Die stark steigenden Verteidigungsausgaben sollen der deutschen Industrie neue Aufträge, Investitionen und Arbeitsplätze bringen. Doch wie weit kann der Rüstungsboom die angeschlagene Wirtschaft tatsächlich stützen? Eine am 15. September 2026 abgeschlossene Untersuchung der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages zeigt, dass zusätzliche Militärausgaben das deutsche Bruttoinlandsprodukt spürbar erhöhen könnten, andere Berechnungen jedoch kaum Wachstumseffekte erwarten lassen. Während Unternehmen neue Produktionsstätten eröffnen und bestehende Industriewerke übernehmen, fließt ein Teil der Milliardenaufträge ins Ausland.
Wie der wirtschaftliche Wandel aussehen kann, zeigt sich derzeit in Leipzig. Das amerikanische Rüstungsunternehmen Covenant hat dort eine Produktionshalle für weitreichende Marschflugkörper eröffnet. Ab 2027 sollen zunächst 1.000 Flugkörper jährlich gefertigt werden, im zweiten Jahr bereits 5.000.
Mehrere Hundert Arbeitsplätze sind geplant. Der Standort soll nach Angaben des Unternehmens zum weltweit größten Produktionszentrum von Covenant werden. Die sächsische Landesregierung begrüßt die Ansiedlung.
Parallel dazu schafft die Bundesregierung mit höheren Verteidigungsausgaben zusätzliche Nachfrage. Deutschland erweitert seine Rüstungskooperation mit den USA, während die Europäische Union Genehmigungsverfahren und regulatorische Vorgaben für die Verteidigungsindustrie vereinfachen will.
Bis zu 0,9 Prozent höhere Wirtschaftsleistung durch Aufrüstung
Wie stark die deutsche Wirtschaft vom Ausbau der Verteidigung profitiert, wird unter Ökonomen unterschiedlich bewertet.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erwartet durch die geplante Erhöhung der Verteidigungsausgaben einen positiven Effekt auf das Bruttoinlandsprodukt. Nach Berechnungen der Ökonomen Thomas Obst und Klaus-Heiner Röhl könnte die preisbereinigte Wirtschaftsleistung 2026 um 0,7 Prozent und 2027 um 0,9 Prozent über einem Szenario ohne zusätzliche Verteidigungsausgaben liegen.
Diese Werte beschreiben den zusätzlichen Effekt gegenüber der bisherigen Finanzplanung und nicht das gesamte Wirtschaftswachstum Deutschlands.
Für den Zeitraum von 2026 bis 2030 berechnet das IW einen zusätzlichen staatlichen Ausgabenimpuls von rund 95 Milliarden Euro. Davon entfallen etwa 51,6 Milliarden Euro auf Investitionen und 42,9 Milliarden Euro auf Personal und den Unterhalt der Streitkräfte.
Der daraus entstehende gesamtwirtschaftliche Produktionseffekt wird auf etwas mehr als 96 Milliarden Euro geschätzt.
Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages bezeichnen die erwarteten Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung allerdings als moderat. Die Rüstungsindustrie mache weiterhin nur einen vergleichsweise kleinen Teil des deutschen verarbeitenden Gewerbes aus.
Zudem nehmen die zusätzlichen Wachstumseffekte nach Berechnungen des IW ab 2028 deutlich ab.
Andere Ökonomen erwarten kaum zusätzliches Wachstum
Deutlich skeptischer bewerten die Wirtschaftswissenschaftler Tom Krebs und Philipp Kaczmarczyk die wirtschaftlichen Folgen höherer Militärausgaben.
In ihrer Untersuchung aus dem Jahr 2025 kommen sie zu dem Ergebnis, dass ein zusätzlicher Euro staatlicher Verteidigungsausgaben kurzfristig höchstens 50 Cent zusätzliche Wirtschaftsleistung erzeugen könnte. Unter ungünstigen Bedingungen sei sogar überhaupt kein zusätzlicher Produktionseffekt möglich.
Die Ökonomen begründen dies unter anderem mit bereits ausgelasteten Produktionskapazitäten und begrenztem Wettbewerb in der deutschen Rüstungsindustrie.
