Weltweite Hungerkrise: Nigeria, Kongo und Sudan am stärksten betroffen – Hilfsgelder brechen ein

83 Millionen Menschen leiden allein in Nigeria, der DR Kongo und im Sudan unter akuter Ernährungsunsicherheit. Während sich Hungerkrisen auf wenige Länder konzentrieren, ist die internationale Finanzierung der Ernährungshilfe seit 2022 um 59 Prozent eingebrochen.

Weltweit konzentriert sich der akute Hunger zunehmend auf wenige Krisenstaaten, während die internationale Ernährungshilfe massiv zurückgeht. Das zeigt der am 13. Oktober 2026 veröffentlichte Hunger-Report der Hilfsorganisation Aktion gegen den Hunger. Von den 266 Millionen Menschen, die 2025 in 47 untersuchten Ländern unter hoher akuter Ernährungsunsicherheit litten, lebten rund 177 Millionen in nur zehn Staaten. Nigeria, die Demokratische Republik Kongo und der Sudan sind am stärksten betroffen und vereinen nahezu ein Drittel aller erfassten Hungernden auf sich.

Drei afrikanische Staaten führen die weltweite Hungerstatistik an

Nigeria verzeichnet mit 30,6 Millionen Menschen die höchste absolute Zahl an Betroffenen. Dahinter folgen die Demokratische Republik Kongo mit 27,7 Millionen und der Sudan mit 24,6 Millionen. Zusammen sind in diesen drei Ländern rund 83 Millionen Menschen von hoher akuter Ernährungsunsicherheit betroffen.

Weitere afrikanische Staaten unter den zehn größten Ernährungskrisen sind der Südsudan mit 7,8 Millionen Betroffenen sowie, außerhalb der Rangliste, die Sahelländer Niger und Mali, deren Ernährungslage ebenfalls als besonders kritisch eingestuft wird.

Hohe akute Ernährungsunsicherheit bedeutet, dass Menschen nicht zuverlässig über ausreichend Nahrung verfügen und dadurch ihre Gesundheit, ihre Lebensgrundlagen oder ihr Überleben gefährdet sind. Die internationale Klassifizierung unterscheidet dabei zwischen einer Ernährungskrise, einer akuten Notsituation und einer Hungerkatastrophe.

Im Sudan wurden 2025 in Teilen des Landes Hungersnöte festgestellt. Besonders betroffen waren die belagerten Städte El Fasher und Kadugli. Der Krieg zwischen den sudanesischen Streitkräften und den Rapid Support Forces hat Millionen Menschen vertrieben und große Teile der Versorgungsinfrastruktur zerstört.

In der Demokratischen Republik Kongo verschärften die Kämpfe im Osten des Landes die Ernährungslage. Besonders in Nord-Kivu, Süd-Kivu, Ituri und Tanganyika leiden mehr als zehn Millionen Menschen unter schwerer Ernährungsunsicherheit.

Humanitäre Ernährungshilfe seit 2022 um 59 Prozent gesunken

Während sich die Zahl der von akuter Ernährungsunsicherheit betroffenen Menschen innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelt hat, sind die verfügbaren Hilfsgelder deutlich zurückgegangen.

Die internationale Finanzierung humanitärer Ernährungshilfe in Krisengebieten sank zwischen 2022 und 2025 um 59 Prozent. Damit erreichte sie wieder das Niveau von 2016 und 2017. Allein 2025 gingen die entsprechenden Mittel um 39 Prozent zurück.

Die Finanzierungslücken wirken sich unmittelbar auf die Versorgung aus. In der Demokratischen Republik Kongo mussten 2025 mehr als 1.000 Ernährungszentren schließen. Dadurch blieben nach Angaben von Aktion gegen den Hunger über 390.000 mangelernährte Kinder ohne Behandlung.

Auch in anderen Krisengebieten reicht die Finanzierung nicht aus. Im Sudan und Südsudan war 2025 weniger als die Hälfte der benötigten humanitären Hilfe finanziert. In Mali lag die Quote bei 21 Prozent, in Niger bei rund 26 Prozent.

„Wir sind zunehmend gezwungen, lebenswichtige Programme einzustellen, während der Unterstützungsbedarf gleichzeitig wächst“, erklärte Jan Sebastian Friedrich-Rust, Geschäftsführer von Aktion gegen den Hunger.

Hilfsorganisationen müssten sich dadurch immer häufiger auf unmittelbare lebensrettende Maßnahmen beschränken. Langfristige Programme, die Ernährungssysteme stabilisieren und Menschen unabhängiger von Nothilfe machen sollen, würden dagegen eingestellt.

30 Millionen Kinder leiden unter akuter Mangelernährung

Besonders schwer trifft die Ernährungskrise Kinder. In den zehn untersuchten Ländern waren 2025 rund 30 Millionen Kinder akut mangelernährt, darunter knapp acht Millionen schwer. Hinzu kamen 6,5 Millionen schwangere und stillende Frauen mit akuter Mangelernährung.

Für Nigeria erwartet Aktion gegen den Hunger 2026 rund 6,4 Millionen akut mangelernährte Kinder unter fünf Jahren. Etwa zwei Millionen davon könnten an schwerer akuter Mangelernährung leiden.

In der Demokratischen Republik Kongo sind rund 4,2 Millionen Kinder betroffen. Im Südsudan wird für 2026 mit etwa 2,2 Millionen akut mangelernährten Kindern gerechnet.

