Für die Region bedeutet das vor allem eines: Der Druck durch bewaffnete Gruppen bleibt nicht nur bestehen, sondern kann sich in mehrere Richtungen zugleich verschärfen.

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