Das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) hat seine Zusammenarbeit mit der deutschen Wirtschaft ausgebaut und konzentriert sich dabei besonders auf neun internationale Wachstumsmärkte, darunter Ghana, Kenia, Marokko und Südafrika. Ein Jahr nach dem Start des Aktionsplans „Wirtschaft und Entwicklung“ im Oktober 2025 zieht das Ministerium eine erste Bilanz. Deutsche Unternehmen werden inzwischen früher in entwicklungspolitische Vorhaben eingebunden und sollen bessere Chancen bei internationalen Ausschreibungen erhalten. Neue Finanzierungsinstrumente, Wirtschaftsdelegationen und eine gemeinsame Förderplattform mit dem Bundeswirtschaftsministerium sollen den Markteintritt und die Geschäftstätigkeit in Partnerländern erleichtern.
Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan hatte den Aktionsplan als Teil der Neuaufstellung der deutschen Entwicklungspolitik vorgestellt. Dahinter steht der Ansatz, Entwicklungszusammenarbeit stärker mit den wirtschaftlichen Interessen Deutschlands zu verbinden und gleichzeitig Investitionen, Beschäftigung und nachhaltiges Wachstum in den Partnerländern zu fördern.
Die erste Jahresbilanz dokumentiert neue Kooperationsformate, Förderinstrumente und institutionelle Vereinbarungen. Konkrete Gesamtzahlen zu zusätzlich vergebenen Aufträgen oder mobilisierten Unternehmensinvestitionen nennt das Ministerium darin nicht.
Ghana, Kenia, Marokko und Südafrika werden Schwerpunktländer
Das BMZ hat neun Länder ausgewählt, in denen die Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen besonders intensiviert werden soll.
Neben den vier afrikanischen Staaten Ghana, Kenia, Marokko und Südafrika gehören Indien, Indonesien, Vietnam, Brasilien und Mexiko dazu.
Die Auswahl richtet sich auf aufstrebende Volkswirtschaften, die sowohl entwicklungspolitische Partner Deutschlands als auch wichtige Zukunftsmärkte für deutsche Unternehmen sind.
Eine zentrale Neuerung betrifft die Vorbereitung bilateraler Regierungsverhandlungen. Künftig sollen Wirtschaftsvertreter früher an der Identifizierung und Planung möglicher Kooperationsfelder beteiligt werden.
Dafür hat das BMZ sogenannte Wirtschaftstage eingeführt. Sie bieten Unternehmen, Wirtschaftsverbänden und Regierungsvertretern Gelegenheit, Investitionsbedingungen, Marktchancen und bestehende Hindernisse zu besprechen.
Solche Veranstaltungen fanden bereits mit Ghana, Kenia und Südafrika statt. Am Dienstag fand auch der Wirtschaftstag Marokko in Berlin bei den anwesenden Wirtschaftsvertretern Anklang. Außerhalb Afrikas wurde das Format unter anderem mit Brasilien umgesetzt.
Damit erweitert das Ministerium einen Prozess, der zuvor vor allem zwischen staatlichen Stellen und entwicklungspolitischen Durchführungsorganisationen organisiert wurde, um einen stärkeren Austausch mit der Privatwirtschaft.
Deutscher Wirtschaft bessere Chancen bei Entwicklungsaufträgen verschaffen
Besonders konkret fällt die Neuausrichtung bei der Vergabe öffentlich finanzierter Entwicklungsprojekte aus.
Im Juli 2026 vereinbarten das BMZ und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unter Federführung der Parlamentarischen Staatssekretärin Bärbel Kofler einen Elf-Punkte-Plan.
Er soll deutschen und europäischen Unternehmen bessere Chancen bei Ausschreibungen der finanziellen Entwicklungszusammenarbeit ermöglichen.
Dafür sollen Wirtschaftsakteure bereits in frühen Phasen der Projektentwicklung eingebunden werden. Gemeinsam mit ihnen wollen die Ministerien jene Wirtschaftssektoren identifizieren, in denen sich besondere Beteiligungsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen ergeben.
Ein weiterer Bestandteil betrifft den Wettbewerb mit international tätigen Unternehmen, die von staatlichen Subventionen profitieren.
