1.000. Kriegstag in Sudan: Zwischen Drohnen, Öl und Diplomatie

Kurz vor dem 1.000. Tag des Krieges in Sudan ist die Zahl ziviler Opfer erneut gestiegen. Nach Angaben der Vereinten Nationen kamen Anfang Januar mindestens 13 weitere Menschen ums Leben, während sich die Kämpfe insbesondere in den Regionen Darfur und Kordofan verschärfen. Drohnenangriffe, Luftschläge und Belagerungen treiben die Vertreibung der Zivilbevölkerung weiter voran und verschärfen eine der größten humanitären Krisen weltweit.

Anhaltende Kämpfe zwischen Armee und RSF

Seit April 2023 liefern sich die sudanesischen Streitkräfte (Sudanese Armed Forces) und die paramilitärischen Rapid Support Forces (Rapid Support Forces) einen landesweiten Machtkampf. Während die RSF vor allem im Westen und Süden des Landes an Einfluss gewonnen haben, kontrolliert das Militär große Teile des Ostens sowie die Hauptstadt Khartum. Diese faktische Teilung des Landes hat die Sicherheitslage weiter fragmentiert.

UN-Sprecher Stéphane Dujarric erklärte, die jüngsten Todesfälle seien Ausdruck einer zunehmenden Gewaltspirale, die Zivilisten einem „extremen Risiko“ aussetze und neue Fluchtbewegungen auslöse.

Drohnenangriffe und zivile Opfer in Kordofan und Darfur

Besonders betroffen ist Nord-Kordofan. In der Regionalhauptstadt El Obeid wurden am 6. Januar mindestens zehn Zivilisten getötet, als eine RSF-Drohne ein Wohnhaus traf. Unter den Opfern befanden sich mehrere Mitglieder einer Familie, darunter Frauen und Kinder. Weitere Anwohner wurden verletzt.

In den ersten Januartagen intensivierten beide Konfliktparteien den Einsatz von Drohnen und Luftangriffen. Ziele waren militärische Einrichtungen wie die Merowe-Luftwaffenbasis, aber auch zivile Infrastruktur, darunter Stromstationen, Märkte und Krankenhäuser. Lokale Organisationen berichten von mehr als 150 getöteten Zivilisten binnen weniger Tage.

Massive Vertreibung der Zivilbevölkerung

Nach Angaben der International Organization for Migration flohen allein zwischen dem 31. Dezember und dem 4. Januar rund 1.000 Menschen aus einer Ortschaft in Süd-Kordofan. Weitere 2.000 Menschen wurden Anfang Januar in Nord-Kordofan vertrieben. Insgesamt verzeichneten die UN zwischen Ende Oktober und Ende Dezember etwa 65.000 neue Binnenvertriebene in der Kordofan-Region.

Landesweit sind inzwischen mehr als zwölf Millionen Menschen auf der Flucht. Damit zählt Sudan laut dem UN-Nothilfebüro OCHA zu den größten Vertreibungskrisen weltweit.

Belagerungen und drohende humanitäre Katastrophen

In Süd-Kordofan spitzt sich die Lage weiter zu. Die Sudanese Doctors Network berichtete von anhaltendem Beschuss und einer Belagerung der Stadt Dilling durch RSF-nahe Kräfte und verbündete Milizen. Die Versorgung mit Lebensmitteln und medizinischem Material sei nahezu zusammengebrochen. Kommunikationsausfälle erschwerten eine genaue Erfassung von Todesopfern und Verletzten.

Ähnliche Szenarien hatten sich zuvor bereits in El Fasher in Nord-Darfur abgespielt, wo es zu massiver Vertreibung und humanitären Notlagen gekommen war.

Internationale Reaktionen und UN-Appelle

Die Vereinten Nationen äußerten sich alarmiert über die jüngste Eskalation. OCHA verwies darauf, dass Drohnenangriffe auf Märkte und medizinische Einrichtungen die ohnehin dramatische humanitäre Lage weiter verschärfen. Menschenrechtsorganisationen warfen beiden Seiten Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht vor und forderten ein sofortiges Ende der Luftangriffe auf zivile Ziele.

UN-Vertreter erneuerten den Appell zu einer sofortigen Einstellung der Kampfhandlungen, zum Schutz der Zivilbevölkerung sowie zu ungehindertem humanitärem Zugang.

Wiederaufbauansätze in Khartum

Parallel zur Eskalation in den Konfliktregionen versuchen UN-Organisationen, in Teilen Khartums die Lebensbedingungen zu verbessern. Nach der Rückeroberung der Stadt durch Regierungstruppen unterstützen das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) und Partnerorganisationen die Beseitigung von Trümmern, schaffen kurzfristige Arbeitsmöglichkeiten und helfen bei der Verteilung von Medikamenten trotz stark beschädigter Infrastruktur.

Im nordöstlich von Khartum gelegenen Ed-Damer werden zudem psychosoziale Unterstützungsangebote für Frauen bereitgestellt.

Wirtschaftliche Interessen und der Konflikt um Heglig

Ein Abkommen über die Ölfelder von Heglig in West-Kordofan hat zuletzt für kontroverse Diskussionen gesorgt. Infolge direkter Gespräche zwischen sudanesischen und südsudanesischen Akteuren wurde das Gebiet zeitweise neutralisiert, um wirtschaftliche Interessen zu sichern. Das Ölfeld verarbeitet rund 130.000 Barrel südsudanesisches Rohöl pro Tag.

Politische Beobachter werten das Abkommen als Hinweis darauf, dass die Konfliktparteien zu Kompromissen bereit sind, wenn wirtschaftliche Interessen betroffen sind, während der Schutz der Zivilbevölkerung in anderen Regionen weiterhin ausbleibt.

Diplomatische Bemühungen und zivile Initiativen

Auf diplomatischer Ebene bemühen sich Ägypten und Saudi-Arabien im Rahmen des sogenannten Quartetts, dem auch die USA und die Vereinigten Arabischen Emirate angehören, um eine humanitäre Waffenruhe. Gleichzeitig haben sudanesische zivile und politische Kräfte in Kairo die „Cairo Charter“ verabschiedet. Das Dokument fordert ein Ende des Krieges, den Schutz der Zivilbevölkerung und die Wiederherstellung einer verfassungsmäßigen Ordnung.

Unterzeichner, darunter der frühere Premierminister Abdalla Hamdok, streben eine Bündelung der zivilen Kräfte und Reformen des Sicherheitssektors an.

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