75 Jahre Goethe-Institut: Steinmeier warnt vor Rückzug aus kultureller Außenpolitik

Zum 75. Jubiläum des Goethe-Instituts warnt Bundespräsident Steinmeier vor einem Rückzug Deutschlands aus der internationalen Kulturarbeit.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat zum 75-jährigen Bestehen des Goethe-Instituts vor einem Rückzug Deutschlands aus der internationalen Kultur- und Bildungsarbeit gewarnt. Er äußerte sich am 23. Juni 2026 bei einem Festakt im Haus der Berliner Festspiele. In einer von Kriegen, geopolitischer Konkurrenz und autoritären Tendenzen geprägten Welt müsse Deutschland kulturell stärker präsent sein, erklärte Steinmeier. Kultur und Wissenschaft gehörten neben militärischer Stärke, Diplomatie und internationalem Recht zu den Grundlagen deutscher Außenpolitik.

Der Bundespräsident bezeichnete das Goethe-Institut als den „wichtigsten Partner der deutschen Außenpolitik“. Die Organisation unterhält 154 Institute in 100 Ländern und fördert dort die deutsche Sprache, kulturellen Austausch und internationale Zusammenarbeit.

Partner aus Politik, Kultur, Zivilgesellschaft und Wirtschaft nahmen an dem Festakt in Berlin teil. Bundesaußenminister Johann Wadephul, Goethe-Präsidentin Gesche Joost und Generalsekretär Johannes Ebert würdigten das internationale Netzwerk als Verbindung zwischen Deutschland und Gesellschaften weltweit.

Steinmeier fordert kulturelle Präsenz in einer polarisierten Welt

Steinmeier stellte die Arbeit des Goethe-Instituts in einen engen Zusammenhang mit den aktuellen außenpolitischen Herausforderungen Deutschlands. Die Welt sei von Krisen, Kriegen und einer wachsenden Faszination für autoritäre Herrschaft geprägt.

Gleichzeitig kehre das Denken in Machtblöcken und Einflusssphären zurück. Daraus dürfe jedoch nicht der Schluss gezogen werden, dass internationale Kulturarbeit an Bedeutung verliere.

„Wer behauptet, es komme in dieser alten und wieder neuen Welt nur noch auf militärische Stärke an, begibt sich auf einen gefährlichen Weg“, sagte Steinmeier.

Deutschland sei keine klassische Großmacht. Seine Außenpolitik müsse deshalb auf vier Pfeilern beruhen: militärischer Stärke, Diplomatie, einer internationalen Rechtsordnung sowie Kultur und Wissenschaft als Form der Soft Power.

Internationale Kulturarbeit schaffe Räume, in denen Verständigung auch jenseits politischer Konflikte und wirtschaftlicher Interessen möglich bleibe. Diese Räume seien keine Ergänzung der Außenpolitik, sondern ein eigenständiger Bestandteil internationaler Beziehungen.

„Ziehen wir uns zurück, werden Rückwege zu einer friedlicheren Zukunft noch schwerer zu finden sein“, erklärte der Bundespräsident.

Goethe-Institut entstand nach dem Nationalsozialismus

Das Goethe-Institut wurde 1951 gegründet. Seine Entstehung stand im Zusammenhang mit dem Versuch der jungen Bundesrepublik, nach dem Nationalsozialismus und der Shoah neues Vertrauen in Deutschland aufzubauen.

Die Bundesregierung übertrug einen großen Teil der Kulturarbeit im Ausland bewusst an eigenständige zivilgesellschaftliche Organisationen. Neben dem Goethe-Institut gehörten dazu der Deutsche Akademische Austauschdienst, die Alexander-von-Humboldt-Stiftung und das Institut für Auslandsbeziehungen.

„Das Goethe-Institut ist ein Kind der Bundesrepublik Deutschland“, sagte Steinmeier. Seine Eltern seien eine vertrauensvolle Politik sowie eine engagierte Zivilgesellschaft.

Die Entscheidung, Kulturarbeit nicht unmittelbar durch staatliche Stellen steuern zu lassen, bezeichnete er als mutigen Schritt. Die freiheitliche Organisation der auswärtigen Kulturarbeit sei in dieser Form international außergewöhnlich gewesen.

Die Gründer hätten darauf vertraut, dass Kunst, Sprache und Bildung helfen könnten, das durch deutsche Verbrechen zerstörte internationale Vertrauen schrittweise wiederherzustellen.

Ausbau in Afrika und im Globalen Süden

Steinmeier erinnerte an Reformen, mit denen das Goethe-Institut seine internationale Präsenz seit den 2000er-Jahren neu ausrichtete. Dazu gehörte ein Abbau von Strukturen in der Zentrale zugunsten einer stärkeren Verantwortung der Standorte in den einzelnen Weltregionen.

Ein Schwerpunkt lag auf dem Ausbau der Institute in Afrika und anderen Teilen des Globalen Südens. Weitere Standorte entstanden oder wurden gestärkt in Zentralasien und im Kaukasus.