Zusätzliche staatliche Aufträge könnten deshalb zunächst vor allem die Preise für Rüstungsgüter und die Gewinne der Hersteller erhöhen, ohne dass im gleichen Umfang mehr produziert werde.
Erst durch zusätzliche Fabriken, neue Zulieferer und einen intensiveren Wettbewerb ließen sich diese Engpässe verringern.
Die Berechnungen unterscheiden sich damit erheblich. Während das IW einen gesamtwirtschaftlichen Effekt von etwas mehr als einem Euro je zusätzlich ausgegebenem Euro erwartet, halten Krebs und Kaczmarczyk kurzfristig maximal die Hälfte davon für erreichbar.
Leipzig wird Standort für amerikanische Marschflugkörper
In Sachsen nimmt der Ausbau der Rüstungsproduktion bereits konkrete Formen an.
Covenant will in einer mehr als 10.000 Quadratmeter großen Halle im Leipziger Norden ab 2027 Marschflugkörper des Typs Anthem montieren. Die Systeme können nach Unternehmensangaben einen Gefechtskopf von 200 Kilogramm tragen und sind für weitreichende Präzisionsangriffe ausgelegt.
Das Unternehmen plant zunächst 1.000 Einheiten im ersten Produktionsjahr. Anschließend soll die Fertigung auf jährlich 5.000 Stück steigen. Die dafür erforderliche Umwidmung der bisherigen Gewerbehalle muss von den Behörden noch genehmigt werden.
Die Flugkörper sollen vor allem an europäische Kunden geliefert werden. Covenant verspricht deutlich niedrigere Produktionskosten als bei vergleichbaren Systemen.
Das 2024 gegründete Unternehmen hat nach eigenen Angaben bereits mehr als 250 Millionen US-Dollar von Investoren eingesammelt. Zu den Geldgebern gehört auch der Founders Fund, der vom amerikanischen Unternehmer Peter Thiel mitgegründet wurde.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sieht in der Ansiedlung einen Beitrag zur Stärkung des Industriestandortes und der europäischen Verteidigungsfähigkeit.
„Freiheit, Demokratie, Wohlstand geht nicht ohne Sicherheit. Und die beste Sicherheit ist immer noch die Abschreckung“, erklärte Kretschmer Anfang Oktober.
Die Leipziger Investition steht zugleich für eine Besonderheit des Rüstungsbooms: Nicht nur deutsche Hersteller bauen ihre Kapazitäten aus. Auch internationale Unternehmen verlagern oder erweitern ihre Produktion in Deutschland.
Rüstungsunternehmen übernehmen zivile Industriewerke
Der industrielle Wandel erfasst zunehmend Standorte, an denen bislang vor allem zivile Güter hergestellt wurden.

Im sächsischen Görlitz übernimmt der deutsch-französische Rüstungskonzern KNDS ein Werk des französischen Schienenfahrzeugherstellers Alstom. Die Anlage, deren Schließung zuvor vorgesehen war, soll künftig Panzerteile produzieren.
Auch an der Ostseeküste werden industrielle Kapazitäten für die Verteidigungsindustrie genutzt. Thyssenkrupp Marine Systems übernahm den Standort der früheren MV Werften in Wismar.
Solche Veränderungen können bestehende Industrieanlagen erhalten, Fachkräfte weiterbeschäftigen und neue Zulieferbeziehungen schaffen.
Gerade in Regionen mit rückläufiger ziviler Industrieproduktion entstehen dadurch zusätzliche wirtschaftliche Perspektiven.
Wie groß diese Effekte tatsächlich ausfallen, ist allerdings noch nicht beziffert. Die Bundesregierung erklärte im August 2026, dass ihr keine umfassenden regionalen Daten oder Prognosen über die künftige Beschäftigungs- und Wirtschaftsentwicklung der Verteidigungsindustrie in Ostdeutschland vorlägen.
Rüstungsboom kommt vor allem Westdeutschland zugute
Trotz der neuen Projekte in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern konzentriert sich die deutsche Verteidigungsindustrie weiterhin stark auf westdeutsche Bundesländer.
Eine Untersuchung des IW zeigt, dass fast 78 Prozent der erfassten offenen Stellen in Rüstungsunternehmen auf Niedersachsen, Bayern, Hessen und Baden-Württemberg entfallen.
