Wer wird der nächste UN-Generalsekretär?

Die Präsidentin der 80. Sitzung der UN-Generalversammlung, Annalena Baerbock, hat die Mitgliedstaaten der Vereinte Nationen dazu aufgerufen, weitere Kandidatinnen und Kandidaten für das Amt des nächsten UN-Generalsekretärs zu nominieren. Bis Mitte Januar 2026 ist offiziell nur ein Bewerber bekannt. Baerbock warnte, ein Auswahlverfahren ohne Wettbewerb könne die politische Tragfähigkeit der Entscheidung beeinträchtigen. Die Wahl des Generalsekretärs zählt zu den zentralen Weichenstellungen der laufenden UN-Generalversammlung.

Auswahlverfahren für den UN-Generalsekretär offiziell gestartet

Das formelle Auswahlverfahren für die Amtszeit 2027 bis 2031 wurde am 25. November 2025 eingeleitet. In einem gemeinsamen Schreiben der Präsidenten der Generalversammlung und des Sicherheitsrats wurden die Regierungen der Mitgliedstaaten aufgefordert, frühzeitig Kandidaturen einzureichen. In dem Schreiben wird ausdrücklich angeregt, Frauen für das höchste Amt der Vereinten Nationen zu berücksichtigen.

Trotz dieses Appells ist die Zahl der formell benannten Kandidaten bislang gering. Nach Angaben aus dem Umfeld der Generalversammlung liegt derzeit nur eine offizielle Nominierung vor. Weitere Namen werden zwar in diplomatischen Kreisen und auf Plattformen zivilgesellschaftlicher Beobachter diskutiert, entsprechende Unterlagen sind jedoch bisher nicht eingereicht worden.

Baerbock fordert offene Debatte und Auswahl

Bei einem Gespräch mit Journalistinnen und Journalisten am UN-Hauptsitz in New York am 14. Januar 2026 machte Baerbock deutlich, dass ein Verfahren mit nur einem Kandidaten den Anspruch der Organisation unterlaufe. „Wenn wir nur einen Kandidaten haben, wird es offensichtlich nicht viele Diskussionen geben“, sagte sie mit Blick auf die öffentlichen Anhörungen der Generalversammlung.

Baerbock unterstrich, dass die Entscheidung über den künftigen Generalsekretär über eine Personalfrage hinausgehe. Die Wahl sei Ausdruck dessen, wofür die Vereinten Nationen stünden und welche Rolle sie in einer Phase globaler Krisen einnehmen wollten.

Öffentliche Anhörungen ab April 2026 geplant

Ein zentrales Element des Auswahlverfahrens sind öffentliche interaktive Dialoge mit den Kandidatinnen und Kandidaten. Diese sollen ab der Woche des 20. April 2026 stattfinden und live im Internet übertragen werden. Die Bewerber erhalten Gelegenheit, ihre politischen Leitlinien vorzustellen und Fragen der Mitgliedstaaten zu beantworten. Auch Vertreter der Zivilgesellschaft sollen an den Anhörungen beteiligt werden.

Voraussetzung für die Teilnahme ist die fristgerechte Einreichung der Nominierung. Baerbock erklärte, dass entsprechende Vorschläge spätestens bis zum 1. April 2026 beim Büro der Präsidentin der Generalversammlung vorliegen müssen. Weitere Details zum Ablauf der Dialoge sollen in den kommenden Wochen bekannt gegeben werden.

Rafael Mariano Grossi bislang einziger offizieller Kandidat

Derzeit ist Rafael Mariano Grossi der einzige öffentlich bekannte Kandidat. Der Argentinier ist amtierender Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation. Seine Kandidatur wird vom argentinischen Außenministerium unterstützt, obwohl die Regierung von Präsident Javier Milei zentrale Programme der Vereinten Nationen wie die Nachhaltigkeitsziele ablehnt und sich gegen den sogenannten Pakt für die Zukunft ausgesprochen hat.

Grossi hat eine Vermögenserklärung eingereicht, wie es eine Empfehlung der Generalversammlung vorsieht. Angaben zur Finanzierung seiner Kandidatur machte er jedoch nicht. In einem Schreiben erklärte er, Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Auswahlprozess aus eigenen finanziellen Mitteln zu bestreiten. Auf eine Anfrage zur Abgrenzung zwischen seinen Aufgaben bei der Atomenergie-Organisation und seiner Kandidatur für das Amt des UN-Generalsekretärs reagierte er nicht.

Diskussion über parallele Amtsausübung

Ein weiterer Aspekt der Debatte ist Grossis Entscheidung, während seiner Kandidatur im Amt des IAEA-Generaldirektors zu verbleiben. Die Generalversammlung hatte Kandidaten gebeten, zu prüfen, ob sie ihre derzeitigen Funktionen ruhen lassen. Grossi erklärte, er habe diese Frage ernsthaft geprüft, sehe jedoch aufgrund der Verantwortung seines Amtes keine Möglichkeit, seine Arbeit niederzulegen. Den Gouverneursrat der Atomenergie-Organisation habe er darüber informiert.

Weitere mögliche Kandidaturen aus Lateinamerika

Neben Grossi werden weitere Persönlichkeiten aus Lateinamerika als mögliche Bewerber genannt. Der chilenische Präsident Gabriel Boric kündigte an, die frühere Präsidentin seines Landes und ehemalige UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Michelle Bachelet offiziell zu nominieren. Die innenpolitische Lage in Chile ist jedoch im Umbruch, da im März 2026 ein Regierungswechsel ansteht. Boric erklärte dennoch, die Nominierung unabhängig vom Ausgang der Wahl als staatliche Entscheidung zu formalisieren.

Auch Costa Rica hat angekündigt, die frühere Vizepräsidentin Rebeca Grynspan zu unterstützen, die derzeit die UN-Handels- und Entwicklungsorganisation in Genf leitet. Die formellen Unterlagen sind bislang jedoch nicht beim Büro der Präsidentin der Generalversammlung eingereicht worden.

Wahl des Generalsekretärs im Kontext globaler Krisen

In einer Rede vor der Generalversammlung ordnete Baerbock das Auswahlverfahren in eine Phase zunehmender Belastungen für das multilaterale System ein. Sie verwies auf die Kriege im Gazastreifen, im Sudan und in der Ukraine sowie auf wachsende Spannungen in Fragen der Menschenrechte, des Klimaschutzes und der internationalen Rechtsordnung. Das multilaterale System stehe nicht nur unter Druck, sondern werde in Teilen offen infrage gestellt.

Die Entscheidung über die nächste Führung der Vereinten Nationen fällt zudem in eine Phase institutioneller Reformdebatten und finanzieller Engpässe, die unter anderem durch ausstehende Pflichtbeiträge einzelner Mitgliedstaaten verschärft werden. Die Wahl des Generalsekretärs zählt damit zu den politisch folgenreichsten Entscheidungen der 80. Sitzungsperiode der UN-Generalversammlung. Wie PassBlue berichtet, ist bislang offen, ob in den kommenden Wochen weitere offizielle Nominierungen erfolgen.

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