Das BMZ will nach eigener Darstellung Wettbewerbsverzerrungen durch entsprechend unterstützte Anbieter aus anderen Ländern zurückdrängen.
Die Maßnahmen betreffen damit nicht nur neue Förderangebote, sondern auch die Frage, welche Unternehmen von international finanzierten Entwicklungsprojekten wirtschaftlich profitieren können.
Neues Investitionsunternehmen mit Allianz und Zurich gegründet
Neben der Vergabepolitik hat das BMZ ein neues Instrument zur Mobilisierung privaten Kapitals geschaffen.
Im Juni 2026 wurde das Unternehmen SCALED Development gegründet. Die Bezeichnung steht für „Scaling Capital for Sustainable Development“.
Ziel ist es, private Investitionen in Entwicklungs- und Schwellenländern in größerem Umfang zu ermöglichen.
Deutschland und Kanada beteiligen sich als öffentliche Gesellschafter. Aus der Privatwirtschaft sind der Versicherungskonzern Allianz und die Zurich Insurance Group eingebunden.
Damit setzt das Ministerium auf ein Modell, bei dem öffentliche und private Kapitalgeber gemeinsam Investitionen in Partnerländern finanzieren.
Die Konstruktion soll zusätzliches Kapital für Vorhaben mobilisieren, die aufgrund ihrer Risiken oder Finanzierungsbedingungen für private Investoren allein weniger attraktiv sein können.
Die erste BMZ-Bilanz nennt die Unternehmensgründung als einen der Schritte zur Stärkung privatwirtschaftlicher Entwicklungsfinanzierung. Zahlen zu bereits finanzierten Projekten oder tatsächlich mobilisiertem Kapital enthält sie nicht.
TradeConnect soll Handel mit afrikanischen Märkten erleichtern
Auch kleinere Handelsgeschäfte sollen künftig leichter finanziert werden können.
Mit „TradeConnect“ hat die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) ein neues Garantieinstrument für kleinere Exporte und Importe geschaffen.
Es richtet sich an Handelsgeschäfte, für die grundsätzlich eine Nachfrage besteht, die jedoch bislang an fehlenden Finanzierungsmöglichkeiten scheitern.
Die Garantien sollen Banken und anderen Finanzierungspartnern die Absicherung entsprechender Geschäfte erleichtern.
Das Instrument ist nicht auf Afrika beschränkt, kann aber auch für Unternehmen Bedeutung erlangen, die Handelsbeziehungen mit afrikanischen Wachstumsmärkten aufbauen oder erweitern.
Neben zusätzlichen Handelsgeschäften strebt das BMZ stabilere Lieferketten und eine stärkere lokale Wertschöpfung an.
Förderlotse bündelt staatliche Unterstützung für Unternehmen
Um den Zugang zu bestehenden Programmen zu vereinfachen, haben Entwicklungs- und Wirtschaftsministerium ihre Unterstützungsangebote auf einer gemeinsamen Plattform zusammengeführt.
Der „Förderlotse Wachstumsmärkte“ bündelt Informationen über Beratung, Förderprogramme und Finanzierungsmöglichkeiten der Entwicklungszusammenarbeit und der deutschen Außenwirtschaftsförderung.
Unternehmen sollen damit eine zentrale Anlaufstelle erhalten, anstatt Unterstützungsmöglichkeiten bei unterschiedlichen Behörden und Institutionen einzeln recherchieren zu müssen.
Auch die Beteiligung an europäischen Investitionsprogrammen wird stärker unterstützt.
Im Februar 2026 richtete die Bundesregierung eine Anlaufstelle für den „Global Gateway Investment Hub“ ein. Über diese Plattform der Europäischen Kommission sollen Investitionsmöglichkeiten europäischer Unternehmen in Partnerländern erschlossen werden.
BMZ will deutsche Firmen stärker an Weltbank-Projekten beteiligen
Zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten sieht das Ministerium bei den internationalen Entwicklungsbanken.
Gemeinsam mit der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank organisierte das BMZ eine Veranstaltungsreihe, um deutsche Unternehmen besser über Ausschreibungen und Beteiligungsmöglichkeiten zu informieren.
