Köln hat im sogenannten Afrikaviertel eine nach dem deutschen Kolonialpolitiker Gustav Nachtigal benannte Straße in Manga-Bell-Straße umbenannt und erinnert damit künftig an den kamerunischen Widerstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft. Die offizielle Zeremonie fand am 24. September im Stadtbezirk Nippes statt. Rudolf Duala Manga Bell war 1914 von der deutschen Kolonialverwaltung in Kamerun wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet worden, nachdem er sich gegen Enteignungen und Vertreibungen der Duala gestellt hatte. Die Umbenennung entwickelt sich zugleich zu einem neuen Bezugspunkt der deutsch-kamerunischen Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Kolonialgeschichte.
Die bisherige Gustav-Nachtigal-Straße erinnerte an einen der zentralen Akteure der frühen deutschen Kolonialpolitik in Afrika. Nachtigal war als Reichskommissar für Westafrika an der Errichtung deutscher Kolonialherrschaft beteiligt. Nun trägt die Straße den Namen eines Mannes, der gegen eben diese Herrschaft Widerstand leistete.
Rudolf Duala Manga Bell wurde 1914 von Deutschland hingerichtet
Rudolf Duala Manga Bell gehörte zur politischen Führung der Duala im damaligen Deutsch-Kamerun. Sein Konflikt mit der Kolonialverwaltung verschärfte sich im Zusammenhang mit Plänen, die Duala aus ihren angestammten Siedlungsgebieten in Duala zu verdrängen und Land für europäische Nutzung umzustrukturieren.
Manga Bell wandte sich gegen diese Politik und versuchte, seine Position auch auf rechtlichem und politischem Weg gegenüber der deutschen Verwaltung durchzusetzen.
Die Kolonialbehörden warfen ihm schließlich Hochverrat vor. Im August 1914 wurden Rudolf Duala Manga Bell und Adolf Ngoso Din von der deutschen Kolonialmacht hingerichtet.
Auch Emily Engome Dayas, die Ehefrau Manga Bells, spielte in dieser Geschichte eine eigene Rolle. Sie setzte sich nach seinem Tod bis zu ihrem Tod 1936 weiter gegen koloniale Herrschaft ein.
Gustav Nachtigal verschwindet aus dem Kölner Straßenbild
Mit der Umbenennung verschwindet der Name Gustav Nachtigals aus diesem Teil des Kölner Straßenbildes.
Nachtigal lebte von 1834 bis 1885 und war zunächst Arzt und Afrikareisender. Später wurde er Reichskommissar für Westafrika und wirkte an der formellen Inbesitznahme afrikanischer Gebiete für das Deutsche Reich mit.
Der von der Stadt Köln eingesetzte Historische Beirat bewertete Nachtigal als Unterstützer und Förderer des deutschen Kolonialprojekts.
Die Bezirksvertretung Nippes hatte deshalb bereits 2024 grundsätzlich entschieden, die Straße umzubenennen. Nach einem Verfahren mit Namensvorschlägen fiel die Wahl schließlich auf Rudolf Duala Manga Bell. Der förmliche Beschluss erfolgte im September 2025.
Damit verändert Köln die historische Perspektive des Straßennamens grundlegend: An die Stelle eines Repräsentanten der deutschen Expansion in Afrika tritt ein Afrikaner, der sich der kolonialen Politik widersetzte und von der deutschen Verwaltung hingerichtet wurde.
Das Kölner Afrikaviertel ist selbst Teil der Kolonialgeschichte
Die Umbenennung betrifft zugleich einen größeren historischen Zusammenhang.
Das sogenannte Afrikaviertel in Köln-Nippes ist keine offizielle Stadtteilbezeichnung. Der Name hat sich wegen verschiedener Straßenbezeichnungen mit Afrika-Bezug eingebürgert. Dazu zählen unter anderem die Kamerunstraße, die Usambarastraße und die Namibiastraße.
Mehrere dieser Namen stehen in Verbindung mit der deutschen Kolonialgeschichte.
Das Deutsche Reich kontrollierte ab 1884 Kolonien in Afrika. Dazu gehörten Kamerun, Togo, Deutsch-Südwestafrika im heutigen Namibia sowie Deutsch-Ostafrika mit Gebieten der heutigen Staaten Tansania, Ruanda und Burundi.
Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Deutschland diese Kolonien. Die politische Forderung nach ihrer Rückgewinnung blieb jedoch insbesondere während der Weimarer Republik und später unter der nationalsozialistischen Herrschaft präsent.
Auch Straßenbenennungen wurden Teil dieser kolonialrevisionistischen Erinnerungspolitik.
Delegation aus Kamerun reist zur Umbenennung nach Köln
An der Zeremonie in Köln nahm eine größere kamerunische Delegation teil.
Zu ihr gehörte Jean-Yves Eboumbou Manga Bell, ein Nachfahre Rudolf Duala Manga Bells und heutiger traditioneller Vertreter des Kantons Bell. Ebenfalls anwesend waren traditionelle Autoritäten, Vertreter des kamerunischen Parlaments sowie Mitglieder der kamerunischen Gemeinschaft in Deutschland und anderen europäischen Ländern.
Für die Bundesregierung nahm Marcel Müller teil, der im Auswärtigen Amt für Zentralafrika zuständig ist.
Die kamerunische Botschaft in Deutschland wertete die Umbenennung als weiteren Schritt in der gemeinsamen Erinnerungsarbeit beider Länder.
Kameruns Botschafter Victor Ndocki verwies dabei darauf, dass die Geschichte Rudolf Duala Manga Bells Teil eines wesentlich breiteren Spektrums kamerunischer Reaktionen auf die deutsche Kolonialherrschaft gewesen sei.
Neben offenem Widerstand habe es Verhandlungen, Anpassungsstrategien und unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit mit der Kolonialverwaltung gegeben. Diese verschiedenen historischen Erfahrungen sollten nach Auffassung der Botschaft stärker wissenschaftlich untersucht und vermittelt werden.
Manga Bell wird auch in Berlin und anderen Städten erinnert
Köln steht mit der Ehrung nicht allein.
Auch in anderen deutschen Städten wurden in den vergangenen Jahren koloniale Straßennamen überprüft und Persönlichkeiten des afrikanischen Widerstands stärker in die öffentliche Erinnerung aufgenommen.
In Berlin wurde bereits ein Manga-Bell-Platz eingerichtet. Auch Initiativen in Ulm und Aalen beschäftigen sich mit der Geschichte Manga Bells und der deutschen Kolonialherrschaft in Kamerun.
Der Besuch von Jean-Yves Eboumbou Manga Bell in Nordrhein-Westfalen führte ihn außerdem in den Landtag.
Landtagsvizepräsidentin Berivan Aymaz sprach mit ihm über die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte und die heutigen Beziehungen zwischen Deutschland und Kamerun.

„Die deutsche Kolonialgeschichte wirkt bis heute nach“, erklärte Aymaz. Die Sichtbarkeit der kolonialen Vergangenheit im öffentlichen Raum sei Teil der Auseinandersetzung mit diesem Kapitel deutscher Geschichte.
In Kamerun löst Köln eine eigene Debatte aus
Die Kölner Entscheidung hat auch in Kamerun eine Debatte über den Umgang mit historischen Persönlichkeiten ausgelöst.
Der kamerunische Publizist und Jurist Shanda Tonme nahm die Umbenennung zum Anlass für einen offenen Brief an kommunale Mandatsträger sowie politische und gesellschaftliche Eliten des Landes.
Er kritisierte, dass Manga Bell und andere Persönlichkeiten des kamerunischen Widerstands im eigenen Land aus seiner Sicht nicht ausreichend im öffentlichen Raum gewürdigt würden.
Tonme verwies dabei auf ein kamerunisches Gesetz von 1991 zur Rehabilitierung von Persönlichkeiten der nationalen Geschichte und forderte Kommunen auf, Straßen, Plätze und öffentliche Orte stärker nach historischen Akteuren des Widerstands und der Unabhängigkeitsbewegung zu benennen.
Die Kölner Entscheidung erhält damit zwei unterschiedliche erinnerungspolitische Dimensionen: In Deutschland geht es um die Neubewertung kolonialer Ehrungen. In Kamerun richtet sich die Debatte stärker auf die Frage, welchen Platz Persönlichkeiten wie Manga Bell in der eigenen nationalen Erinnerung einnehmen.

