Mindestens 73 Tote bei Drohnenangriff in Abyei – Südsudan bestellt sudanesischen Botschafter ein

Mindestens 73 Tote auf einem Markt in der umstrittenen Grenzregion Abyei: Südsudan beschuldigt die sudanesische Armee eines Drohnenangriffs und bestellt deren Botschafter ein. Die Attacke trifft eine Region, in der erst wenige Wochen zuvor schwere Gewalt ausgebrochen war.

Bei einem Drohnenangriff auf einen Markt in der zwischen Sudan und Südsudan umstrittenen Region Abyei sind nach Angaben örtlicher Behörden mindestens 73 Menschen getötet worden. Der Angriff ereignete sich am Montag, 19. Oktober 2026, gegen 11.30 Uhr. Die südsudanesische Regierung macht die sudanesischen Streitkräfte verantwortlich und hat den Botschafter des Nachbarlandes in Juba einbestellt. Unter den Opfern befinden sich Zivilisten aus beiden Staaten, während Ärzte ohne Grenzen mehr als 20 Verletzte behandelt und vor einer weiteren Gefährdung der Bevölkerung gewarnt hat.

Drohnen treffen belebten Markt nördlich von Abyei

Der Angriff traf den Amiet Common Market, einen wichtigen Handelsplatz etwa zehn Kilometer nördlich der Stadt Abyei. Nach Angaben des örtlichen Informationsministers Yohana Akol Ngor wurden mehrere Bereiche des Marktes getroffen, darunter das Zentrum, der südliche Abschnitt und der nördliche Eingang.

Besonders schwer betroffen war ein Bereich, in dem Treibstoff verkauft wurde. Durch die Explosionen brachen Brände aus, die sich auf Geschäfte und Marktstände ausbreiteten.

Ngor erklärte gegenüber dem südsudanesischen Sender Radio Tamazuj, dass zunächst 73 Todesopfer und 19 Verletzte registriert worden seien. Die Zahl der Todesopfer könne weiter steigen, weil Einsatzkräfte noch nach weiteren Leichen suchten.

Die Bergungsarbeiten wurden zeitweise durch Feuer und dichten Rauch behindert. Einige Opfer waren nach Angaben der lokalen Behörden so schwer verbrannt, dass eine Identifizierung zunächst nicht möglich war.

Unter den Getöteten befinden sich Menschen aus Sudan und Südsudan, überwiegend Händler. Ein sudanesischer Marktbesucher berichtete Radio Tamazuj, dass auch vier somalische Staatsangehörige zu den Todesopfern gehören sollen.

Über den Umfang des Angriffs liegen unterschiedliche Angaben vor. Der traditionelle Anführer der Ngok-Dinka-Gemeinschaft, Bulabek Deng Kuol, sprach von ungefähr zwölf Drohnenschlägen. Der Informationsminister berichtete dem Sender Eye Radio dagegen von etwa sieben abgefeuerten Geschossen.

Beide Angaben waren zunächst nicht unabhängig bestätigt.

Südsudan macht sudanesische Armee verantwortlich

Die Regierung in Juba reagierte mit einem diplomatischen Protest. Das Außenministerium bestellte Sudans Botschafter Isam Mohamed Hassan Karrar ein und übermittelte die Besorgnis der Regierung über die Folgen des Angriffs für die Zivilbevölkerung und die Stabilität in Abyei.

Das Ministerium verurteilte die Bombardierung und forderte Sudan auf, Handlungen zu unterlassen, die das Leben und Eigentum von Zivilisten gefährden.

Zugleich verlangte Juba Maßnahmen, um vergleichbare Angriffe zu verhindern. Streitfragen über Abyei müssten auf diplomatischem Weg und im Rahmen der bestehenden Dialogmechanismen gelöst werden.

Die örtliche Verwaltung wirft den sudanesischen Streitkräften vor, die Drohnen eingesetzt zu haben. Eine unabhängige Bestätigung für die Verantwortlichkeit lag zunächst nicht vor. Eine öffentliche Stellungnahme der sudanesischen Armee zu den Vorwürfen war ebenfalls nicht bekannt.

Verdacht auf Treibstoffversorgung der RSF-Miliz

Der Amiet-Markt ist ein bedeutender Handelsplatz für die Bevölkerungsgruppen der Ngok Dinka und Misseriya. Auch Menschen, die vor dem Krieg im Sudan geflohen sind, nutzen ihn für Handel und Versorgung.