Internationale Entwicklungsbanken finanzieren zahlreiche Infrastruktur- und Wirtschaftsprojekte, an deren Umsetzung sich private Unternehmen beteiligen können.
Für deutsche Anbieter entstehen solche Möglichkeiten beispielsweise beim Ausbau von Energieversorgung, Wasserinfrastruktur, Verkehrssystemen und industriellen Anlagen.
Die BMZ-Initiative soll Unternehmen den Zugang zu diesen Vergabeverfahren erleichtern.
Wirtschaftsdelegationen sollen neue Partnerschaften aufbauen
Die stärkere Beteiligung der Privatwirtschaft zeigt sich auch in der Reisediplomatie des Ministeriums.

Im August 2026 besuchte Bundesentwicklungsministerin Alabali Radovan Indonesien gemeinsam mit einer größeren Wirtschaftsdelegation.
In Gesprächen mit der indonesischen Regierung und deutschen Unternehmen wurden neue Kooperationsmöglichkeiten insbesondere im Bereich erneuerbarer Energien angestoßen.
Auch andere Mitglieder der BMZ-Leitung begleiteten Wirtschaftsdelegationen.
Staatssekretär Niels Annen reiste mit deutschen Unternehmensvertretern nach Syrien, um wirtschaftliche Beteiligungsmöglichkeiten zu erkunden. Der Parlamentarische Staatssekretär Johann Saathoff besuchte mit einer Wirtschaftsdelegation die Ukraine.
Die Reisen verbinden entwicklungspolitische Gespräche mit der Erschließung wirtschaftlicher Kooperationsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen.
Entwicklungszusammenarbeit wird stärker mit Fachkräftegewinnung verknüpft
Eine weitere Veränderung betrifft die internationale Berufsbildung und die Gewinnung qualifizierter Arbeitskräfte.
Das BMZ richtet bilaterale Berufsbildungsvorhaben zunehmend so aus, dass sie neben der Ausbildung im Partnerland auch Möglichkeiten für die Fachkräftegewinnung deutscher Unternehmen eröffnen.
Im März 2026 wurde dazu gemeinsam mit der deutschen Wirtschaft die Fachkräfteallianz WE-Fair gegründet. Die Abkürzung steht für „Wirtschaft und Entwicklungspolitik für faire Fachkräftegewinnung“.
Die Initiative soll staatliche Expertise und unternehmerische Erfahrungen zusammenführen.
Nach dem Konzept des Ministeriums sollen dabei sowohl die Interessen deutscher Arbeitgeber als auch die Perspektiven von Fachkräften und Herkunftsländern berücksichtigt werden.
Neben besseren Beschäftigungsmöglichkeiten für Arbeitskräfte nennt das BMZ Wissenstransfer und wirtschaftliche Impulse in den Partnerländern als Ziele.
Damit wird Arbeitsmigration enger mit bestehenden entwicklungspolitischen Ausbildungsprogrammen verbunden.
Ein Jahr Aktionsplan: Neue Instrumente, aber noch keine Wirkungsbilanz
Der Aktionsplan von 2025 sieht drei zentrale Veränderungen vor: eine frühere Einbindung der Wirtschaft, den Abbau struktureller Hemmnisse und eine gezieltere Förderung unternehmerischer Aktivitäten.
Nach zwölf Monaten hat das BMZ in allen drei Bereichen Maßnahmen eingeleitet.
Dazu gehören die Wirtschaftstage in ausgewählten Partnerländern, der Elf-Punkte-Plan zur Vergabepolitik, das Investitionsunternehmen SCALED Development, das Garantieinstrument TradeConnect und die gemeinsame Förderplattform der beiden Ministerien.
Hinzu kommen Initiativen zur Fachkräftegewinnung und zur stärkeren Beteiligung deutscher Unternehmen an internationalen Entwicklungsprojekten.
Die Jahresbilanz beschreibt allerdings überwiegend den Aufbau neuer Strukturen und die Einführung von Instrumenten. Wie viele zusätzliche Aufträge deutsche Unternehmen tatsächlich erhalten haben, welche Investitionssummen bereits mobilisiert wurden und welche wirtschaftlichen Auswirkungen in den neun Fokusländern entstanden sind, wird darin noch nicht beziffert.
