Der Africa Day ist zur Bühne für eine offene Kritik aus Mali an der Rolle der Afrikanischen Union geworden. Am 25. Mai 2026 fiel sie mit dem 63. Jahrestag der Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit zusammen. Während AU-Kommissionspräsident Mahmoud Ali Youssouf zu Einheit, Pan-Afrikanismus und Reformen aufrief, forderte Malis früherer Premierminister Choguel Kokalla Maïga eine grundlegende Neuausrichtung der Organisation. Sein Vorwurf zielt auf eine Institution, die nach seiner Darstellung zu stark von äußeren Mächten geprägt sei und im Sahel versagt habe.
AU ruft zu Einheit und Reformen auf
Mahmoud Ali Youssouf stellte den Africa Day in den Rahmen von Einheit, Integration und Entwicklung. Der Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union erinnerte an die Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit im Jahr 1963 und verband das Jubiläum mit den Zielen der Agenda 2063.
Die Afrikanische Union sieht sich dabei als Stimme eines Kontinents, der stärker in globale Entscheidungen eingebunden werden will. Youssouf verwies auf die dauerhafte Mitgliedschaft der Afrikanischen Union in der G20 und sprach von einem historischen Schritt für Afrikas Beteiligung an der internationalen Wirtschaftspolitik.
Auch die Reform der Vereinten Nationen blieb Teil der Botschaft. Die AU erneuerte ihre Forderung nach einer umfassenden Reform des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, um aus ihrer Sicht die langjährige Benachteiligung Afrikas im internationalen System zu korrigieren.
Wasser, Sicherheit und globale Mitsprache
Das Jahresthema der Afrikanischen Union 2026 konzentriert sich auf Wasserverfügbarkeit und sichere Sanitärsysteme. Damit verbindet die Organisation Fragen von öffentlicher Gesundheit, Klimaanpassung und nachhaltiger Entwicklung.
Youssouf stellte Afrika zugleich als Akteur in globalen Debatten über Frieden, Klima, Ernährungssicherheit, Handel, Gesundheit und Entwicklung dar. In seiner Erklärung würdigte er auch die wachsende internationale Debatte über historische Wiedergutmachung und verwies auf Initiativen Ghanas bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen.
Der Africa Day erhielt zudem eine sportpolitische Note. Neun afrikanische Nationalmannschaften bereiten sich nach Angaben der AU auf die Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft vor. Es wäre die höchste afrikanische Beteiligung in der Geschichte des Turniers.
Choguel Maïga fordert eine andere AU
Aus Mali kam am selben Tag ein deutlich anderer Ton. Choguel Kokalla Maïga veröffentlichte auf X eine Erklärung zum 63. Jahrestag der afrikanischen Einheit und verband sie mit scharfer Kritik an der Afrikanischen Union.

„Das panafrikanische Ideal stößt auf tiefe strukturelle Krisen“, schrieb der frühere malische Premierminister. Sicherheitskrisen, Terrorismus, wirtschaftlicher Druck, Klimafragen und demografische Herausforderungen hätten die Schwächen der Institution offengelegt. Maïga sprach von einer „chronischen institutionellen Lähmung“ der AU.
Mali stehe nach seiner Darstellung im Zentrum dieser Widersprüche. Die traditionellen Mechanismen afrikanischer Solidarität hätten angesichts der terroristischen Gewalt im Land versagt. Der Rückgang demokratischer Ordnungen sei für ihn nicht allein eine Ursache politischer Instabilität, sondern auch Folge von Institutionen, die den Alltag vieler Menschen nicht mehr erreichten.
Sahel-Bündnis als Gegenentwurf
Maïga stellte die Allianz der Sahel-Staaten als Antwort auf diese Lage dar. Mali, Burkina Faso und Niger hatten das Bündnis nach ihrem Bruch mit der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS gestärkt und positionieren es als sicherheits- und souveränitätspolitisches Projekt.
Der frühere Premierminister bezeichnete diesen Kurs nicht als Absage an afrikanische Einheit. „Diese souveränistische Entscheidung ist keine Ablehnung der afrikanischen Einheit, sondern ihre notwendige Neugründung“, erklärte Maïga. Wahrer Panafrikanismus beginne mit der Rückgewinnung sicherheitspolitischer, politischer und wirtschaftlicher Souveränität.
Seine schärfste Formulierung richtete sich direkt an die Afrikanische Union: „Die AU muss aufhören, Resonanzkörper ausländischer Mächte zu sein, und wieder zum Heiligtum afrikanischer Freiheit werden.“
Alte Reformidee, neue Kritik
Maïga knüpfte seine Kritik an die Entstehungsgeschichte der Afrikanischen Union. Der Übergang von der Organisation für Afrikanische Einheit zur AU im Jahr 2002 sollte die Handlungsfähigkeit des Kontinents stärken. An die Stelle strikter Nichteinmischung trat das Prinzip der Nichtgleichgültigkeit, das Eingreifen bei schweren Krisen, Kriegsverbrechen, Völkermord oder Staatsstreichen ermöglichen sollte.

Der frühere malische Regierungschef sieht diesen Anspruch heute verfehlt. Seine Erklärung macht deutlich, wie stark sich die politische Sprache im Sahel von der offiziellen Linie der Afrikanischen Union entfernt hat. Während die AU am Africa Day Einheit, institutionelle Reformen und multilaterale Mitsprache betonte, stellte Maïga die Frage nach Souveränität, Sicherheitsmacht und Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen ins Zentrum.
Der nächste ordentliche Gipfel der Afrikanischen Union ist für Juli 2026 vorgesehen. Zuvor soll der Exekutivrat am 24. und 25. Juni zu seiner 49. ordentlichen Sitzung zusammenkommen. Die Rolle der AU gegenüber den politischen Übergängen im Sahel gehört zu den Themen, die den Kontinent weiter beschäftigen.