Mehrere Quellen berichteten Radio Tamazuj, dass die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) den Markt zum Erwerb von Treibstoff für ihre Einheiten genutzt haben sollen.

Demnach soll Kraftstoff über den Handelsplatz an RSF-Kämpfer und verbündete Gruppen in sudanesischen Kriegsgebieten geliefert worden sein. Eine unabhängige Bestätigung dieser Angaben liegt nicht vor.

Auch ist bislang nicht geklärt, ob eine mögliche Treibstoffversorgung der RSF mit dem Drohnenangriff zusammenhängt. Eine Stellungnahme der Miliz war zunächst nicht erhältlich.

Im Sudan kämpfen die regulären Streitkräfte und die RSF seit April 2023 gegeneinander. Der Krieg hat große Teile des Landes verwüstet und Millionen Menschen zur Flucht gezwungen.

Die Kämpfe beeinträchtigen auch die Versorgung und den grenzüberschreitenden Handel in den Nachbarregionen.

Bereits im September 26 Tote bei Gewalt am selben Markt

Der Angriff traf einen Handelsplatz, an dem es erst wenige Wochen zuvor schwere Auseinandersetzungen gegeben hatte.

Mitte September waren bei gewaltsamen Konflikten zwischen Angehörigen der Ngok Dinka und Misseriya mindestens 26 Menschen getötet und 82 verletzt worden.

Der Markt blieb anschließend etwa zwei Wochen geschlossen.

Vertreter beider Gemeinschaften verständigten sich Ende September auf seine Wiedereröffnung. An den Gesprächen waren auch Angehörige der UN-Friedensmission für Abyei (UNISFA) beteiligt.

Die Vereinbarung sah vor, dass die Friedensmission, örtliche Polizeikräfte und Vertreter der Gemeinschaften gemeinsam für die Sicherheit des Marktes sorgen. Zudem sollten unbefugte bewaffnete Gruppen ferngehalten und Militärfahrzeuge sowie Waffen bis zum 10. Oktober aus dem Marktbereich entfernt werden.

Einzelne Fragen zur Organisation und Kontrolle des Handelsplatzes waren bei seiner Wiedereröffnung noch ungeklärt.

Sudan bekräftigte kurz zuvor Gebietsanspruch auf Abyei

Die Bombardierung erfolgte nur einen Tag nach einer erneuten öffentlichen Bekräftigung des sudanesischen Anspruchs auf Abyei.

Der neue Vorsitzende des gemeinsamen Überwachungsausschusses für die Region, Al-Khair Abdullah Idris Abu Muridat, erklärte am 17. Oktober in Khartum, dass Abyei aus Sicht Sudans weiterhin zum eigenen Staatsgebiet gehöre.

Gleichzeitig sprach er sich für eine friedliche Lösung des Konflikts mit Südsudan auf Grundlage der bestehenden Vereinbarungen aus.

Abu Muridat war bereits am 23. September vom Vorsitzenden des sudanesischen Souveränitätsrates, Abdel Fattah al-Burhan, ernannt worden.

Er forderte die UN-Friedensmission auf, die Bevölkerung zu schützen und ihr Mandat umzusetzen.

Streit um ölreiche Grenzregion seit 2011 ungelöst

Abyei gehört zu den umstrittenen Gebieten zwischen Sudan und Südsudan. Beide Staaten beanspruchen die ölreiche Region, deren politischer Status seit der südsudanesischen Unabhängigkeit im Jahr 2011 ungeklärt ist.

Das Friedensabkommen von 2005 sah ursprünglich eine Volksabstimmung vor, bei der die Einwohner entscheiden sollten, ob Abyei Teil Sudans bleiben oder sich dem später unabhängigen Südsudan anschließen würde.

Die Abstimmung fand jedoch nie statt.

Ein zentraler Streitpunkt ist die Frage, wer an einem solchen Referendum teilnehmen dürfte. Während die überwiegend sesshafte Ngok-Dinka-Bevölkerung enge Verbindungen zum Südsudan hat, ziehen Angehörige der Misseriya traditionell mit ihren Viehherden durch das Gebiet.

Insbesondere die Wahlberechtigung der Misseriya verhindert bislang eine Einigung.

Im Jahr 2011 vereinbarten die beiden Staaten vorläufige Verwaltungs- und Sicherheitsregelungen. Seither ist auch die UN-Friedensmission UNISFA in der Region stationiert.

Der endgültige politische Status Abyeis bleibt ungeklärt.

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