Personen mit Einwanderungsgeschichte spielen eine zentrale Rolle für die Gründungstätigkeit in Deutschland. Aktuelle Auswertungen des KfW-Gründungsmonitors zeigen, dass ihr Anteil unter Gründerinnen und Gründern über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegt. Gleichzeitig bleibt ein erheblicher Teil des vorhandenen Gründungspotenzials ungenutzt. Ursache ist weniger ein Mangel an Bereitschaft als vielmehr strukturelle und gesellschaftliche Faktoren, die den Schritt in die Selbstständigkeit verzögern oder verhindern.
Hoher Anteil an Gründungen durch Personen mit Einwanderungsgeschichte
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hatten im Jahr 2024 rund 26 Prozent der Bevölkerung in Deutschland eine Einwanderungsgeschichte. In der erwerbsfähigen Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren lag der Anteil bei 27 Prozent. Unter Gründerinnen und Gründern war dieser Anteil mit 30 Prozent höher. Bezogen auf insgesamt rund 585.000 Existenzgründungen im Jahr 2024 entspricht dies etwa 178.000 Gründungen durch Personen mit Einwanderungsgeschichte. Diese Zahlen unterstreichen ihre überdurchschnittliche Bedeutung für die unternehmerische Dynamik in Deutschland, wie Daten des KfW-Gründungsmonitors zeigen.
Präferenz für Selbstständigkeit deutlich ausgeprägt
Personen mit Einwanderungsgeschichte weisen häufiger als die Gesamtbevölkerung eine Präferenz für berufliche Selbstständigkeit auf. Im Jahr 2024 hätte sich gut ein Drittel von ihnen unabhängig von der aktuellen Lebenssituation für eine selbstständige Tätigkeit entschieden. In der Gesamtbevölkerung lag dieser Wert bei etwa einem Viertel. Langfristig betrachtet ist die Präferenz für Selbstständigkeit bei Personen mit Einwanderungsgeschichte damit rund 1,4-mal so hoch wie im Durchschnitt der Bevölkerung.

Auch bei der grundsätzlichen Gründungsbereitschaft zeigen sich Unterschiede. Unter Personen ohne bisherige Selbstständigkeitserfahrung können sich im Durchschnitt 30 Prozent vorstellen, künftig ein Unternehmen zu gründen. Bei Personen mit Einwanderungsgeschichte liegt dieser Anteil bei 44 Prozent. Entsprechend stellen sie rund 39 Prozent aller Personen mit Gründungsbereitschaft.
Warum das Gründungspotenzial nicht ausgeschöpft wird
Trotz der ausgeprägten Präferenz für Selbstständigkeit spiegelt sich diese nicht vollständig in den realisierten Gründungen wider. Der Anteil von Personen mit Einwanderungsgeschichte an konkreten Gründungsplanungen liegt mit durchschnittlich 29 Prozent auf dem Niveau der tatsächlich umgesetzten Existenzgründungen. Dies deutet darauf hin, dass begonnene Gründungsprozesse nicht häufiger abgebrochen werden als bei anderen Bevölkerungsgruppen.
Die Zurückhaltung setzt demnach früher an, nämlich bei der Umsetzung von Selbstständigkeitspräferenz und Gründungsbereitschaft in eine konkrete Planung. Klassische Hemmnisse wie finanzielles Risiko, Finanzierungsschwierigkeiten, bürokratische Belastungen, Einkommens- und soziale Unsicherheit werden von Personen mit Einwanderungsgeschichte insgesamt seltener genannt als von der Gesamtbevölkerung.
Gründerimage als besonderes Hemmnis
Eine Ausnahme bildet die Wahrnehmung des gesellschaftlichen Ansehens von Selbstständigkeit. Das sogenannte Gründerimage spielt für Personen mit Einwanderungsgeschichte eine deutlich größere Rolle als Hemmnis. Während 24 Prozent der Gesamtbevölkerung ein im Vergleich zur Anstellung geringeres soziales Ansehen der Selbstständigkeit als Hinderungsgrund nennen, liegt dieser Anteil bei Personen mit Einwanderungsgeschichte bei 37 Prozent.
Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt bei Personen der ersten Generation mit eigener Einwanderungserfahrung sowie bei jenen, die erst im Erwachsenenalter nach Deutschland zugezogen sind. Bei Personen der zweiten Generation nähert sich die Wahrnehmung dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung an. Unterschiede nach Erwerbspräferenz zeigen sich hingegen kaum. Sowohl Personen, die eine abhängige Beschäftigung bevorzugen, als auch jene mit Präferenz für Selbstständigkeit bewerten das Gründerimage ähnlich häufig als Hemmnis.
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und unternehmerische Teilhabe

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass das gesellschaftliche Ansehen von Selbstständigkeit eine relevante Rahmenbedingung für die Ausschöpfung unternehmerischen Potenzials darstellt. Personen mit Einwanderungsgeschichte nehmen ein geringeres Prestige der Selbstständigkeit häufiger wahr und zögern deshalb öfter, den Schritt in eine konkrete Gründungsplanung zu gehen. Die KfW-Analyse zeigt damit, dass strukturelle und kulturelle Faktoren neben ökonomischen Bedingungen eine zentrale Rolle für die unternehmerische Teilhabe spielen.