Nigeria: Gewalt verschärft humanitäre Krise jenseits religiöser Konfliktlinien

In Nigeria hat die anhaltende Gewalt eine der größten humanitären Krisen Afrikas ausgelöst und reicht nach Angaben der Vereinten Nationen weit über religiöse oder regionale Konfliktlinien hinaus. Millionen Menschen sind landesweit vertrieben, während bewaffnete Gruppen, Banditentum und Ressourcenkonflikte ganze Regionen destabilisieren. Der humanitäre Koordinator der Vereinten Nationen warnt vor vereinfachenden Deutungen, die die Ursachen der Gewalt verzerren und gesellschaftliche Spannungen weiter verschärfen.

Sicherheitslage in ganz Nigeria unter Druck

„Sicherheit bleibt eine der größten Herausforderungen Nigerias. Man kann sie längst nicht mehr mit einer einzelnen Region in Verbindung bringen. Sie ist fast überall“, sagte Mohamed Malik Fall, UN-Resident- und humanitärer Koordinator in Nigeria, in einem Interview mit UN News. Gewalt und Unsicherheit prägten inzwischen nahezu alle Landesteile des bevölkerungsreichsten Staates Afrikas.

Ursprünglich begann die Krise 2009 im Nordosten mit dem Aufstand der jihadistischen Gruppe Boko Haram, später ergänzt durch Abspaltungen wie den sogenannten Islamischen Staat in Westafrika. In den vergangenen Jahren habe sich der Konflikt jedoch stark ausgeweitet und strukturell verändert.

Langzeitfolgen der Aufstandsbewegungen im Nordosten

Im Nordosten Nigerias sind nach UN-Angaben weiterhin mehr als zwei Millionen Menschen binnenvertrieben, viele von ihnen seit Jahren. „Eine ganze Generation ist in Vertriebenenlagern aufgewachsen und kennt nichts anderes“, erklärte Fall.

Seit Beginn der Aufstände wurden mehr als 40.000 Menschen getötet, tausende Schulen und Gesundheitseinrichtungen zerstört und große landwirtschaftliche Flächen unzugänglich gemacht. Besonders gravierend seien jedoch die wirtschaftlichen und sozialen Folgen. „Die Menschen sind von jeder wirtschaftlichen Tätigkeit abgeschnitten. Ihnen wird die Möglichkeit genommen, von ihrer Arbeit zu leben und ihre Würde zu bewahren“, sagte Fall.

Banditentum und Landkonflikte verschärfen Lage

Parallel zur Entwicklung im Nordosten hat sich die Gewalt im Nordwesten ausgeweitet. In Bundesstaaten wie Zamfara, Katsina und Sokoto kontrollieren bewaffnete kriminelle Gruppen ländliche Gebiete, verüben Massenentführungen und erpressen die Bevölkerung. Ganze Dörfer wurden aufgegeben, rund eine Million Menschen sind dort inzwischen vertrieben.

Im sogenannten Middle Belt führen Konflikte zwischen Bauern und Viehhirten um Land und Ressourcen zu neuer Gewalt. Klimawandel, Umweltzerstörung und Bevölkerungsdruck verschärfen diese Auseinandersetzungen zusätzlich. In anderen Regionen destabilisieren separatistische Bewegungen sowie Angriffe im Umfeld der Ölproduktion lokale Gemeinschaften.

Insgesamt leben in Nigeria nach Schätzungen der Vereinten Nationen rund 3,5 Millionen Binnenvertriebene, was nahezu zehn Prozent aller Binnenvertriebenen in Afrika entspricht.

Religiöse Deutungen und internationale Reaktionen

Jüngste Angriffe auf Kirchen und christliche Bildungseinrichtungen haben international Aufmerksamkeit erregt. Im Januar wurden im Bundesstaat Kaduna mehr als 160 Gläubige während eines Gottesdienstes entführt. Zuvor waren Dörfer im Nordwesten angegriffen worden, bei denen Dutzende Menschen starben. Auch Studierende nahe einer katholischen Schule in Papiri wurden erneut Ziel von Attacken.

Diese Ereignisse weckten Erinnerungen an die Entführung von 276 Schülerinnen aus Chibok im Jahr 2014 durch Boko Haram. Unter Verweis auf den Schutz christlicher Gemeinden ordnete die US-Regierung an Weihnachten Luftangriffe auf jihadistische Stellungen im Norden Nigerias an. In Washington wird seither teilweise von einem „christlichen Genozid“ gesprochen.

Die Vereinten Nationen weisen diese Einordnung zurück. „Diese Gewalt einer gezielten Verfolgung einer religiösen Gruppe zuzuschreiben, würde ich nicht tun“, sagte Fall. „Die große Mehrheit der mehr als 40.000 Getöteten sind Muslime. Sie wurden in Moscheen angegriffen und getötet.“

Er verwies auf einen Anschlag in Maiduguri an Heiligabend, der sich in einem Gebiet „zwischen einer Moschee und einem Markt“ ereignete und muslimische Gläubige traf. „Unsicherheit betrifft alle, unabhängig von Religion oder Ethnie“, so Fall.

Humanitäre Notlage in Millionenhöhe

Hinter der Sicherheitskrise verbirgt sich eine massive humanitäre Notlage. Allein im Nordosten benötigen nach UN-Zahlen 7,2 Millionen Menschen humanitäre Hilfe, fast sechs Millionen davon in schwerer oder kritischer Lage.

Ernährungsunsicherheit gilt als zentrales Risiko. Hilfsorganisationen rechnen damit, dass in den kommenden Monaten bis zu 36 Millionen Menschen in Nigeria von unterschiedlichen Graden der Nahrungsmittelknappheit betroffen sein könnten. Mehr als 3,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind akut von Mangelernährung bedroht.

„Die Folgen sind nicht nur kurzfristig“, sagte Fall. „Mangelernährung beeinträchtigt die kognitive Entwicklung, Bildungschancen und wirkt sich bis ins Erwachsenenalter aus.“ Zusätzlich verschärfen Dürren, Überschwemmungen, Cholera- und Meningitisausbrüche sowie ein fragiles Gesundheitssystem die Situation.

Rückgang internationaler Hilfe

Trotz des Ausmaßes der Krise sinkt die internationale Finanzierung deutlich. „Vor einigen Jahren wurden für Nigerias humanitären Plan jährlich fast eine Milliarde US-Dollar mobilisiert“, erklärte Fall. „2024 waren es 585 Millionen, im vergangenen Jahr kaum noch 262 Millionen. Für dieses Jahr ist nicht einmal sicher, ob 200 Millionen erreicht werden.“

Nach UN-Angaben hat sich die Aufmerksamkeit vieler Geber auf andere Krisen verlagert, darunter die Kriege in der Ukraine und im Sudan.

Verantwortung des Staates und internationale Erwartungen

Die Lage Nigerias verdeutlicht aus Sicht der Vereinten Nationen ein strukturelles Paradox. „Nigeria ist nicht Sudan. Es ist nicht Somalia. Es ist nicht Südsudan“, sagte Fall. „Es ist ein Land mit Ressourcen. Die Hauptverantwortung für die humanitäre Versorgung liegt bei der Regierung.“

Gleichzeitig appelliert die UN an internationale Partner, sich nicht aus der Unterstützung zurückzuziehen. „Niemand möchte von Hilfe abhängig sein“, betonte Fall. „Die Menschen wollen Zugang zu wirtschaftlichen Chancen, nicht dauerhaft auf Unterstützung angewiesen bleiben.“

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