Deutschland will Klimarisiken stärker in seine Außen- und Sicherheitspolitik integrieren und dabei insbesondere fragile Staaten in Afrika unterstützen. Am Montag, 6. Oktober, eröffnete Außenminister Johann Wadephul in Berlin die achte Berlin Climate and Security Conference mit rund 250 internationalen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Im Fokus stehen Konflikte, Ernährungssicherheit, Extremismus, Energieversorgung und die Frage, wie Klimafinanzierung stärker mit Friedenskonsolidierung verbunden werden kann. Wadephul verwies besonders auf Sudan sowie deutsche Projekte in Äthiopien, Kenia und Somalia.
„Investitionen in den Klimaschutz sind auch Investitionen in unsere Sicherheit“, erklärte Wadephul zum Auftakt der Konferenz. Extreme Wetterereignisse könnten Ernteausfälle, Hunger, Migration und Konflikte um knapper werdende Ressourcen verschärfen.
Die Bundesregierung verbindet damit Klimapolitik zunehmend mit klassischer Sicherheits-, Entwicklungs- und Außenpolitik. Die Berliner Konferenz soll dafür konkrete politische und finanzielle Instrumente entwickeln.
Sudan wird zum Beispiel für Klima- und Sicherheitsrisiken
Besonders deutlich machte Wadephul den Zusammenhang am Beispiel Sudans. Dort verschärfen ausbleibende Regenfälle die Dürre auf den Feldern. Gleichzeitig seien die Wasserstände entlang des Nils in diesem Sommer stark gesunken.
Für viele Landwirte ist damit unklar, ob Saatgut aufgeht und ausreichende Ernten möglich sind. Die klimatischen Belastungen treffen auf einen seit Jahren andauernden Krieg und eine schwere humanitäre Krise.
Wadephul warf den Konfliktparteien zugleich vor, Hunger und Verknappung bewusst gegen die Bevölkerung einzusetzen.
Deutschland hatte im April die dritte internationale Sudan-Konferenz in Berlin ausgerichtet. Regierungspartner, internationale Organisationen und Vertreter der Zivilgesellschaft berieten dort über politische Lösungen und humanitäre Hilfe.
Der Außenminister stellte Klimaeffekte dabei nicht als alleinige Ursache von Konflikten dar. Extreme Wetterbedingungen könnten bestehende Krisen jedoch verstärken und von politischen oder bewaffneten Akteuren gezielt ausgenutzt werden.
Deutschland verbindet Klimaanpassung mit Friedenskonsolidierung
In Ostafrika setzt Deutschland bereits auf Projekte, die Klimaanpassung und Konfliktprävention miteinander verbinden.
In Äthiopien, Kenia und Somalia entwickelt die Bundesregierung grenzüberschreitende Vorhaben, bei denen Klimafinanzierung sowohl die Anpassung an veränderte Umweltbedingungen als auch die Friedenskonsolidierung unterstützen soll.
Mit Kenia arbeitet Deutschland zudem im Rahmen des Globalen Forums Terrorismusbekämpfung zusammen. Über das sogenannte Nairobi-Instrumentarium sollen die Auswirkungen des Klimawandels auf gewalttätigen Extremismus stärker berücksichtigt werden.
Deutschland unterstützt außerdem die Initiative „Weathering Risk“, die Klimarisiken systematisch mit Friedens- und Sicherheitspolitik verknüpft. Hinzu kommen Beiträge zu klimaorientierten humanitären Maßnahmen in fragilen Staaten über den Zentralen Fonds der Vereinten Nationen für die Reaktion auf Notsituationen.
Klimawandel und Extremismus rücken enger zusammen
Die Berlin Climate and Security Conference beschäftigt sich auch mit den möglichen Auswirkungen von Klimafolgen auf Extremismus und Terrorismus.
Wadephul verwies auf Situationen, in denen wirtschaftliche Lebensgrundlagen verschwinden und sich humanitäre Notlagen verfestigen. Bewaffnete Gruppen könnten solche Bedingungen nutzen, indem sie Menschen vermeintlich schnelle Lösungen oder materielle Unterstützung anböten.
Damit rückt die Widerstandsfähigkeit lokaler Gemeinschaften stärker in die deutsche Sicherheitspolitik. Außenpolitik, Entwicklungspolitik, humanitäre Hilfe und Klimaanpassung sollen nach dem deutschen Ansatz enger zusammenarbeiten.