Die Ernährungsprobleme hängen eng mit bewaffneten Konflikten, Vertreibungen und einer unzureichenden Gesundheitsversorgung zusammen. Wiederkehrende Dürren und Überschwemmungen beeinträchtigen zusätzlich die landwirtschaftliche Produktion und den Zugang zu Lebensmitteln.

Fehlendes Trinkwasser verschärft die Hungersituation

Neben der Nahrungsmittelversorgung rückt der Bericht den Zusammenhang zwischen Hunger, Wassermangel und Infektionskrankheiten in den Vordergrund.

Im Sudan sind mehr als 60 Prozent der Wasseraufbereitungsanlagen außer Betrieb. Seit Juli 2024 wurden über 123.000 Cholerafälle und mehr als 3.500 Todesfälle registriert.

In der Demokratischen Republik Kongo verfügen lediglich 43 Prozent der Bevölkerung über eine grundlegende Trinkwasserversorgung. Zugang zu grundlegenden Sanitäranlagen haben nur 15 Prozent. Das Land kämpft zugleich mit einer schweren Choleraepidemie und weiteren Krankheitsausbrüchen.

Im Südsudan erreichte die Unterstützung bei Wasser- und Sanitärversorgung nur 519.000 der rund fünf Millionen Menschen, die entsprechende Hilfe benötigen.

Durchfallerkrankungen und andere Infektionen können Mangelernährung verstärken, weil der Körper wichtige Nährstoffe schlechter aufnehmen kann. Gleichzeitig erhöht Unterernährung die Anfälligkeit für Krankheiten.

Äthiopien und Burkina Faso fehlen in der Erhebung

Der Hunger-Report weist ausdrücklich auf Einschränkungen bei der Erfassung der weltweiten Ernährungskrisen hin. Die Zahl der Betroffenen in den zehn größten Krisen sank gegenüber 2024 rechnerisch von 197 auf 177 Millionen.

Daraus lässt sich jedoch keine entsprechende Verbesserung der weltweiten Ernährungslage ableiten. Für mehrere Staaten fehlten ausreichend vergleichbare Daten.

So wurde Äthiopien nicht in die aktuelle Rangliste aufgenommen, obwohl dort 2024 rund 22 Millionen Menschen von hoher akuter Ernährungsunsicherheit betroffen waren. Auch für Burkina Faso lagen keine Daten vor, die sämtliche methodischen Anforderungen erfüllten.

Hinzu kommt, dass sinkende Hilfsgelder auch die Finanzierung von Erhebungen und Frühwarnsystemen beeinträchtigen. Dadurch kann das tatsächliche Ausmaß von Ernährungskrisen unvollständig erfasst werden.

Entwicklungsministerin Alabali Radovan macht Wasser zur Priorität

In Deutschland reagierte Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan anlässlich der Vorstellung des Welthunger-Index 2026 der Welthungerhilfe auf die aktuellen Zahlen.

„Die aktuellen Hungerzahlen sind ein klares Alarmsignal: Nach vielen Jahren des Rückgangs steigt der Hunger weltweit wieder“, erklärte die Ministerin. Sie verwies insbesondere auf die Situation im Sudan, im Jemen und im Gazastreifen.

Den Zusammenhang zwischen Ernährungssicherheit und Wasserversorgung will die Bundesregierung stärker in ihrer Entwicklungspolitik berücksichtigen.

„Beim Kampf gegen den Hunger müssen wir deshalb Wasser als zentrale Ressource des 21. Jahrhunderts stärker in den Blick nehmen“, sagte Alabali Radovan.

Wasser sei deshalb im Zuge der Reform der deutschen Entwicklungspolitik zu einer strategischen Priorität erklärt worden. Bei der Jahrestagung der Weltbank in Bangkok will die Ministerin mit Entwicklungsbanken und internationalen Partnern über den Ausbau nachhaltiger Wasserinfrastruktur beraten.

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verwies anlässlich der Woche der Welthungerhilfe auf die Folgen von Klimawandel, Krieg und Armut für die Ernährungssicherheit.

Als Beispiel für langfristige Hilfe nannte er ein Saatgutprojekt in der Zentralafrikanischen Republik. Dort unterstützt die Welthungerhilfe den Aufbau lokaler Produktionsnetzwerke für widerstandsfähiges Saatgut. Mehr als 300 solcher Netzwerke werden nach seinen Angaben allein in Zentralafrika gefördert.

Verwandte Beiträge
Mehr lesen

Russland wirbt um Afrikas Rohstoffe und wirft dem Westen Neokolonialismus vor – Trump bleibt “Deal-Making” treu

Russland wirft dem Westen Neokolonialismus in Afrika vor und baut zugleich eigene Rohstoffpartnerschaften aus. Die USA verbinden unter Trump Friedensverhandlungen in Kongo und Libyen offen mit wirtschaftlichen Interessen. Afrikanische Institutionen fordern dagegen mehr eigene Industrie und Kontrolle über die Wertschöpfung.
Mehr lesen

Verfassungsschutz will Angriffe aktiv abwehren – Deutschland baut seine Geheimdienste grundlegend um

Deutschlands Geheimdienste sollen künftig nicht mehr nur beobachten, sondern Angriffe unter bestimmten Voraussetzungen selbst unterbrechen können. Während der Verfassungsschutz vor Russland warnt, bauen auch Japan, Schweden und weitere Demokratien ihre Nachrichtendienste um – mit dem Ziel größerer Sicherheit und geringerer Abhängigkeit von den USA.
Total
0
Share