Allein Niedersachsen vereint rund ein Drittel der ausgeschriebenen Stellen auf sich. Unter Einbeziehung des Saarlandes und Schleswig-Holsteins steigt der Anteil dieser westdeutschen Industriestandorte auf etwa 90 Prozent.
Entsprechend erwarten die Ökonomen die stärksten wirtschaftlichen Impulse dort, wo bereits große Hersteller, spezialisierte Zulieferer und entsprechende Fachkräfte vorhanden sind.
Auch das ifo Institut in Dresden geht davon aus, dass Ostdeutschland insgesamt weniger stark von den zusätzlichen Verteidigungsausgaben profitieren wird.
Einzelne Ansiedlungen wie in Leipzig oder Görlitz können damit zwar erhebliche lokale Auswirkungen haben. Eine flächendeckende Stärkung der ostdeutschen Wirtschaft durch Rüstungsaufträge lässt sich daraus bislang nicht ableiten.
Deutsche Rüstungsproduktion oder Milliardenaufträge für die USA?
Ein weiterer Faktor ist der Anteil der Verteidigungsausgaben, der tatsächlich in der deutschen Wirtschaft verbleibt.
Die Bundesregierung setzt bei der Modernisierung der Bundeswehr weiterhin auf umfangreiche Rüstungskäufe in den Vereinigten Staaten.
Dazu gehören 35 bestellte Tarnkappenflugzeuge des Typs F-35 vom US-Hersteller Lockheed Martin sowie geplante Beschaffungen amerikanischer Tomahawk-Marschflugkörper.
Gleichzeitig will Verteidigungsminister Boris Pistorius die Zusammenarbeit mit amerikanischen Unternehmen bei der Produktion in Deutschland ausbauen.
Bei seinem Besuch in Washington im September sprach er sich für zusätzliche gemeinsame Fertigungskapazitäten aus. Neben dem F-35-Programm gehört dazu die geplante Produktion von Lenkflugkörpern für das Patriot-Luftverteidigungssystem in Deutschland.
„Deutschland verfügt über eine leistungsfähige industrielle Basis, bestens ausgebildete Fachkräfte und technologische Spitzenkompetenz“, erklärte Pistorius.
Die wirtschaftlichen Effekte solcher Programme hängen davon ab, wo die Wertschöpfung stattfindet. Werden Waffen vollständig importiert, fließt ein erheblicher Teil der staatlichen Ausgaben an ausländische Hersteller. Werden dagegen Komponenten entwickelt, montiert und von heimischen Zulieferern produziert, entstehen zusätzliche Aufträge innerhalb Deutschlands.
Eine vom Bundestag ausgewertete Untersuchung über die Jahre 2013 bis 2023 bezifferte den Importanteil deutscher Verteidigungsausgaben auf 24,1 Prozent. Der entsprechende Anteil lag bei untersuchten Ausgaben für Bildung, Gesundheit und Umwelt deutlich niedriger.
EU erleichtert Investitionen in die Rüstungsindustrie
Auf europäischer Ebene werden gleichzeitig die rechtlichen Rahmenbedingungen für Investitionen in die Verteidigungsindustrie verändert.
Das Europäische Parlament hat am 16. September 2026 einen Kompromiss zur sogenannten Omnibus-V-Verordnung angenommen. Die Neuregelung soll den Verwaltungsaufwand verringern und Genehmigungen für Verteidigungsprojekte beschleunigen.
Dabei geht es unter anderem um Anpassungen bestehender europäischer Vorschriften zu Chemikalien, zur Einstufung und Kennzeichnung von Stoffen sowie zu Förderverfahren im Europäischen Verteidigungsfonds.
Mitgliedstaaten sollen in begründeten Fällen größere Ausnahmemöglichkeiten für verteidigungsrelevante Tätigkeiten erhalten. Zugleich sollen die Anforderungen an den Gesundheits- und Umweltschutz berücksichtigt werden.
Auch kleine und mittlere Unternehmen sollen leichter Zugang zu europäischen Fördermitteln bekommen. Schnellere Antrags- und Bewertungsverfahren sollen die Beteiligung spezialisierter Zulieferer an gemeinsamen Verteidigungsprojekten erleichtern.