Der Bundespräsident verwies auf Begegnungen, die kulturelle Beziehungen zwischen Deutschland und afrikanischen Gesellschaften fördern. Ein Konzert des ghanaischen Musikers George Darko in Accra könne mehr Nähe zu Afrika schaffen als eine politische Rede eines europäischen Besuchers, erklärte Steinmeier.

Als weiteres Beispiel nannte er das neue Goethe-Institut in Dakar. Das Gebäude wird von dem in Burkina Faso geborenen und in Berlin lebenden Architekten Francis Kéré entworfen.

Kulturelle Zusammenarbeit beruhe nicht allein auf der Vermittlung deutscher Positionen. Sie müsse gegenseitiges Interesse zeigen und Raum für Künstler, Kulturschaffende und unterschiedliche gesellschaftliche Perspektiven schaffen.

Wadephul sieht Beitrag zu Sicherheit und Wohlstand

Bundesaußenminister Johann Wadephul würdigte das Goethe-Institut als Vermittler eines modernen Deutschlandbildes.

Die Organisation habe mit kultureller Zusammenarbeit und der Förderung der deutschen Sprache weltweit Menschen für Deutschland gewonnen. Daraus seien Netzwerke entstanden, die für die internationalen Beziehungen des Landes unverzichtbar seien.

„Sie zu stärken, trägt zu Sicherheit und Wohlstand in unserem Land bei“, erklärte Wadephul.

Das Goethe-Institut ist eine sogenannte Mittlerorganisation der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Es erhält einen wesentlichen Teil seiner Finanzierung vom Bund, arbeitet in seinen Programmen jedoch eigenständig.

Diese institutionelle Distanz zum Staat soll es ermöglichen, auch in politisch schwierigen Umfeldern Beziehungen zu Künstlern, Bildungseinrichtungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen aufrechtzuerhalten.

Joost bezeichnet Netzwerk als Freundschaftsangebot

Goethe-Präsidentin Gesche Joost erinnerte daran, dass die Organisation nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes gegründet wurde, um Deutschland durch Kultur, Bildung und Sprache wieder mit der Welt zu verbinden.

„Es ging von Anfang an um die Idee, gemeinsame Zukünfte zu entwerfen“, sagte Joost. Die zentrale Frage laute, wie Gesellschaften miteinander leben könnten.

Das weltweite Netzwerk verstehe sie als „Freundschaftsangebot“, das auch unter schwierigen politischen Bedingungen aufrechterhalten werden müsse.

Die Goethe-Institute bieten Sprachunterricht, Bibliotheken, Kulturprogramme und Kooperationen mit lokalen Partnern an. Sie arbeiten unter anderem mit Schulen, Universitäten, Künstlern, Medien und Organisationen der Zivilgesellschaft zusammen.

Millionen Menschen hätten über das Institut Deutsch gelernt und damit Zugang zu deutscher Kultur, Hochschulen, Unternehmen und zum Arbeitsmarkt erhalten, erklärte Steinmeier.

Kulturarbeit bleibt auch in Krisengebieten aktiv

Die internationale Arbeit des Goethe-Instituts findet teilweise in Ländern statt, die von Krieg, politischer Repression oder gesellschaftlichen Konflikten betroffen sind.

Steinmeier verwies auf Einsätze in Kabul, im Kosovo, in Ruanda und in Syrien. In solchen Regionen unterstütze das Institut Kulturschaffende, schütze kulturelles Erbe und ermögliche Bildungs- und Austauschprogramme.

Die Arbeit sei anspruchsvoll und in Krisengebieten mit persönlichen Risiken für die Beschäftigten verbunden. Der Bundespräsident dankte den Mitarbeitern für ihren Einsatz unter schwierigen Bedingungen.

Auch wenn offizielle politische Beziehungen eingeschränkt seien, könnten kulturelle Kontakte bestehen bleiben. Damit bewahre das Institut Verbindungen, auf die Diplomatie und gesellschaftlicher Austausch später zurückgreifen könnten.

Debatte über Finanzierung und Zukunft

Steinmeier sprach beim Festakt auch Sorgen über die künftige Ausrichtung des Goethe-Instituts an. Innerhalb von Politik und Organisation würden angespannte Diskussionen über notwendige Veränderungen geführt.

Erneuerung gehöre seit seiner Gründung zur Geschichte des Instituts. Zugleich benötige es eine gesicherte finanzielle Grundlage und politische Unterstützung.

Das Goethe-Institut brauche Fürsprecher im Bundestag und Rückhalt gegen Kräfte, die Vielfalt und Offenheit in der internationalen Kulturarbeit ablehnten, sagte der Bundespräsident.

Generalsekretär Johannes Ebert betonte ebenfalls die Bedeutung verlässlicher Partnerschaften und der institutionellen Eigenständigkeit.

„75 Jahre Goethe-Institut sind ein starkes Fundament, aber vor allem ein Auftrag für die Zukunft“, erklärte Ebert. Der internationale Dialog müsse gestärkt und neue Perspektiven müssten in die Zusammenarbeit einbezogen werden.

Die Unabhängigkeit als Mittlerorganisation sei eine Grundlage für Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Sie ermögliche es dem Goethe-Institut, auch unter schwierigen politischen Bedingungen Räume für Begegnung und kulturellen Austausch offenzuhalten.

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