Auch die Konferenz verfolgt diesen Ansatz. Zu ihren strategischen Zielen gehört es, nationale Sicherheit und menschliche Sicherheit stärker gemeinsam zu betrachten.
Berlin setzt auf internationale Klima-Sicherheitsstrukturen
Deutschland engagiert sich auch auf Ebene der Vereinten Nationen für eine stärkere Verbindung von Klima und Sicherheit.
Berlin war am Aufbau des Klima-Sicherheits-Mechanismus der Vereinten Nationen beteiligt. Die Einrichtung soll UN-Organisationen dabei unterstützen, klimabedingte Risiken für Frieden und Sicherheit frühzeitig zu erkennen und in ihre Arbeit einzubeziehen.
Gemeinsam mit Nauru führt Deutschland zudem den Ko-Vorsitz der internationalen Freundesgruppe „Klima und Sicherheit“. Nach Angaben Wadephuls gehören ihr inzwischen 81 Mitglieder an.
Die Bundesregierung will außerdem neue Partnerschaften zwischen Diplomatie, Verteidigung und Entwicklung fördern. Auch Finanzinstitutionen und die Privatwirtschaft sollen stärker einbezogen werden.
Ein Schwerpunkt der Berliner Konferenz liegt deshalb auf der Finanzierung von Klimaschutz und Anpassung in fragilen und konfliktbetroffenen Staaten. Diskutiert wird, wie Klimarisikoanalysen mit Prävention und Finanzierung verbunden werden können.
Klimawandel wird zur Frage globaler Lieferketten
Wadephul weitete die Sicherheitsdebatte zugleich auf Handel und Versorgungssicherheit aus.
Als Beispiel nannte er den Panama-Kanal. Geringere Niederschlagsmengen und sinkende Wasserstände hätten dort Einschränkungen für den Schiffsverkehr notwendig gemacht. Weniger Durchfahrten und Begrenzungen beim Tiefgang von Schiffen könnten Wartezeiten verlängern und Transportkosten erhöhen.
Damit können regionale Klimaphänomene Auswirkungen auf globale Lieferketten entwickeln.

Auch die Versorgung mit Energie und Düngemitteln zählt Wadephul zu den sicherheitspolitischen Fragen. Spannungen im Nahen Osten und mögliche Störungen wichtiger Transportwege könnten Preise und Versorgung weltweit beeinflussen.
Bei landwirtschaftlichen Produkten reichen die Risiken bis nach Asien. Wetterextreme können dort die Produktion von Reis, Palmöl, Kaffee, Mais und anderen Nutzpflanzen beeinträchtigen.
Erneuerbare Energien als Schutz gegen Angriffe
Die Bundesregierung verknüpft den Ausbau erneuerbarer Energien auch mit der Widerstandsfähigkeit kritischer Infrastruktur.
Wadephul verwies auf die Ukraine. Sollte Russland erneut gezielt Energieanlagen angreifen, könnten dezentrale erneuerbare Systeme einen Teil der Versorgung sichern.
Dezentrale Anlagen seien schwieriger vollständig auszuschalten und verringerten zugleich die Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern.
Klimaschutz erhält damit in der deutschen Außenpolitik neben ökologischen und wirtschaftlichen zunehmend auch sicherheitspolitische Funktionen.
Solares Geoengineering erstmals auf der Tagesordnung
Die Konferenz behandelt in diesem Jahr erstmals auch solares Geoengineering. Darunter werden technische Verfahren verstanden, mit denen die Sonneneinstrahlung beziehungsweise deren Wirkung auf das Erdklima beeinflusst werden soll.
In Berlin stehen dabei nicht nur mögliche klimatische Folgen zur Diskussion. Die Teilnehmer befassen sich auch mit Sicherheitsrisiken und der Frage, welche internationalen Regeln für Technologien notwendig wären, deren Einsatz globale Auswirkungen haben könnte.
Ein weiteres Thema ist der klimaresiliente Wiederaufbau Syriens. Vertreter Syriens nehmen an den Beratungen teil.
Die Ergebnisse der Konferenz sollen in weitere internationale Prozesse einfließen. Dazu gehören die Weltklimakonferenz COP31 und die UN-Wasserkonferenz.
Seit ihrer Gründung 2019 bringt die Berlin Climate and Security Conference Regierungen, internationale Organisationen, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Fachleute aus der Sicherheits- und Entwicklungspolitik zusammen. Die diesjährige Ausgabe steht unter dem Leitmotiv „A climate for security, freedom and prosperity“.

