Die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch US-amerikanische Kräfte Anfang Januar 2026 hat die geopolitischen Spannungen auf dem Energiemarkt verschärft. Trotz des sicherheitspolitischen Einschnitts gaben die Ölpreise nach, was neue Unsicherheiten für rohstoffabhängige Staaten schafft. Besonders Algerien, dessen Staatseinnahmen stark von Öl- und Gasexporten abhängen, steht im Fokus möglicher indirekter Folgen. Wirtschaftsexperten verweisen auf strukturelle Risiken für Haushalt, Handelsbilanz und die Position innerhalb der OPEC+.
Eskalation zwischen Washington und Caracas

Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro wurde in der Nacht vom 3. Januar 2026 im Zuge eines US-amerikanischen Angriffs auf Venezuela entführt. US-Präsident Donald Trump deutete kurz darauf an, dass der Zugriff auf die umfangreichen venezolanischen Ölreserven ein zentrales strategisches Ziel darstelle. Diese Reserven werden auf rund 300 Milliarden Barrel geschätzt und machen etwa 18 Prozent der weltweiten Vorkommen aus.
In einer Pressekonferenz erklärte Trump, große US-amerikanische Ölkonzerne würden in Venezuela investieren und mit milliardenschweren Ausgaben die Förderung wiederbeleben. Die Aussagen unterstrichen den energiepolitischen Charakter der militärischen Eskalation und rückten Venezuela erneut in den Mittelpunkt globaler Rohstoffinteressen.
Ölpreise reagieren entgegen den Erwartungen
Trotz der geopolitischen Zuspitzung kam es nicht zu einem Preisanstieg am Ölmarkt. Am Montag nach dem Angriff fiel der Preis für Nordseeöl in Asien zeitweise auf rund 60 US-Dollar pro Barrel. Dieses Verhalten des Marktes wird von Ökonomen als ungewöhnlich beschrieben, da internationale Rohstoffmärkte in der Vergangenheit häufig bereits auf geringere politische Spannungen mit deutlichen Ausschlägen reagiert hatten.
Der algerische Ökonom Brahim Guendouzi, Professor an der Universität Tizi Ouzou, sieht die Ursache darin, dass eine geopolitische Risikoprämie bereits in den Wochen zuvor eingepreist worden sei. Die wiederholten Ankündigungen Trumps in Bezug auf Venezuela hätten den Markt auf ein Eskalationsszenario vorbereitet.
Überangebot und begrenzte Rolle Venezuelas
Guendouzi verweist zudem auf eine derzeit relativ überversorgte Marktlage. Die venezolanische Ölproduktion liege mangels Investitionen aktuell bei rund 900.000 Barrel pro Tag und spiele damit eine untergeordnete Rolle im globalen Angebot. Gerade diese Ausgangslage erkläre, weshalb selbst ein gravierendes politisches Ereignis kurzfristig keine Preisspitzen ausgelöst habe.
Mittelfristig könnte sich die Situation jedoch verändern. Sollte die Förderung in Venezuela unter US-amerikanischer Kontrolle rasch ausgeweitet werden, bestehe das Risiko einer Überproduktion. In einem solchen Szenario könnten die Preise dauerhaft unter die Marke von 60 US-Dollar pro Barrel fallen.
Risiken für Algeriens Staatsfinanzen

Für Algerien hätte ein anhaltend niedriges Preisniveau spürbare Konsequenzen. Nach Einschätzung Guendouzis würde jeder Dollar unterhalb der 60-Dollar-Schwelle die Fähigkeit des Staates einschränken, seine öffentlichen Ausgaben zu finanzieren. Gleichzeitig würde sich das bereits bestehende Haushaltsdefizit weiter vergrößern und der Außenhandel zusätzlich unter Druck geraten.
Algerien gilt als strukturell anfällig für Schwankungen am Ölmarkt. Ein längerfristiger Preisverfall würde diese Verwundbarkeit verstärken, da die Einnahmen aus dem Export von Erdöl und Erdgas den Kern der Devisenzuflüsse bilden.
Auswirkungen auf die OPEC und OPEC+
Ein weiteres Risiko sieht der Ökonom in einer möglichen energiepolitischen Annäherung zwischen den USA und Venezuela. Eine solche Konstellation könnte die Verhandlungsmacht der OPEC schwächen. Für Mitgliedstaaten wie Algerien würde dies eine geringere Einflussmöglichkeit auf Fördermengen und Preisstabilisierung bedeuten.
Um einen Preisverfall abzufedern, bliebe der OPEC+ unter Umständen nur die erneute Reduzierung der Förderquoten. Algerien könnte dabei in eine doppelte Belastung geraten, indem es seine eigene Produktion drosselt und zugleich mit sinkenden Einnahmen aufgrund niedriger Preise konfrontiert ist.
Aktuelle Abstimmungen innerhalb der OPEC+
Vor diesem Hintergrund fand am 4. Januar 2026 eine Videokonferenz der sogenannten Gruppe der Acht innerhalb der OPEC+ statt. Neben Algerien nahmen Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Irak, Kasachstan, Kuwait, Oman und Russland teil. Algerien war durch Energieminister Mohamed Arkab vertreten, begleitet von der Führung des staatlichen Energiekonzerns Sonatrach und der Agentur Alnaft.
Saudi Arabia, Russia, Iraq, UAE, Kuwait, Kazakhstan, Algeria, and Oman reaffirm commitment to market stability on steady global economic outlook and current healthy oil market fundamentals as reflected in low inventories
— OPEC (@OPECSecretariat) January 4, 2026
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Nach Angaben des algerischen Energieministeriums diente das Treffen der regelmäßigen Bewertung der Marktlage sowie der Koordinierung freiwilliger Produktionsanpassungen. Diskutiert wurden die kurzfristigen Marktaussichten in einem internationalen Umfeld, das von Unsicherheit und moderater Nachfrage geprägt ist. Die Krise in Venezuela wurde im offiziellen Kommuniqué nicht ausdrücklich erwähnt.
Preisprognosen und internationale Einschätzungen
Mohamed Arkab betonte die Notwendigkeit erhöhter Wachsamkeit und enger Abstimmung innerhalb der OPEC+ und bekräftigte Algeriens Bereitschaft, kollektive Entscheidungen umzusetzen. Diese seien kohärent und an die aktuellen Marktbedingungen angepasst.
Nach Prognosen der US-amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs könnten die Ölpreise im Jahr 2026 bei etwa 56 US-Dollar pro Barrel liegen. Zugleich wird erwartet, dass die venezolanische Produktion bei rund 900.000 Barrel pro Tag verharrt. Wie TSA berichtet, unterstreichen diese Einschätzungen die anhaltende Unsicherheit für erdölexportierende Länder wie Algerien.