Beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Korps in Schloss Bellevue hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die deutsche Außenpolitik auf Fairness, Verlässlichkeit und internationale Zusammenarbeit ausgerichtet. In seiner Rede zeichnete er ein Bild einer internationalen Ordnung unter Druck und betonte die Bedeutung von Partnerschaften mit Staaten in Europa, Afrika, Asien und anderen Weltregionen. Deutschland, so Steinmeier, verstehe sich als gestaltender Akteur in einer konfliktreicheren, multipolaren Welt.
Neujahrsempfang als außenpolitische Standortbestimmung
Der Neujahrsempfang des Diplomatischen Korps am 13. Januar 2026 diente Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als Bühne für eine grundsätzliche außenpolitische Einordnung. Anders als frühere Jahre, die durch historische Jubiläen geprägt gewesen seien, stehe 2026 weniger unter dem Zeichen fester Gedenktage. Steinmeier griff stattdessen den antiken Begriff des „Kairos“ auf, den richtigen Moment des Handelns. Das Jahr definiere sich durch politische Entscheidungen und durch die Bereitschaft, internationale Gestaltungsspielräume gemeinsam zu nutzen.
Erosion der internationalen Ordnung
In seiner Rede beschrieb der Bundespräsident einen tiefgreifenden Wandel der Weltpolitik. Die internationale Ordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf Völkerrecht, multilateralen Institutionen und Kooperation aufgebaut worden sei, stehe zunehmend unter Druck. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine habe die europäische Sicherheitsarchitektur nachhaltig erschüttert. Zugleich entfernten sich auch andere Staaten, darunter enge Partner, von etablierten Regeln und Verfahren internationaler Zusammenarbeit.
In einer Zeit, in der autoritäre Stimmen lauter werden und nationale Egoismen zunehmen, „geht es nicht darum, die Welt in Freund und Feind einzuteilen, sondern darum, handlungsfähig zu bleiben – und zwar gemeinsam.“ pic.twitter.com/ahfjhyFlJ6
— Cerstin Gammelin (@BPrSprecherin) January 13, 2026
Steinmeier sprach von einer wachsenden Rücksichtslosigkeit in den internationalen Beziehungen. Autoritäre Politikstile gewännen an Einfluss, Kompromissbereitschaft weiche zunehmend Konfrontation. Das Völkerrecht werde in unterschiedlichen Weltregionen infrage gestellt, multilaterale Institutionen geschwächt und Machtpolitik trete wieder stärker in den Vordergrund.
Grundsätze deutscher Außenpolitik
Vor diesem Hintergrund bekräftigte der Bundespräsident die außenpolitischen Leitlinien Deutschlands. Die Achtung von Souveränität und territorialer Integrität aller Staaten bleibe der Maßstab deutschen Handelns. Diese Prinzipien seien nicht nur Teil der Charta der Vereinten Nationen, sondern auch Grundlage europäischer und transatlantischer Sicherheitsstrukturen. Deutschland werde daher die Ukraine weiterhin unterstützen und lehne zugleich Versuche ab, Grenzen aus sicherheitspolitischen oder wirtschaftlichen Motiven infrage zu stellen. Dies gelte ausdrücklich auch für die Arktis, wo Sicherheitsinteressen keine Rechtfertigung für territoriale Ansprüche darstellten.
Bundespräsident will Kooperation statt nationaler Abschottung

Steinmeier wandte sich gegen einen wachsenden nationalen Egoismus in der internationalen Politik. Deutschland setze stattdessen auf Planbarkeit, Zuverlässigkeit und Vertrauen. Partnerländern werde ein Angebot zur Zusammenarbeit gemacht, das auf gemeinsamen Interessen und langfristigen Perspektiven beruhe. Der Bundespräsident sprach in diesem Zusammenhang von „Zukunftspartnerschaften“, die nicht auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zielten, sondern auf größtmögliche gemeinsame Gestaltungsspielräume.
Diese Haltung präge die deutschen Beziehungen zu Staaten in allen Weltregionen. Steinmeier verwies auf seine zahlreichen Auslandsreisen im vergangenen Jahr, darunter Aufenthalte in Ländern Afrikas. Auch 2026 seien weitere Reisen geplant, um politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Kooperationen zu vertiefen.
Afrika im Kontext globaler Herausforderungen
Afrika nahm in der Rede keinen isolierten, sondern einen eingebetteten Platz innerhalb der deutschen Außenpolitik ein. Der Bundespräsident betonte, dass globale Herausforderungen wie Klimawandel, Migration, Sicherheit, wirtschaftliche Stabilität und resiliente Lieferketten nur gemeinsam bewältigt werden könnten. Afrikanische Staaten seien dabei unverzichtbare Partner, sowohl in multilateralen Foren als auch in bilateralen Beziehungen.
Deutschland strebe keine Einteilung der Welt in Freund und Feind an, sondern wolle handlungsfähig bleiben und Kooperation dort ausbauen, wo tragfähige Lösungen möglich seien. Unterschiede in Interessen und politischen Systemen seien dabei Realität, schlossen Zusammenarbeit jedoch nicht aus.
Europa als Voraussetzung internationaler Handlungsfähigkeit
Ein weiterer Schwerpunkt der Rede lag auf der Rolle Europas. Steinmeier unterstrich, dass internationale Handlungsfähigkeit nur mit einem innerlich geeinten Europa möglich sei. Gemeint sei ein Europa, das souverän, aber nicht abgeschottet auftrete, offen für Partnerschaften bleibe und zugleich eigene Interessen selbstbewusst vertrete. Diese europäische Geschlossenheit sei Voraussetzung dafür, globale Verantwortung zu übernehmen.
Diplomatie als dauerhafte Aufgabe

Der Bundespräsident verwies zudem auf das Engagement Deutschlands in den Vereinten Nationen. Die erneute deutsche Kandidatur für einen nichtständigen Sitz im Sicherheitsrat für die Jahre 2027 und 2028 sei Ausdruck des Anspruchs, für Diplomatie, multilaterale Lösungen und die Stärkung des Völkerrechts einzutreten. Deutschland verstehe sich dabei als Stimme für Kooperation statt Konfrontation.
Abschließend betonte Steinmeier die Bedeutung persönlicher Begegnungen und diplomatischer Netzwerke. Auch institutionelle Veränderungen, wie der bevorstehende Umzug des Amtssitzes, änderten nichts daran, dass Diplomatie und Außenpolitik einen festen Platz beim Bundespräsidenten behielten. Orte und Jahre erhielten ihre Bedeutung durch politisches Handeln und durch die Bereitschaft, den richtigen Moment zu nutzen.