Die im September beschlossene Position des Europäischen Parlaments beruht auf einer zuvor zwischen den EU-Institutionen ausgehandelten Einigung. Für den endgültigen Erlass ist noch die formelle Zustimmung des Rates erforderlich.
Die EU verbindet die Vereinfachungen mit dem Ziel, ihre eigene industrielle und technologische Verteidigungsfähigkeit auszubauen und Abhängigkeiten von Lieferanten außerhalb Europas zu verringern.
Investitionen in Bildung und Infrastruktur bringen teils mehr Wachstum
Die wirtschaftlichen Wirkungen der Aufrüstung stehen auch im Vergleich zu anderen staatlichen Investitionen.
Krebs und Kaczmarczyk berechnen für gezielte öffentliche Infrastrukturinvestitionen einen deutlich höheren wirtschaftlichen Nutzen als für zusätzliche Militärausgaben.
Während ihr geschätzter kurzfristiger Multiplikator für Verteidigungsausgaben zwischen null und 0,5 liegt, veranschlagen sie für Infrastrukturinvestitionen einen Wert von etwa zwei. Bei Investitionen in Kindertagesstätten und Schulen könne er sogar drei erreichen.
Das bedeutet nach ihren Modellannahmen, dass ein zusätzlicher Euro für Infrastruktur zwei Euro und für Betreuungsangebote bis zu drei Euro zusätzliche Wirtschaftsleistung auslösen könnte.
Auch eine im Auftrag von Greenpeace erstellte Untersuchung aus dem Jahr 2023 kommt zu unterschiedlichen Beschäftigungseffekten.
Bei staatlichen Ausgaben von jeweils einer Milliarde Euro errechneten die Autoren für die Verteidigungsindustrie rund 6.150 Arbeitsplätze. Für Ausgaben im Bildungsbereich lag der modellierte Effekt bei etwa 17.620 Arbeitsplätzen, im Gesundheitswesen bei rund 15.200 und im Umweltbereich bei 11.360.
Die Berechnungen beziehen sich auf unterschiedliche Untersuchungszeiträume und Methoden. Sie zeigen jedoch, dass die wirtschaftlichen Wirkungen staatlicher Ausgaben stark davon abhängen, in welchen Branchen investiert wird.
Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages weisen zugleich darauf hin, dass Verteidigungsausgaben vorrangig der äußeren Sicherheit Deutschlands und Europas dienen. Ihre wirtschaftlichen Auswirkungen seien deshalb als zusätzlicher Effekt und nicht als hauptsächliches Ziel zu betrachten.
Forschung und Technologie als weiterer Wirtschaftsfaktor
Langfristige Wachstumsimpulse durch die Verteidigungsindustrie hängen auch davon ab, ob militärische Forschung neue Technologien hervorbringt, die anschließend zivil genutzt werden können.
Das IW verweist insbesondere auf mögliche Entwicklungen in der Luft- und Raumfahrt, der Informationstechnologie und der elektronischen Kriegsführung.
Bislang unterscheiden sich Deutschland und die Vereinigten Staaten jedoch erheblich bei den Forschungsanteilen ihrer Verteidigungsausgaben.
Nach den vom Bundestag ausgewerteten Zahlen entfielen 2025 in Deutschland lediglich rund zwei Prozent der Verteidigungsausgaben auf Forschung und Entwicklung. In den USA lag dieser Anteil bei etwa 16 Prozent.
Die IW-Ökonomen halten längerfristige Produktivitätsgewinne durch militärische Forschung grundsätzlich für möglich. Größere gesamtwirtschaftliche Auswirkungen erwarten sie jedoch frühestens nach 2030.
Der Ausbau der Rüstungsproduktion schafft unterdessen bereits konkrete industrielle Veränderungen: In Leipzig entsteht eine Fertigung für amerikanische Marschflugkörper, in Görlitz wird ein früheres Bahnwerk auf Panzerteile umgestellt und in Wismar werden ehemalige Werftkapazitäten für den Marineschiffbau genutzt.
Ob aus diesen regionalen Investitionen ein breiter wirtschaftlicher Aufschwung wird, hängt nach den untersuchten Berechnungen vor allem vom Ausbau heimischer Produktionskapazitäten, der Beteiligung deutscher Zulieferer, dem Wettbewerb zwischen Herstellern und den technologischen Folgeeffekten ab.

