UN-Generalsekretär Guterres warnt vor globalem Chaos

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, hat vor der Generalversammlung der Vereinte Nationen eindringlich vor einer Welt im Zustand zunehmender Unordnung gewarnt. In seiner Rede vom 15. Januar 2026 sprach er von einer internationalen Ordnung, die unter beispiellosem Druck stehe. Kriege, Straflosigkeit, wachsende Ungleichheit, Klimakrise und die Erosion des Völkerrechts prägten das globale Umfeld. Die Ansprache verstand Guterres zugleich als Lagebeschreibung und als persönliche Verpflichtung für sein letztes Amtsjahr.

„Der Kontext ist Chaos“

Guterres beschrieb die internationale Lage als geprägt von Konflikten, Unberechenbarkeit und tiefen geopolitischen Spaltungen. Multilateralismus werde genau in dem Moment infrage gestellt, in dem internationale Zusammenarbeit am dringendsten gebraucht werde. Trotz drastischer Kürzungen in der Entwicklungs und humanitären Finanzierung betonte der UN-Generalsekretär, die Vereinten Nationen würden ihre Rolle nicht aufgeben.

Er verwies auf die anhaltenden Bemühungen der Organisation in Konflikten wie im Gazastreifen, in der Ukraine, im Sudan oder im Jemen. Zugleich machte er deutlich, dass das bloße Schweigen der Waffen nicht ausreiche. Frieden sei mehr als die Abwesenheit von Krieg und könne ohne Entwicklung, funktionierende Institutionen und soziale Gerechtigkeit nicht dauerhaft sein.

Drei Leitprinzipien für die Vereinten Nationen

Statt eines klassischen Maßnahmenkatalogs stellte Guterres drei übergeordnete Prinzipien vor, die nach seiner Darstellung das Handeln der Vereinten Nationen und ihrer Mitgliedstaaten leiten müssen.

Erstens forderte er die uneingeschränkte Achtung der UN Charta. Völkerrecht, Schutz der Zivilbevölkerung, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit dürften nicht selektiv angewandt werden. Die Verletzung internationaler Normen geschehe offen und sichtbar, etwa durch Angriffe auf Zivilisten, humanitäre Helfer oder durch verfassungswidrige Machtübernahmen.

Zweitens stellte er das Konzept von Frieden mit Gerechtigkeit in den Mittelpunkt. Dieses umfasse sowohl Frieden zwischen Staaten als auch Frieden mit der Natur. Armut, Ungleichheit und fehlende Entwicklung seien zentrale Konflikttreiber, insbesondere in fragilen Regionen.

Drittens betonte er die Notwendigkeit von Einheit in einer Zeit wachsender Spaltung. Rassismus, Ausgrenzung, Desinformation und soziale Ungleichheit gefährdeten den gesellschaftlichen Zusammenhalt weltweit.

Afrika im Fokus globaler Spannungen

In seiner Rede verwies Guterres mehrfach auf Regionen, in denen sich globale Krisen besonders zuspitzen. Afrika spielte dabei eine zentrale Rolle. Konflikte im Sudan, in der Demokratischen Republik Kongo, im Sahel oder in Teilen Ostafrikas nannte er als Beispiele für anhaltende Gewalt, die eng mit Entwicklungsdefiziten, schwachen Institutionen und externer Einflussnahme verbunden seien.

Er hob hervor, dass neun der zehn Länder mit den niedrigsten Werten im Index der menschlichen Entwicklung derzeit von bewaffneten Konflikten betroffen seien. Ein Großteil davon liege auf dem afrikanischen Kontinent. Nachhaltiger Frieden sei dort ohne wirtschaftliche Perspektiven, Schulbildung, Ernährungssicherheit und funktionierende staatliche Strukturen nicht erreichbar.

Entwicklung als Voraussetzung für Stabilität

Der UN Generalsekretär stellte einen direkten Zusammenhang zwischen Entwicklungsfinanzierung und globaler Sicherheit her. Zehn Jahre nach Verabschiedung der Ziele für nachhaltige Entwicklung seien rund zwei Drittel der Zielvorgaben nicht auf Kurs. Entwicklungsländer stünden vor massiven Finanzierungslücken, hoher Verschuldung und eingeschränktem fiskalischem Handlungsspielraum.

Guterres sprach von einer jährlichen Finanzierungslücke von mehr als vier Billionen US Dollar, die notwendig wären, um die Entwicklungsziele bis 2030 zu erreichen. Gerade afrikanische Staaten seien hiervon besonders betroffen. Ohne Reformen der internationalen Finanzarchitektur drohten weitere Instabilität und neue Konflikte.

Kritik an globaler Ungleichheit und Machtkonzentration

Deutlich äußerte sich Guterres zur zunehmenden Konzentration von Reichtum und Macht. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung halte mittlerweile 43 Prozent der globalen Finanzvermögen. Diese Entwicklung bezeichnete er als moralisch nicht vertretbar und als Gefahr für demokratische Institutionen und internationale Zusammenarbeit.

Auch neue Technologien wie künstliche Intelligenz nahm er in den Blick. Algorithmen, die öffentliche Debatten, Wahlen und Informationsflüsse beeinflussen, dürften nicht von wenigen Konzernen kontrolliert werden. Technologie müsse der Menschheit dienen und nicht umgekehrt.

Klimakrise als Sicherheitsfrage

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Klimapolitik. Guterres warnte, dass eine Welt im Klimachaos keine friedliche Welt sein könne. Klimawandel wirke als Multiplikator für Konflikte, verschärfe Kämpfe um Land, Wasser und Nahrung und zwinge Millionen Menschen zur Flucht.

Ein zeitweises Überschreiten der 1,5 Grad Grenze sei inzwischen kaum noch zu vermeiden, aber nicht irreversibel. Er forderte schnellere Emissionssenkungen, einen gerechten Ausstieg aus fossilen Energien und deutlich mehr Klimafinanzierung für besonders betroffene Länder, darunter viele Staaten Afrikas.

Reform globaler Institutionen

Abschließend unterstrich Guterres die Notwendigkeit tiefgreifender Reformen internationaler Institutionen. Strukturen aus dem Jahr 1945 seien nicht geeignet, die Probleme des Jahres 2026 zu lösen. Dies gelte insbesondere für internationale Finanzinstitutionen und den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.

Wenn globale Institutionen die heutige Welt nicht widerspiegelten, drohe ihnen der Verlust an Legitimität. Reformen lägen auch im Interesse jener Staaten, die derzeit über den größten Einfluss verfügten.

Guterres betonte zum Abschluss, dass er in seinem letzten Amtsjahr jede Möglichkeit nutzen werde, um für Frieden, Gerechtigkeit und eine handlungsfähige multilaterale Ordnung einzutreten.

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