Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat am Mittwoch in Kairo seinen türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdoğan empfangen. Beide Staatschefs leiteten gemeinsam die zweite Sitzung des Hochrangigen Rates für strategische Zusammenarbeit zwischen Ägypten und der Türkei. Im Anschluss unterzeichneten sie eine gemeinsame Erklärung sowie mehrere Abkommen und Absichtserklärungen in den Bereichen Verteidigung, Handel und Investitionen, Gesundheit, Landwirtschaft, soziale Entwicklung, Jugend und Sport.
Bilaterale Gespräche und institutioneller Rahmen
Vor der Sitzung des Kooperationsrates führten Al-Sisi und Erdoğan ein vertrauliches Gespräch. Dabei bewerteten sie den Stand der bilateralen Beziehungen und erörterten Möglichkeiten zur Vertiefung der Zusammenarbeit, insbesondere im Handel und bei Investitionen. Zudem tauschten sie sich zu regionalen Entwicklungen aus, darunter die Lage im Gazastreifen, im Nahen Osten insgesamt sowie in Sudan, Somalia und am Horn von Afrika.

Beide Präsidenten unterzeichneten anschließend die gemeinsame Erklärung des Kooperationsrates und nahmen an der Unterzeichnung mehrerer sektoraler Abkommen teil. Diese betreffen unter anderem militärische Zusammenarbeit, Arzneimittel und medizinische Versorgung, Pflanzenschutz und Veterinärwesen.
Handel und Investitionen im Fokus
Al-Sisi erklärte auf der gemeinsamen Pressekonferenz, die Gespräche seien konstruktiv verlaufen und hätten sich auf die Zukunft der bilateralen Kooperation konzentriert. Er verwies darauf, dass der Besuch an die Feierlichkeiten zum hundertjährigen Bestehen der diplomatischen Beziehungen im vergangenen Jahr anknüpfe. Seit der ersten Sitzung des Kooperationsrates im September 2024 in Ankara habe sich die Zusammenarbeit positiv entwickelt. Auch die Ergebnisse der ersten Sitzung der Gemeinsamen Planungsgruppe im November 2025 seien bewertet worden.

Nach Angaben des Präsidenten beläuft sich das bilaterale Handelsvolumen derzeit auf rund neun Milliarden US-Dollar. Ägypten ist damit der wichtigste Handelspartner der Türkei in Afrika, während die Türkei zu den bedeutendsten Absatzmärkten für ägyptische Exporte zählt. Beide Seiten vereinbarten, den Warenaustausch auf 15 Milliarden US-Dollar zu steigern, bestehende Hemmnisse abzubauen und Investitionen auszuweiten. Der parallel abgehaltene ägyptisch-türkische Wirtschaftsforum mit starker Beteiligung von Unternehmen und Investoren soll diese Ziele unterstützen.
Regionale Krisen und politische Abstimmung
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf regionalen Konflikten. Al-Sisi betonte, die zunehmende Instabilität im Nahen Osten mache deutlich, dass Sicherheit und Stabilität eine gemeinsame Verantwortung seien. Politische Lösungen müssten an den Ursachen ansetzen, staatliche Institutionen stärken und eine Einmischung in innere Angelegenheiten ablehnen.
Zum Gazastreifen erklärten beide Präsidenten, die vollständige Umsetzung des Waffenstillstands, der humanitäre Zugang und die Verhinderung einer erneuten Eskalation seien zentral. Al-Sisi bekräftigte die gemeinsame Ablehnung einer Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung und unterstrich, dass ein unabhängiger palästinensischer Staat in den Grenzen vom 4. Juni 1967 mit Ostjerusalem als Hauptstadt der einzige Weg zu dauerhaftem Frieden sei. Erdoğan verwies auf die anhaltende humanitäre Lage und dankte Ägypten für die Unterstützung bei der Lieferung türkischer Hilfsgüter nach Gaza.
Sudan, Libyen und Horn von Afrika
Sudan nahm in den Gesprächen breiten Raum ein. Beide Seiten sprachen sich für eine humanitäre Waffenruhe als Schritt hin zu einem umfassenden Waffenstillstand und einem inklusiven politischen Prozess aus, bei gleichzeitiger Wahrung staatlicher Institutionen. Al-Sisi verwies auf diplomatische Bemühungen Ägyptens zur Wahrung der Einheit und territorialen Integrität Sudans.
Auch Libyen war Thema. Al-Sisi erneuerte die Unterstützung für einen UN-geführten politischen Prozess, eine libysch geführte Lösung, gleichzeitige Präsidentschafts- und Parlamentswahlen sowie den Abzug aller ausländischen Kräfte und Söldner.
Wirtschaftsdaten und Investitionsumfeld
Nach Angaben der ägyptischen Statistikbehörde CAPMAS erreichte der bilaterale Handel im Jahr 2025 rund 6,8 Milliarden US-Dollar nach 6,6 Milliarden im Vorjahr. Ägyptische Exporte in die Türkei beliefen sich auf 3,2 Milliarden US-Dollar, während Importe aus der Türkei 3,6 Milliarden US-Dollar erreichten. Zu den wichtigsten ägyptischen Exporten zählten Bekleidung, Kunststoffe, elektrische Maschinen, Eisen und Stahl sowie Düngemittel. Auf der Importseite dominierten Mineralöle, elektrische Maschinen, Eisen- und Stahlprodukte, Baumwolle sowie Fahrzeuge.

Türkische Direktinvestitionen in Ägypten stiegen im Haushaltsjahr 2024/2025 auf 175,1 Millionen US-Dollar, während ägyptische Investitionen in der Türkei 74 Millionen US-Dollar erreichten. Auch die Rücküberweisungen von Arbeitskräften in beide Richtungen nahmen deutlich zu.
Wirtschaftsforum und Investitionsperspektiven
Im Rahmen des Besuchs fand das ägyptisch-türkische Wirtschaftsforum unter dem Motto „Economic Opportunities for a Strategic Partnership“ statt. Rund 400 Unternehmen aus beiden Ländern nahmen teil. Vertreter der ägyptischen Investitionsbehörde GAFI hoben das stabile Investitionsumfeld, umfassende Reformen, digitale Verfahren und den Zugang zu europäischen, afrikanischen und nahöstlichen Märkten hervor. Die geografische Lage und wirtschaftliche Komplementarität beider Länder böten Potenzial für industrielle und technologische Integration.

Vertreter der ägyptischen Wirtschaft betonten, das Forum eröffne konkrete Chancen für neue Partnerschaften und eine Ausweitung des Handels. Erwartet wird eine stärkere Präsenz türkischer Produkte in Ägypten sowie ägyptischer Waren auf dem türkischen Markt.